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Großbritannien Neue Corona-Variante zu 70 Prozent ansteckender? Warum diese Aussage mit Vorsicht interpretiert werden muss

stern-Journalist Christoph Koch im Interview zur Coronavirus-Mutation
Sehen Sie im Video: "Die Virus-Mutation ist wahrscheinlich schon hier" – stern-Experte Koch zu Gefahren durch Mutationen.
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Die Zahl klingt alarmierend: Die neue Coronavirus-Variante aus Großbritannien soll zu 70 Prozent ansteckender als ihr Vorgänger sein – sagt Premierminister Boris Johnson. Viele Fragen sind allerdings noch offen.

Ein gutes Jahr nach Bekanntwerden des Coronavirus sorgt eine Corona-Variante aus Großbritannien für Schlagzeilen: Das Virus trägt den kryptischen Namen "VUI-202012/01". In der britischen Bevölkerung hat sich die Virusvariante von Sars-CoV-2 seit September besonders schnell ausgebreitet – die Gründe dafür werden aktuell untersucht. Vieles spricht dafür, dass die Variante einen Selektionsvorteil hat, also ein Merkmal, das zu einer stärkeren Verbreitung des Erregers führt. "VUI-202012/01" besitzt unter anderem mehrere Mutationen am sogenannten Spike-Protein des Coronavirus, mit dem Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt.

Premierminister Boris Johnson hatte am Samstag erklärt, die neue Variante sei um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form. Unklar war zunächst, wie Johnson zu dieser Erkenntnis kam. Vieles spricht dafür, dass es sich um einen Schätzwert unter anderem auf Basis von Virusnachweisen handelt. So kann beispielsweise untersucht werden, wie häufig die neue Variante in einem zeitlichen Verlauf im Vergleich zur ursprünglichen Variante aufgetreten ist. Für die Berechnungen wird eine große Anzahl sogenannter Genomsequenzierungsdaten benötigt. Bei der Genomsequenzierung wird die Sequenz des Genoms, also der gesamten vererbbaren Information, bestimmt.

Auf Basis der in Großbritannien vorliegenden Daten könnten tatsächlich Übertragungswahrscheinlichkeiten für verschiedene Virusvarianten ausgerechnet werden, sagte Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. "Eine Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man regelmäßig über einen längeren Zeitraum sehr viele Genomdaten gewinnt. Dann kann man - unter der Annahme, dass alle Virusvarianten mit gleicher Wahrscheinlichkeit beprobt werden - die Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung ableiten", so Wölfel. 

Drosten meldet Zweifel an

Der Berliner Virologe Christian Drosten meldete allerdings Zweifel an der wissenschaftlichen Gewissheit des Wertes an. Die Zahl sei "einfach so" genannt worden, sagte Drosten am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Politiker würden solche Zahlen nennen, Medien nähmen diese auf. "Plötzlich steht so ein Wert im Raum - 70 Prozent - und keiner weiß überhaupt was damit gemeint ist." Mit Blick auf erhöhte Infektionszahlen sei die Frage, ob überhaupt die neue Virusvariante daran Schuld habe, "oder ist das so, dass einfach lokal (...) Übertragungsmechanismen zum Tragen gekommen sind, die auch jedes andere Virus hochgespült hätte."

Die öffentlich bekannten Dokumente zu dem Virus seien noch lückenhaft, betonte Drosten. Über die neue Variante sei er im Moment "nicht so sehr besorgt".  Er sei allerdings, genau wie jeder andere auch, "in einer etwas unklaren Informationslage."

Fazit

Letztlich ist noch nicht bewiesen, dass die neue Variante deutlich ansteckender als die vorherige ist. Allerdings wurde wohl ein Anstieg der neuen Variante in dieser Größenordnung beobachtet. Zu klären ist nun, welche Rolle lokale Ereignisse wie Superspreading-Events für die Verbreitung der Variante gespielt haben und inwiefern die beobachteten Mutationen tatsächlich für eine stärkere Verbreitung des Virus sorgen könnten.

Zahl der Corona-Toten sinkt – doch die Verbreitung der britischen Mutante ist besorgniserregend.

Die Verbreitung könne auch "Zufall" sein, schrieb Christian Drosten am Sonntag auf Twitter. Es müsse sich nicht zwingend um einen Selektionsvorteil handeln, dies sei aber möglich. In Deutschland gibt es bislang noch keinen öffentlich bekannten Nachweis der Variante. Drosten geht allerdings davon aus, dass das Virus Deutschland bereits erreicht hat. In Italien, Holland, Belgien, Dänemark und Australien konnte die Variante schon nachgewiesen werden.

ikr, mit Agentur

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