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Zwist mit Behörden und Wissenschaft Winfried Stöckers Corona-Vakzin ist nicht zugelassen, er verimpft es dennoch – an seinem eigenen Flughafen

Prof. Dr. Winfried Stöcker hat einen eigenen Corona-Impfstoff an sich selbst ausprobiert
Winfried Stöcker, Unternehmer, Mediziner und Inhaber des Lübecker Flughafens, wagte einen Selbstversuch: Er injizierte sich ­Virus-Eiweiße, die ihn immun gegen Sars-CoV-2 gemacht haben könnten.
© Carsten Rehder / Picture Alliance
Er verkaufte sein Unternehmen der Labordiagnostik für 1,2 Milliarden Euro, erwarb den Lübecker Flughafen – und entwickelte einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Damit trifft Winfried Stöcker einen Nerv und eckt trotzdem an. Was steckt dahinter?

Einen der erfolgreichsten und wirksamsten Corona-Impfstoffe der Welt hat mit Biontech eine Firma aus Deutschland entwickelt. Doch nicht nur große Konzerne versuchten sich an der Impfstoff-Entwicklung. Daneben gibt es Figuren wie Winfried Stöcker, ein Medizinprofessor, Unternehmer und Einzelkämpfer. Im Osten Deutschlands ist er als Investor bekannt, den Norddeutschen dürfte er vor allem als Inhaber des Lübecker Flughafens ein Begriff sein.

Genau dort sorgte er mit einer umstrittenen Impfaktion für Schlagzeilen. Er soll dort Dutzenden Freiwillige einen Impfstoff verabreicht haben, von dem die Polizei vermutet, dass er nicht zugelassen ist. Daher beendeten die Beamten am Wochenende die Aktion. Wer ist der Mann, der seinen eigenen Flughafen kurzerhand zu einer Art mutmaßlich illegalem Impfzentrum zweckentfremdete?

Stöckers Erfolgsgeschichte startete Ende der 1980er Jahre mit der Gründung von Euroimmun, ein Unternehmen, das auf Labordiagnostik spezialisiert ist und unter anderem Verfahren entwickelt, um Autoimmun- und Infektionskrankheiten zu erkennen. 2017 verkaufte Stöcker Euroimmun, das 3100 Angestellte an 17 Standorten beschäftigt, für 1,2 Milliarden Euro an ein US-Unternehmen.

Immun dank eigenem Impfschutz?

Als Corona schließlich Deutschland erreichte, versuchte sich der Laborpionier am Kampf gegen die Pandemie zu beteiligen. Dass dieses Engagement am Ende mehr Ärger einbringen als von gesellschaftlichem Nutzen sein würde, ahnte er damals vermutlich noch nicht.

In seinem privaten Labor mit 50 Angestellten entwickelte Stöcker ein Antigen, das er zunächst an sich selbst, später auch an Familienmitgliedern und Freiwilligen testete. Mehr als eine halbe Stunde habe er nicht gebraucht, um den Impfstoff herzustellen. In drei Monaten könne demnach genug Impfstoff hergestellt werden, um ganz Deutschland zu impfen, erklärte er unter anderem bei stern-tv und deklarierte den Wirkstoff als unbedenklich. Nach eigenen Angaben habe er keine Nebenwirkungen verspürt.

Stöcker kontaktierte daraufhin den Chefvirologen der Berliner Charité, Christian Drosten. Der bot einen Neutralisationstest an. Damit wird überprüft, ob spezifische Antikörper gebildet wurden, die das Coronavirus neutralisieren. Die Ergebnisse fielen eindeutig aus, der Selbstversuch war erfolgreich. Auch das Institut des Virologen Hendrik Streeck in Bonn hielt das Antigen für wirksam.

Strafanzeige statt Genehmigung

Das veranlasste Stöcker dazu, sich direkt an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zu wenden, das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen und Arzneimitteln zuständig ist. Eine Vorladung folgte drei Monate später im Dezember 2020 – allerdings vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. Stöcker habe gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen, weil er das entwickelte Antigen klinisch geprüft habe, ohne vorher eine Genehmigung eingeholt zu haben, so der Verdacht des PEI. Deshalb leitete das Landeskriminalamt ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein.

Dagegen ging Stöcker vor. Vertreten wird er übrigens vom FDP-Politiker Wolfang Kubicki. Der beantragte das Ende des Ermittlungsverfahrens. Den Vorwurf, sein Mandant habe eine klinische Prüfung durchgeführt, wies er zurück und betonte, der Wirkstoff sei nur auf Wunsch der Freiwilligen verabreicht worden. Deshalb sei Stöcker kein Strafvorwurf zu machen. Mit dem Impfstoff wolle er kein Geld verdienen, sagte Stöcker dem "Spiegel". Das Vakzin solle nur so schnell wie möglich der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, deshalb habe er einen eher unkonventionellen Weg eingeschlagen.

Kritik an Stöckers Vorgehen äußerte unter anderem auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: "Wenn weltweit mit Hochdruck von Impfspezialisten an einem Impfstoff gearbeitet wird, muss man sehr selbstbewusst sein, um glauben zu können, dass man als Einzelperson noch einen Unterschied machen kann. Und wenn ohne Zulassung geimpft wird, ist das hochproblematisch, das wirft rechtliche und ethische Fragen auf." Er könne ein solches Vorgehen nicht begrüßen.

Auch jenseits der Wissenschaften ist Stöcker eine umstrittene Persönlichkeit. Vor allem weil er sich kontrovers über die Asylpolitik äußerte und zum Sturz von Angela Merkel aufrief. Nach Informationen des "Spiegel" ist Stöcker zudem Großspender der AfD. Der Partei beitreten möchte er aber nicht.

cl

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