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Coronavirus Lockdown – und dann? Warum das Virus unseren Alltag auch weiterhin bestimmen wird

Coronavirus Lockdown: Eine Frau trägt einen Mund-Nasen-Schutz
Alltagsmaske und Abstandhalten – das bleibt auch nach dem Lockdown im November wichtig
© Ivan Pantic / Getty Images
Zum zweiten Mal in der Pandemie geht Deutschland in den Lockdown. Klar ist bereits jetzt: Die Maßnahmen verschaffen Zeit im Kampf gegen das Virus. Mehr als ein Teilerfolg ist das aber nicht.

Verdopplungszeit – es ist eines dieser Worte, das seit Beginn der Corona-Pandemie oft benutzt wird. In den vergangenen Tagen war es wieder häufiger zu hören. Gemeint ist damit die Zeitspanne, die es braucht, bis sich Fallzahlen verdoppeln. Zuletzt war dies in Deutschland etwa alle sieben bis zehn Tage der Fall. Die Kurve ging hoch, die Richtung war klar: Bei ungebrochenem Trend wäre binnen weniger Wochen die Marke von 100.000 Corona-Neuinfektionen am Tag überschritten.

Neue, strengere Auflagen ab dem 2. November bis vorerst Monatsende sollen diesen Trend ausbremsen und eine Überlastung von Kliniken verhindern. Bund und Länder haben die Maßnahmen gestern auf den Weg gebracht. Im Kern lassen sie sich auf ein Ziel eindampfen: Die Bevölkerung soll Kontakte reduzieren, je mehr, desto besser. 75 Prozent weniger müssten es sein, um die Zahl an Neuinfektionen zu drücken, hatte die Deutsche Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina Anfang dieser Woche verkündet. Eine ganze Menge.

Wenige Kontakte sind das Gebot der Stunde

Der Grund liegt auf der Hand: Weniger Kontakte bedeuten weniger Chancen für das Virus, sich zu verbreiten. Infektionsketten werden unterbrochen oder laufen ins Leere, auch Superspreading-Events werden im Keim erstickt. Selbst Menschen, die nicht wissen, dass sie sich mit dem Virus infiziert haben, stecken niemanden mehr an, wenn sie sich an Kontaktbeschränkungen halten. "Social distancing" ist eines der effektivsten Mittel im Kampf gegen die Epidemie. Ein Lockdown entwickelt vor allem deshalb eine durchschlagende Kraft, weil Menschen sich weniger begegnen.

"Im Frühjahr haben wir gesehen, dass sich die Fallzahlen durch den Lockdown binnen einer Woche halbiert haben", sagte die Infektionsmodelliererin Viola Priesemann diese Woche in einer Gesprächsrunde mit Journalisten. "Allerdings dauert es rund zwei Wochen, bis sich der Effekt zeigt. Das heißt, die Fallzahlen steigen zunächst noch, werden flach und erst danach fallen sie ab." Das Ziel müsse sein, die Infektionszahlen so weit zu drücken, dass die Gesundheitsämter wieder mit der Kontaktnachverfolgung hinterherkommen, so die Wissenschaftlerin.

Doch was würde das für den Alltag der Menschen bedeuten?

Israel nach zweitem Lockdown

Der Blick nach Israel zeigt, was ein zweiter Lockdown leisten kann – und was nicht. Das Land hat Mitte September neue Auflagen erlassen und die Infektionszahlen damit massiv drücken können. Anders als in Deutschland wurden auch Schulen und Kindertagesstätten geschlossen. Und noch ein weiterer Umstand könnte dem Land in die Hände gespielt habe: September und Oktober sind vergleichsweise milde Monate in Israel. 

Überraschenderweise seien die Fallzahlen schneller als beim ersten Lockdown im Frühjahr zurückgegangen, berichtet der Wissenschaftler Eran Segal vom israelischen Weizmann Institute auf Twitter. Lag die Zahl der Neuinfektionen Ende September noch bei 9000, hat sie sich mittlerweile auf einige Hundert am Tag eingependelt. Auch die Zahl der Schwerkranken in den Kliniken sank mit zeitlichem Verzug.

Formal waren die Maßnahmen ein Erfolg: Der Lockdown hat die schlimmsten Auswirkungen einer unkontrollierten Virus-Ausbreitung wie überlastete Krankenhäuser abgefangen. Verschwunden ist das Virus damit aber nicht. Es ist weiterhin Bestandteil des Alltags der Menschen vor Ort. Gesundheitsexperten und Epidemiologen geben trotz der aktuell niedrigen Zahlen deshalb auch keine Entwarnung. Der letzte Anstieg sei zwar gestoppt, das Problem aber nicht aus der Welt geschafft, lautet der Tenor. Ein dritter Lockdown müsse zwingend verhindert werden. Schrittweise werden die Maßnahmen nun gelockert.

Was folgt nach dem Lockdown in Deutschland?

Man könne vorhersehen, wie sich die Pandemie in den nächsten zwei bis drei Wochen entwickeln werde. "Darüber hinaus ist alles Kaffeesatzleserei", sagt Stefan Kluge, der Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Wie die Lage im Dezember und Januar aussehen werde, lasse sich nicht seriös sagen. "Es hängt extrem davon ab, was die Politik entscheidet und wie sich die Menschen jetzt verhalten."

"Wir befinden uns zu Beginn der kalten Jahreszeit in einer dramatischen Lage", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer ersten Regierungserklärung nach Beschluss der neuen Corona-Maßnahmen. Dann ließ sie anklingen, dass im Kampf gegen das Virus ein langer Atem benötigt wird: "Der Winter wird schwer – vier lange, schwere Monate. Aber er wird enden."

mit Agentur

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