Partnerschaft Bleiben oder gehen?


Mit den Jahren kommen viele Beziehungen an diesen Punkt: Die Verliebtheit ist fort, die Vertrautheit wird zur Langeweile, der Sex - welcher Sex? Trennung oder Arbeit an der Partnerschaft sind dann die möglichen Wege.
Von Beate Krol

Als sich Erika und Daniel Jansen* am 7. Juli 1994 das Jawort geben, haben sie beste Aussichten, gemeinsam miteinander alt zu werden. Beide wünschen sich Kinder, beide träumen von eigenen vier Wänden und beide wissen, dass sie "absolut aufeinander bauen" können. Außerdem lieben sie sich. "Dass sich an meinen Gefühlen was ändern könnte, war für mich undenkbar", sagt Erika Jansen.

Zehn Jahre später tritt das Undenkbare ein. Erika Jansen sitzt im Wohnzimmer ihrer Eigentumswohnung. Die beiden Jungs sind im Bett, ihr Mann hat Spätschicht. Als er nach Hause kommt, eröffnet sie ihm, dass sie sich trennen wird. Seine Bitte um eine Eheberatung lehnt sie ab. Auf die Frage, ob ein anderer Mann im Spiel sei, schüttelt sie den Kopf. "Die Liebe ist weg", sagt sie. Es ist das erste Mal, dass sie ihren Mann weinen sieht.

Beziehung paradox. Die Partner sind beruflich etabliert, die großen Anschaffungen sind gemacht, die Kinder aus dem Gröbsten raus - Bahn frei für ungebremste Zweisamkeit, sollte man meinen. Doch statt in "Romeo und Julia" finden sich viele Paare in der "Sachlichen Romanze" von Erich Kästner wieder: "Als sie einander acht Jahre kannten/(und man darf sagen: sie kannten sich gut),/kam ihre Liebe plötzlich abhanden./Wie andern Leuten ein Stock oder Hut." Wo einst die großen Gefühle saßen, klafft am Ende der Aufbauphase plötzlich ein Loch.

Die Begründung des Phänomens fällt oft recht einfach aus: Liebe währe eben nicht ewig; der Mensch verändere sich, man passe nicht mehr zusammen. Paartherapeuten aber bezweifeln, dass Beziehungen wie ein Atom langsam, aber sicher auseinanderfallen. Sie diagnostizieren Paaren, die nach der Aufbauphase in die Krise geraten, vielmehr ein zu langes Festhalten an der "Verliebtheitslogik" - und eine "gestörte Kommunikation".

Der Druck des Existenzaufbaus

Zu Letzterer trägt der Druck des Existenzaufbaus erheblich bei. Erika und Daniel Jansen hatten sich in den Jahren vor der Trennung oft nur noch die Klinke in die Hand gegeben. "Wir wollten unseren Kindern etwas bieten", sagt Daniel Jansen. Aus diesem Grund hatte der heute 40-Jährige alle zwei Wochenenden nebenberuflich als Kellner gearbeitet. An den anderen beiden Sonntagen trug seine Frau als Verkäuferin zum Familienbudget bei. Hinzu kamen Freundschaftsdienste und ein Ehrenamt.

Die Zeit zwackten die Jansens dort ab, wo es ihnen am ehesten möglich schien: beim Miteinander. Seit der Geburt ihrer Kinder lag ihre Ausgehquote bei zwei Abenden im Jahr, auch ihre Gespräche hatten sich reduziert. Gerade weil sie sich so gut kannten, reichte oft ein Satz, um den Tag zu regeln. Fanden sie mal Ruhe für ein längeres Gespräch, drehte es sich um die Kinder. Auch ihre Sexualität litt. "Man saß vor dem Fernseher, ist gemeinsam ins Bett gegangen, und dann war es das", sagt Daniel Jansen.

Während Außenstehende bei solchen Schilderungen die Krise oft kommen sehen, halten sich die Paare selbst meist für immun. Im Vertrauen auf die Belastbarkeit ihrer Liebe betrachten sie das Problem lange durch die berühmte rosa Brille. Das gemeinsam beschlossene Ziel und die gemeinsame Geschichte verstellen den Blick auf die drohende Entfremdung zusätzlich. So erweist sich ausgerechnet jenes Gefühl als ärgster Feind des Paares, dem es sein Zusammensein verdankt: die romantische Liebe.

Das Loslassen vom Ideal ist das Problem

Die Lösung der Krise besteht deshalb oft nicht im Loslassen des Partners, sondern im Loslassen des Ideals. Ein Prozess, der wie jeder Abschied schmerzhaft ist und den Paartherapeuten entsprechend behutsam vorantreiben. Dabei gehen sie in drei Schritten vor: die eigenen Bedürfnisse kennen, die eigenen Bedürfnisse aussprechen, die eigenen Bedürfnisse mit denen des Partners koordinieren. "Es ist eine neue Art des Kennenlernens", sagt Sabine Hufendiek, die als Paartherapeutin und Dozentin am Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung in Berlin arbeitet.

Beate und Heiko Schroeder* haben sich auf dieses Experiment eingelassen. Bei der 47-jährigen Gartenbauingenieurin und dem 45-jährigen Hörgeräteakustiker hatte "irgendwann die Sexualität angefangen zu plätschern". Aus "Angst, verletzt zu werden", und wegen einer "gewissen Sprachlosigkeit" hatten sie über Jahre stillgehalten. Mit abnehmender Arbeitsbelastung - Beate Schroeder hatte zuvor im Außendienst gearbeitet, ihr Mann ein Geschäft übernommen - gelang das immer schlechter. Als eines Abends im Fernsehen ein Beitrag über sexuelle Störungen läuft, bricht die Krise auf: "Wenn sich nicht irgendwas getan hätte, hätte ich mich getrennt, denn dann hätte ich ja auch allein leben können", sagt Beate Schroeder.

Zwei Wochen später sitzt das Ehepaar im Institut für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin der Berliner Charité. Nachdem sich der klinische Psychologe das Problem angehört hat und die Formalitäten geklärt sind, gibt er den Schroeders zwei Hausaufgaben mit: Sie müssen einen Vertrag aufsetzen, in dem sie sich verpflichten, nicht miteinander zu schlafen - und sie sollen ein Gespräch über das führen, was sie am anderen freut und ärgert. Eine Aufgabe, an der sie nach 25 Jahren Beziehung fast verzweifeln. "Das letzte innere Türchen zu öffnen", sagt Heiko Schroeder, "da haben wir eine ziemliche Scheu gehabt."

Gespräche fordern einiges ab

Tatsächlich fordern die "Gespräche über sich" den Paaren einiges ab. Falsche Rücksichtnahmen und bequeme Lügen werden dabei genauso entlarvt wie gegenseitige Fehleinschätzungen und lieb gewonnene Vorurteile. Am härtesten aber trifft die Partner die nebenher gewonnene Erkenntnis, dass sich der andere unabhängig von einem selbst entwickelt hat und deshalb längst nicht mehr der ist, in den man sich verliebt hat. Beate und Heiko Schroeder fühlten sich dadurch einander so fremd, dass sie ernsthaft über eine Trennung nachdachten. "Bis dahin gab es immer nur ein ,Wir"", sagt Heiko Schroeder, "und plötzlich fragt man sich: Passen wir eigentlich noch zusammen?" Ist die "Vertreibung aus dem Verliebtheitsparadies" verdaut und haben die Paare akzeptiert, dass ihre Beziehung nicht mehr wie früher werden kann, lösen sich nicht nur viele Konflikte in Wohlgefallen auf - wie bei einem Negativabdruck tritt mit dem Trennenden auch das verloren geglaubte Gemeinsame wieder deutlicher hervor.

Für Paartherapeuten ist das der Moment, in dem sich die Frage "Gehen oder bleiben?" in die Überlegung "Was könnten wir denn noch miteinander machen?" wandelt. Erika und Daniel Jansen, die nach einem Jahr des Getrenntlebens beschlossen hatten, es mithilfe einer Therapie noch mal miteinander zu versuchen, haben dazu gemeinsame Wochenenden entworfen und Häuser mit den Bausteinen für die nächsten fünf Jahre gezeichnet. Außerdem kreuzten sie auf einer Liste an, was sie sich vom anderen wünschen. Erika Jansen hat ihren Mann dadurch bitten können, mehr von sich zu erzählen. Daniel Jansen machte seine Häkchen hinter allem, was ein gemeinsames Abschalten versprach.

Ein Garant fürs Zusammenbleiben sind die Gespräche und das Entwerfen einer möglichen Zukunftsperspektive allerdings noch nicht. Denn gegen das, was das Paar wieder miteinander erleben könnte, steht das, was es während der Krise miteinander erlebt hat: häufiger Streit, gegenseitige Vorwürfe, Kränkungen und Verletzungen. "Viele können sich gar nicht mehr vorstellen, dass der andere liebenswert ist", sagt Sabine Hufendiek. Manchmal bittet sie die Partner, ihre Beziehung als Skulptur darzustellen. Nicht selten ist das Ergebnis, dass die ehemals Liebenden sich Rücken an Rücken stellen.

Gesagtes und Verstandenes klaffen auseinander

Wie die meisten ihrer Kollegen achtet Hufendiek darauf, dass sich die Paare für die Dauer der Sitzungen bei ihr wertschätzend behandeln. Dazu gehört, dass die Partner sich gegenseitig nicht unterbrechen dürfen und statt mit "Du" ihre Sätze mit "Ich" beginnen müssen. Gelingt es den Paaren, sich an die selbst auferlegten Regeln zu halten, können sie sich auf die eigentliche Störung ihrer Kommunikation konzentrieren: das Hören. Auch Erika und Daniel Jansen haben verblüfft festgestellt, wie stark Gesagtes und Verstandenes bei ihnen auseinanderklaffen. Immer wieder mussten sie bei der Beratung die Sätze des anderen wie ein Papagei wiederholen. Das Ergebnis: "Mindestens ein Viertel von dem, was der andere gesagt hatte, war weg." Sagte er: "Ich mache jetzt mehr in der Küche", hörte sie: "Ich mache jetzt die Küche" - und ging empört in die Luft.

Inzwischen gelingt es den Jansens, die heimlichen Beziehungssaboteure immer öfter auszuschalten. Parallel dazu ergründen sie mithilfe ihres Therapeuten, womit sie einander verwöhnen können. Auch das hatten sie in der Aufbauphase stillschweigend gestrichen. "Ich wusste gar nicht, wie gern mein Mann Honigkuchen isst", sagt Erika Jansen, "das ist doch kaum zu fassen."

Zwar ist das gegenseitige Verwöhnen mit Arbeit verbunden, auf dem Beziehungskonto, das jeder mit Blick auf den anderen führt, sorgt es jedoch für ein dickes Plus. Auch mit einem Lob, einem Hilfsangebot, einem Geschenk oder eben durch Zuhören können die Partner beim anderen punkten. Umgekehrt lassen Verletzungen das Konto schnell ins Bodenlose abstürzen: Auf eine Auszahlung, haben Psychologen festgestellt, verlangt die geknickte Seele fünf Wiedergutmachungen.

Viele doktern nur an den Symptomen herum

Weil den Paaren dieser Mechanismus nur selten bewusst ist, doktern sie oft über Jahre an den Symptomen der Krise herum. Theater-Abos, Tanzkurse, ein Wochenende zu zweit und getrennte Schlafzimmer gehören dabei zu den Klassikern. Manche stürzen sich auch in die nächste Aufbauphase. Roswitha und Manfred Bauer× haben sich, als die Krise aufbrach, für ein drittes Kind und eine größere Wohnung in einem besseren Viertel entschieden. Gekittet hat es die Beziehung nicht. "Wir waren ständig konträr", erinnert sich der 59-jährige Techniker.

Heute wundert er sich über das Ausmaß ihrer beider Leidensfähigkeit. Als sie sich schließlich trennten - der Jüngste war mit 15 Jahren ins Internat gezogen -, geschah es aus Notwehr. Manfred Bauer hatte angefangen, sich "mit Bier zu betäuben, um nicht mit der Situation konfrontiert zu werden". Aus Angst, sich "kaputt zu machen", reichte er "schweren Herzens" die Scheidung ein.

Tatsächlich ist "Dann trenn ich mich eben" leichter gesagt als gefühlt und getan. "In dieser Phase heißt Trennung: Abschied nehmen von einem ganzen Lebensumfeld", sagt Sabine Hufendiek. Außerdem schauen auch die verfeindetsten Partner auf gelungene Phasen und gemeinsame Entwicklungen zurück. Manfred Bauer verdankt seiner Frau die Entdeckung der klassischen Musik, sie hat sich mit seiner Hilfe vom autoritären Vater emanzipiert. Bis zum Schluss spazierten sie Hand in Hand.

Der unerträgliche Zustand lässt sich verändern

Mit einer Trennung sind die Vertrautheit und die Verbindung zur gemeinsamen Geschichte, dem "Weißt du noch?", gekappt. Auch das Genießen des gemeinsam Erreichten entfällt. Paartherapeuten versuchen deshalb, genau herauszufinden, ob hinter einem Trennungsgedanken der Wunsch nach einer "Trennung vom Partner" oder "einer Trennung von einem unerträglichen Zustand" steckt. Die Trennung vom Partner lässt sich fair und wertschätzend gestalten, der unerträgliche Zustand verändern.

Bekommen Paare leuchtende Augen, wenn sie erzählen, wie sie sich ineinander verliebt haben, ist die Prognose für ein Zusammenbleiben gut. Auch bereits gelöste Probleme und eine vor der Krise lebendige Sexualität helfen, die seelische und körperliche Intimität der Partner wiederherzustellen. Beate und Heiko Schroeder sind nach den Gesprächen über sich und den mehrere Monate dauernden "Streichelphasen" überzeugt, "auch noch mit achtzig miteinander zu schlafen". Und auch Erika Jansen weiß wieder, warum sie mit ihrem Mann zusammen ist. "Die Krise hat uns wach gerüttelt", sagt Daniel Jansen.

Bei Katharina und Ove Møller hält diese Wachsamkeit seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert an. Die heute 61-jährige Sozialpädagogin und der 73-jährige aus Dänemark stammende Architekt waren nach fünf Jahren "auf Bruch" noch einmal "gemeinsam ins Geschirr" gegangen. Es ist ihnen gelungen, sich wieder als Paar zu entdecken. Und diese Neugier pflegen sie bis heute - auch wenn das, was sie finden, nicht immer nach ihrem Geschmack ist. "Ove", sagt Katharina M¿ller, "spiegelt mir knallhart, wo ich mich selber nicht leiden kann."

Man kann nicht alles miteinander ausleben

Dass sie manches nicht miteinander ausleben konnten, ist ihnen bewusst. Katharina Møller hat ihre Reisesehnsucht allein stillen müssen. Ihr Mann wäre gern nach den verabredeten drei Jahren in Deutschland nach Dänemark zurückgegangen. 33 sind mittlerweile daraus geworden. Seit insgesamt 45 Jahren sind sie zusammen. "Man sagt, dass man an einem Nachmittag glücklich oder unglücklich werden kann", sagt Ove Møller, "aber ich glaube, da gehört eine lange Zeit dazu."

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