Urteil im Sexy-Cora-Prozess Ihr Tod war der Preis für den Ruhm


Die fünfte Brustvergrößerung war zu viel: Vor zwei Jahren starb die Pornodarstellerin und Ex-"Big Brother"-Kandidatin Sexy Cora. Jetzt wird das Urteil gegen die Narkoseärztin erwartet.

Körbchengröße F hatte sie schon. Doch groß war ihr nicht groß genug. Größe G sollte es werden. Für ihre fünfte Brustvergrößerung hatte sich Carolin Wosnitza alias "Sexy Cora" in eine Hamburger Spezialklinik begeben. Hier hatte man sich auf sogenannte Übergrößeeingriffe mit Implantaten von mehr als 600 Millilitern spezialisiert. Doch schon wenige Minuten nach Beginn der Operation im Januar 2011, erlitt die 23-Jährige einen Herzstillstand und musste wiederbelebt werden. Sexy Cory starb nach einer Woche im Koma im Universitätsklinikum in Hamburg an einer Hirnlähmung.

Bereits am zweiten Verhandlungstag wird nun das Urteil im Prozess gegen die Narkoseärztin erwartet. Beim Prozessauftakt vor dem Hamburger Landgericht hatte die Angeklagte die Schuld an der tödlichen Schönheitsoperation auf sich genommen. Die 56 Jahre alte Medizinerin ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Bei einer Verurteilung könnte sie eine Geldstrafe bekommen, aber auch bis zu fünf Jahre Haft.

Sauerstoffmangel soll Herzstillstand ausgelöst haben

Die Narkoseärztin erklärte, sie habe den Herzstillstand während der Operation nicht sofort erkannt, weil an einem Gerät ein Alarmton ausgeschaltet war. "Bei der Beatmung will sie dagegen alles richtig gemacht haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sorgte die Medizinerin nach dem Einleiten der Vollnarkose jedoch nicht für eine ausreichende Beatmung über eine Sauerstoffmaske. Der Sauerstoffmangel, der unbemerkt geblieben sei, habe den Herzstillstand ausgelöst. Darauf habe die Ärztin nicht mit den vorgeschriebenen Wiederbelebungsmaßnahmen reagiert.

Auch ein medizinischer Gutachter geht davon aus, dass die Frau ihre Sorgfaltspflichten verletzt hat. Es sei am wahrscheinlichsten, dass die Patientin nicht korrekt beatmet worden sei - und die Narkoseärztin dies nicht bemerkt habe, sagte der Sachverständige am ersten Prozesstag.

Ruhm um jeden Preis

Der Tod der jungen Frau hatte Fragen nach der Verantwortung der Ärzte und nach der Qualität der Schönheitschirurgie in privaten Kliniken aufgeworfen. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst auch gegen den Operateur der Alster-Klinik ermittelt.

Aber der Fall warf auch ein grelles Licht auf die Trash-Branche: Wie weit sind Privatfernsehbekanntheiten und Protagonisten des Reality-TV bereit zu gehen, um Aufmerksamkeit für sich und ihren Körper zu erlangen? Welche Gefahren nehmen sie dafür auf sich?

"Mein Körper ist mein Kapital"

"Ich wollte schon immer eine große Brust haben", sagte Sexy Cora im Herbst 2009 auf der Erotikmesse Venus in Berlin. Gerade war sie für Sat.1 durch die Gänge gelaufen. Sie sitzt auf einem Tischchen zwischen schwarzen Ledersofas in einer der Messehallen. Es ist die Zeit, in der die Trash-Magazine des Privatfernsehens aufmerksam auf sie werden. Carolin trägt einen knappen weißen Rock und viele Tätowierungen. Neben ihr sitzt ihr Manager, nicht groß, aber sehr breit. "Mit 18 habe ich die erste Brust-OP gemacht", sagt sie, "von B auf D." Und dann sagte sie diesen Satz, der damals viel harmloser klang als heute: "Mein Körper ist mein Kapital." Ein paar Monate später zog sie ins "Big Brother"-Haus ein. Auf der nächsten Venus-Messe im Herbst 2010 wurde sie zur besten Amateurdarstellerin gewählt.

Brustvergrößerungen sind in der Pornobranche zum Werbemittel geworden. Chirurgische Eingriffe erscheinen auf den Seiten der Darstellerinnen als PR-Nachricht. Auch viele Reality-TV-Berühmtheiten scheinen zu glauben, dass ein größerer Busen größere Aufmerksamkeit bringt. Wohin es führen kann, wenn der Chirurg zum Karrierehelfer werden soll, hat einst Heidi Montag gezeigt. Die Amerikanerin war über eine MTV-Serie bekannt geworden und hatte sich nicht nur an der Brust operieren lassen. Die Implantate der Körbchengröße G musste sie irgendwann entfernen. Sie taten zu sehr weh. "Chirurgie ist kein Glamour", sagte Montag in einer Fernsehshow, in der sie ihr Operationsleid klagte und die Narben zeigte.

Von BH-Größe F auf G

Auch Gina Lisa, einst "Topmodel"-Kandidatin, ließ sich den Busen vergrößern. Danach sei eine Brust zum Ballon geschwollen, berichtete ihr Ex-Freund später auf "Bild.de". Zahlen zu solchen Komplikationen gibt es kaum. Besonders große Implantate erhöhten aber die chirurgische Komplikationsrate, sagt Professor Günter Germann, Vorstandsmitglied der Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. "Die Hautheilung ist schwieriger, das Wundheilungsrisiko höher."

Sexy Cora hatte geplant, sich ihren Busenumfang von Körbchengröße F auf G zu erweitern. Der Notarzt, den die Klinik rief, hat deren Chirurgen angezeigt. "Ich halte es nicht für hilfreich, das besonders zu bewerben", sagt Günter Germann. Kann einer, der so wirbt, überhaupt kritisch beraten?

Die Brüste wuchsen und wuchsen

Wenige Wochen vor Sexy Coras Tod hatte die Verbraucherzentrale in Hamburg die Zunft der Schönheitschirurgen im November 2010 scharf kritisiert. Von elf Ärzten, die eine Testpatientin besucht hatte, weil sie sich angeblich die Brust vergrößern lassen wollte, hätten zehn "eher schlecht bis sehr schlecht beraten" und im Gespräch kaum nach den Beweggründen für die Operation gefragt. Dass ebendies bei solchen Operationen besonders wichtig ist, legen verschiedene Untersuchungen nahe, die gezeigt haben, dass die Selbstmordwahrscheinlichkeit bei Frauen mit operierten Brüsten deutlich steigt. Es könne mit psychischen Problemen – etwa einem niedrigen Selbstwertgefühl oder einem gestörten Körperbild - zu tun haben, mutmaßten die Forscher.

Auf der Venus-Messe erzählte Carolin damals, wie ihre Porno-Karriere begonnen hatte. Eigentlich redete mehr ihr Manager-Mann. Bei ihrem ersten öffentlichen Dreh "wäre sie am liebsten weggelaufen", erinnerte er sich. "Ich habe gesagt: Komm, zieh's durch." Carolin sagt: "Ich hab gezittert." Sie tut viel für die Aufmerksamkeit. In den Dünen schläft sie mit Dutzenden Männern, bis die Polizei kommt. Bei einem Blowjob-Rekordversuch bricht sie zusammen. Und dann die ganzen Operationen. Immer und immer wieder ließ sie nachlegen. Die Brüste waren ihr Kapital. Dieses sollte gemehrt werden. Letztendlich brachte es ihr den frühen Tod.

Johannes Gernert, Swantje Dake mit DPA

Mehr zum Thema