Sexualität Wieso Sex Tabus braucht

Frust im Bett: 17 Prozent der befragten Paare hatten vier Wochen lang gar keinen Sex
Frust im Bett: 17 Prozent der befragten Paare hatten vier Wochen lang gar keinen Sex
© Colourbox
Im Fernsehen, in der Werbung, in der Öffentlichkeit: Überall ist Sex ein Thema. Doch die Deutschen haben deshalb nicht ein erfülltes Liebesleben, ihnen scheint eher die Lust zu vergehen. Was eine neue Studie über das Sexualverhalten von Paaren zeigt - und ob Singles besser dran sind.

Was mit Tabus belegt ist, reizt am meisten. Nirgends wird das so offenkundig wie beim sexuellen Verhalten. Die kontinuierliche Enttabuisierung von Sex, seine Allgegenwart in der Öffentlichkeit, in der Werbung, im Fernsehen, in der Presse und in der Literatur, hat nicht dazu geführt, dass mehr Sex praktiziert wird, sondern dazu, dass den Menschen die Lust darauf offensichtlich mehr und mehr vergeht.

Sexuelle Aktivität nimmt stetig ab

Seit den 1980er und 1990er Jahren nimmt die sexuelle Aktivität der Deutschen stetig ab, berichtet das Magazin "Gehirn & Geist". Eine Studie der Universität Göttingen etwa, für die 13.483 Männer und Frauen in festen Beziehungen befragt wurden, ergab, dass 17 Prozent während des Untersuchungszeitraums von vier Wochen überhaupt keinen Geschlechtsverkehr hatten. 57 Prozent gaben an, dass sie in dem Zeitraum einmal Sex hatten. Nur rund jeder Vierte tat es regelmäßig ein- bis zweimal pro Woche, hält der Bericht fest, über den es auf der Titelseite heißt "Keine Lust auf Sex? Warum die Liebe Tabus braucht".

Singles haben noch seltener Sex. Eine Untersuchung des Sexualwissenschaftlers Gunter Schmidt an knapp 800 Hamburgern und Leipzigern ergab, dass 60 Jahre alte Partner im Durchschnitt sexuell aktiver sind als 30 Jahre alte Singles.

Der Forscher Peter Fiedler, der klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg lehrt, schreibt dazu in "Gehirn & Geist": "In dem Maß, wie die traditionelle Sexualmoral mit ihren Verboten, Sanktionen und Schuldgefühlen verschwand, machte sich scheinbar Langeweile breit. Offensichtlich besaßen gerade die unerfüllten, oft verbotenen oder tabuisierten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse eine große Triebkraft."

"Kultur der Lüste"

Die früher nur heimlich mögliche Sexualität hat nach Fiedlers Deutung erheblich zur wechselseitigen Anziehung der Geschlechter beigetragen und war auch ein Kernelement jeder guten schöngeistigen Literatur und auch von Operette oder Oper. Es sehe fast so aus, als seien gerade Tabus eine notwendige Voraussetzung für eine "Kultur der Lüste". Heute hingegen scheine in Sachen Sex fast alles möglich. "Die öffentlichen, teils banalen Dauerdarstellungen von und über Sexualität in den Medien tragen ihr Übriges dazu bei, dass ein wichtiges Element sexueller Lust und Begierde verloren geht."

Das Editorial des Magazins veranschaulicht das unter der Überschrift "Überall Sex - Sex über alles" mit alltäglichen morgendlichen Eindrücken in der Rush-Hour: "Hinter den plumpen Domina-Plakaten einer regionalen Erotikmesse grüßt von einer Hauswand eine überdimensionale Bierflasche, an deren Kurven sich ein Nacktmodel lasziv schmiegt. An der Bushaltestelle prangt in fetten Lettern der Slogan einer Boulevardzeitung: 'Nein, ich bin nicht gekommen'. Untertitel: 'Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.' Soso..."

Probleme mit der Sexualität

Im Zuge der sexuellen Liberalisierung scheinen zwar früher typische Probleme psychischer Verdrängung weniger geworden zu sein, auch neurotische Phänomene infolge von Konflikten zwischen Verbotseinhaltung und sexuellem Trieb. Doch Psychotherapeuten stellen fest, dass Probleme mit der Sexualität weiterhin ein Konfliktthema sind, das ratsuchende Menschen belastet. Zwar sind viele äußere Zwänge mittlerweile verschwunden, doch gilt das keineswegs für die inneren Zwänge, die Menschen im Privaten aufbauen.

Schon in den 90ern waren negative Auswirkungen der Allgegenwart des Themas Sex in der Öffentlichkeit deutlich absehbar. So heißt es zum Beispiel in einem Buch des Soziologie-Professors Reimer Gronemeyer (Gießen) mit dem Titel "Die neue Lust an der Askese" von 1998: "In der Treibhausschwüle des sexualisierten Alltags scheint die erotische Phantasie nicht mehr Tat werden zu können. Der öffentliche Sex tötet den privaten Eros". Die starken Gefühle stürben und die leidenschaftlichen Sehnsüchte verdämmerten, heißt es da auch.

Rudolf Grimm/DPA DPA

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