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Oben ohne Die zweite Brust entfernen: Auch eine Frage der Balance


Oft wenden sich Frauen an mich und fragen: „Wie fühlt es sich an, wie ist es, ohne zu sein“? Nun ja: Es stört nicht. Manchmal ziehen die Narben (aber eher auf der erkrankten Seite), aber es sieht gut aus, fühlt sich auch gut an, leider wird der Bauch mehr betont, doch im Großen und Ganzen ist es ganz praktisch. Ich bin noch immer eine vollständige Frau!

Es gibt viele Frauen, die nach dem Verlust einer Brust überlegen, ob sie sich die 2. Brust auch entfernen lassen. Die Gründe sind vielseitig: Angst vor einem Rezidiv, Wunsch nach Symmetrie, Wiederherstellung des körperlichen Gleichgewichtes oder einfach der praktische Wunsch, dass „beim Sport nichts mehr rumwackelt“.

All das kann ich sehr gut verstehen. Die vielen Menschen, die das nicht verstehen können, möchte ich bitten es einmal aus der Sicht einer Betroffenen zu sehen:

Angenommen Sie haben auf einer Seite eine große Brust – 1,5 kilo schwer – auf der anderen Seite ist nur eine Narbe. Sie gehen ins Bett: wie schlafen Sie? Sie schnüren sich die Schuhe zu: auf welcher Seite geht es einfacher? Sie machen Sport: eine Seite wabbelt und nervt. Sie gehen spazieren: auch mit einer Prothese auf der anderen Seite besteht ein ständiges Ungleichgewicht, welches auf Dauer die Wirbelsäule belastet. Und das alles für den Rest ihres Lebens, jeden Tag.

Sie sind auch nicht mehr die Jüngste: Die Schwerkraft hat sich seit der Jugend verändert . Die Einbrüstigkeit verstärkt den Eindruck, dass die eine Brust „wie eine riesige Tröte rumhängt “, „ich mag meine platte Seite viel lieber!“ (O-Töne von Betroffenen). Die Kinder sind alt genug – da muss keiner mehr gestillt werden. Sex steht nicht mehr so weit oben auf der Prioritätenliste, man kennt seine Vorlieben, man weiß, welchen Stellenwert das Spiel mit der Brust für sich oder den Partner persönlich hat.

Auch das Streben nach Symmetrie gibt oft einen wichtigen Ausschlag. Die klassische Definition von Schönheit steht sehr nah an Harmonie und Symmetrie.

Ein Beispiel: Unter meinen Amazonen des Fotoshootings mit 19 Brustkrebsfrauen waren 10 einseitig operierte Frauen. Einige Monate nach dem Shooting ließen sich 2 dieser Frauen die zweite Brust entfernen. Beide hatten schon vorher aus praktischen und teilweise medizinischen Gründen mit diesem Gedanken gespielt, doch der letzte für die Entscheidung maßgebliche Eindruck war ganz einfach das Erlebnis und Sehen weiblich gebliebener Frauen ohne Busen. Der erste Sport nach der Operation schien diese Entscheidung zu untermauern, denn beide Frauen haben mich jeweils danach angerufen um mir zu sagen, wie schön es ist, wenn nichts mehr stört.

Die Entfernung der gesunden Brust wurde bisher normalerweise nur durch den Vorschlag eines Onkologen bei nachgewiesener familiärer Disposition von der Krankenkasse übernommen. Die zunehmende Akzeptanz anderer, auch psychologischer Aspekte, empfinde ich als einen Schritt in die richtige Richtung.


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