Herr Stolzenburg, an Ihrer Schule, der Peter-Ustinov-Gesamtschule in Monheim, läuft ein ganz besonderes Projekt. Erzählen Sie mal bitte davon!
Mit unserer Partnerschule in Tirat Carmel in Israel pflegen wir seit bald drei Jahren einen intensiven Austausch und Kontakt. Einen Monat vor dem Anschlag, im September 2023, war eine erste Gruppe von Schülern und Lehrkräften vor Ort. Doch durch den Krieg ist das nur noch eingeschränkt möglich. Vor gut einem halben Jahr haben wir ein künstlerisch-musikalisches Projekt gestartet: „Zukunft, Liebe, Hoffnung“. Bei unserer ersten Videokonferenz war uns allen nicht bewusst, welche Dimensionen das erreichen würde.
Was genau passiert dabei?
Kinder in Israel, zwischen elf und 13 Jahre alt, und unsere Oberstufenschüler im Alter von 17 bis 19, drücken mit Musik und Kunst aus, was sie sich von der Zukunft erhoffen. Vor allem die Kunstwerke der israelischen Mädchen und Jungen, die jetzt drei Jahre Krieg hinter sich haben, sind sehr beeindruckend. Das Plakat von Liron, einem 13-jährigen Mädchen, wurde zu unserem Leitmotiv. Sie hat ein Bild gemalt, auf dem ein Mädchen am Strand hoffnungsvoll aufs Meer schaut.
Warum ist Ihnen der Austausch von jungen Menschen aus diesen beiden Ländern so wichtig?
Die Träume aller Heranwachsender sind doch sehr ähnlich – egal, wo sie leben, aufwachsen und wie unterschiedlich die Lebenssituationen auch sind. Sie alle träumen von Frieden.
Ihre Schule engagiert sich gegen Rassismus, der Umgang mit Erinnerungskultur und Demokratieförderung sind wichtige Themen im Schulalltag. Warum sind Ihnen diese Themen so wichtig?
Wir leben in schwierigen Zeiten. Das bespreche ich auch mit unseren Jugendlichen in der Schülervertretung. Die sagen mir: „Herr Stolzenburg, wir als junge Generation lesen eigentlich nur noch von furchtbaren Sachen auf dieser Welt.“ Eine Schülerin meinte, deshalb sei Instagram für sie so interessant. Dort werde ihr eine schöne Welt gezeigt. Das alles beschäftigt mich sehr, ich bin Lehrer geworden, um Schüler an Prozessen partizipieren zu lassen.
Wie reagiert das Kollegium?
Ich habe viele sehr engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sagen: Wir können nicht warten, dass uns geholfen wird. Wir müssen selber aktiv werden. Wir brauchen eine Haltung. Wir schauen nicht weg, wir diskutieren Probleme. Darauf bin ich wirklich sehr stolz! Und das führt dazu, dass die allermeisten gern zur Schule kommen.
Gerade das Verhältnis zu Israel ist derzeit stark belastet. Wie reagieren Ihre Schülerinnen und Schüler darauf?
Wir haben 1400 Schüler aus 60 Nationen. Zur Wahrheit gehört auch, dass wir hier antisemitische Strömungen haben und nicht alle von unserem Projekt überzeugt waren. Im Vorfeld gab es zwei Vorfälle mit Antisemitismus, die zur Androhung von Schulverweisen führten. Anfangs stießen wir auf große Ablehnung und Skepsis. Viele sagten: Warum sollen wir jetzt was mit Israel machen, nach dem, was im Gazastreifen passiert ist? Aber wir haben uns der Diskussion mit der Schülervertretung gestellt.
Zur Person
Horst Stolzenburg, 63, unterrichtet Mathematik und Biologie. Er leitet die Peter-Ustinov-Gesamtschule in Monheim am Rhein. Er engagiert sich für Nachhaltigkeit, digitale Schulentwicklung und die Förderung praxisbezogenen Unterrichts.
Was kamen da für Reaktionen?
Ein 14-jähriges Mädchen, das im Gazastreifen Verwandtschaft hat, sagte zum Beispiel: „Herr Stolzenburg, ich finde das toll, wenn wir was mit Kindern machen. Aber ich bin zerrissen. Ich habe Beziehungen zum Gazastreifen, und dem gerecht zu werden, das fällt mir wahnsinnig schwer.“ Das hat mich sehr berührt, denn es ist so wichtig, Kindern zuzuhören. Aber wir sind nicht politisch, und unser Leitmotiv ist jetzt: Wir ziehen in den Frieden. Das hat auch die kritischen Stimmen überzeugt. Großen Dank an Udo Lindenberg!
Was hat Udo Lindenberg damit zu tun?
Unser Popchor darf sein Lied „Wir ziehen in den Frieden“ bei einer Veranstaltung singen. Das hat ganz viel bewegt. Und wir haben beschlossen: Wir wollen nicht einseitig sein. Wir unterstützen auch den Gazastreifen. Dafür haben wir das Deutsche Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes gewonnen, das das Victoria Hospital in Jerusalem unterstützt. Und wir haben in der Schule eine Debatte über Israel geführt.
Die Schüler haben über das Israel-Projekt abgestimmt
Die Schüler haben über das Projekt abgestimmt?
Wir haben die Schülerinnen und Schüler eines Projektkurses in der Oberstufe, der sich mit internationalen Kooperationen beschäftigt, gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit mit Tirat Carmel bei diesem Projekt vorstellen können. Wir haben gesagt: Ihr entscheidet, ob ihr euch auf eine Diskussion einlassen wollt. Als die Abstimmung war, sind wir rausgegangen. Meine Kollegin und ich, wir haben buchstäblich vor der Tür auf das Ergebnis gewartet. Ich muss zugeben, für mich war es nicht leicht, die Verantwortung abzugeben und das auszuhalten. Und die Schüler haben entschieden: Wir lassen uns auf eine Diskussion ein. Die Gesprächsleitung dafür haben wir dann an eine der Kritikerinnen des Projekts übertragen.
Warum haben die Jugendlichen trotz anfänglicher Skepsis, doch zugestimmt?
Ein 17-jähriger Schüler hat mir gesagt: „Ich war anfangs dagegen. Aber ich finde es toll, dass wir jetzt dieses Schulprojekt mit Israel unterstützen. Für mich ist es ein ein wichtiges Zeichen, dass wir zusammenhalten, uns gegenseitig helfen, egal wie weit wir voneinander entfernt sind. Es fühlt sich gut an, einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass Schüler dort bessere Chancen haben. Am Ende verbindet uns alle der Wunsch, in einer friedlichen Welt zu lernen und unsere Zukunft aktiv mitzugestalten.“ Und ein Mädchen sagte: „Ich traute mich endlich mehr. Ich traute mich, hier in diesem Raum zu sprechen, und es gab keine falschen Worte.“
Nun könnte man einwenden, solche Projekte seien nicht die Aufgabe von Schule. Sie sollten sich lieber mehr auf Mathe, Deutsch und Englisch konzentrieren.
Ich bin Mathelehrer und könnte jetzt sagen: Es ist vielleicht wichtiger die Integralrechnung durchzunehmen. Aber was für junge Menschen entlassen wir in unsere Gesellschaft? Dieses Projekt hat den Schülerinnen und Schülern so viel mitgegeben. Wir alle haben so viel gelernt.
Was haben Sie gelernt?
Nicht nur über die Shoah oder den Holocaust, sondern auch viel über jüdisches Leben und Andersartigkeit allgemein. Wir pflegen fünf internationale Partnerschaften. Aber ich würde mir wünschen, dass wir noch mehr Raum dafür hätten. Denn ich glaube, es ist sehr wichtig, Kindern die Vielfältigkeit der Welt zu zeigen, wie andere Menschen leben. Und ich möchte mal an dieser Stelle für meine Schülerinnen und Schüler eine Lanze brechen. Sie sind keine verlorene Generation, aber man muss ihnen Angebote machen. Und das ist manchmal wichtiger als eine Stunde Mathe.
Jetzt ist Ihre Schule sogar für einen wichtigen Preis nominiert.
Ja, wir sind für den Margot-Friedländer-Preis 2026 nominiert. Und das ist für uns eine große Ehre. Margot Friedländer war eine großartige Frau. Sie hat uns vorgelebt: Egal, ob wir jüdischen oder muslimischen Glaubens sind – wir haben alle dasselbe Blut. Sie hat gezeigt, wie wichtig es ist, selbst als ein Mensch, der viel Leid erfahren hat, immer wieder anderen die Hand zu reichen. Eine Schülerin, sie ist 17, hat es so beschrieben: „Jeder Mensch wünscht sich was anderes, sei es Reichtum, Gesundheit oder Karriere. Aber wenn man alle diese Optionen verloren hat, ist das Einzige, was man sich wünscht, draußen den Nachthimmel zu bewundern. Den Moment ohne Sorgen mit denen, die man liebt, zu genießen.“ Da kriegt man doch eine Gänsehaut! Bisher sind vielleicht 100 Menschen an unserer Schule an diesem Projekt beteiligt. Aber damit dürfen wir uns nicht zufriedengeben – Zukunft, Liebe, Hoffnung sollten zu einer Haltung werden, die unsere gesamte Schulgemeinde trägt.