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Hyperhidrose: Was tun gegen starkes Schwitzen?

Schwitzen nervt, ist aber wichtig für den Körper. Rinnt der Schweiß aber ständig und ohne Grund in Bächen, wird aus der lebenswichtigen Körperfunktion eine Krankheit: Hyperhidrose.

Von Angelika Unger

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Schweißhände vor dem wichtigen Meeting mit dem Chef, Schweißperlen auf der Stirn vor der Abschlussprüfung, ein schweißdurchnässtes T-Shirt, nur weil man losgesprintet ist, um den Bus zu erwischen - solche Situationen sind wohl den meisten Menschen unangenehm.

Die schlechte Nachricht zuerst: Auch durch noch so festen Willen lassen sich ungelegene Schweißausbrüche wie diese nicht unterdrücken. Dennoch gilt starkes Schwitzen vielen als Zeichen von Unbeherrschtheit und Ungepflegtheit - und das wissen die Betroffenen nur zu gut. "Viele Menschen leiden sehr darunter, dass sie schwitzen: Sie wissen, dass das als nicht salonfähig gilt", sagt die Ärztin Martina Hund. Sie hat früher an der Berliner Charité Menschen beraten, die unter übermäßigem Schwitzen leiden - Hyperhidrose lautet der Fachausdruck für dieses Leiden. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "zu viel Wasser". Heute arbeitet Hund in einer Privatpraxis am Kurfürstendamm in Berlin und berät auch dort Menschen, die stark schwitzen.

Schweiß ist unangenehm, aber lebenswichtig

Bei weitem nicht jeder, der stark schwitzt, ist krank. Im Gegenteil: Schwitzen ist zwar unangenehm, aber ein lebenswichtiger Schutzmechanismus, der den Körper vor Überhitzung schützt. Die zwei Millionen Schweißdrüsen sind die Klimaanlage des Körpers: Sobald die Körpertemperatur über 37 Grad steigt, bilden sie Schweiß. Dieser tritt durch die Poren auf die Haut, verdunstet und kühlt so den Körper - an normalen Tagen sind es durchschnittlich 0,5 bis 0,7 Liter Flüssigkeit. In der Sommerhitze können es deutlich mehr werden: Zwei bis drei, in Extremfällen sogar bis zu zehn Liter Schweiß rinnen dann pro Tag in Bächen die Stirn und den Körper herunter.

Kampf dem Muff - mit Rasierer und Sagrotan

Dass man sich den Schweiß regelmäßig mit Wasser und Seife abwaschen sollte, versteht sich von selbst. Denn frisch ist er zwar geruchlos, wird er aber von Bakterien zersetzt, fängt es schnell zu müffeln. "Wer viel schwitzt, sollte sich die Achselhaare rasieren - in den Haaren fühlen sich Bakterien nämlich besonders wohl", rät Martina Hund.

Aus demselben Grund sind Baumwollhemden nicht optimal: Sie nehmen im Gewebe viel Schweiß auf, der dann ein gefundenes Fressen für die Bakterien ist. Nicht einmal in der Waschmaschine wird man den Muff garantiert los. "Wird ein T-Shirt nicht auf 60 Grad gewaschen, kann es sein, dass Schweißreste im Gewebe bleiben", sagt Hund. Die bessere Wahl sind daher atmungsaktive Funktionstextilien: Sie geben die Nässe nach außen ab, statt sie zu speichern. Wer auf Nummer Sicher gehen will, kann zusätzlich Bakterienkiller wie Sagrotan mit in die Waschmaschine geben.

Als Standardwaffe gegen Schweißgeruch gelten Deos. Doch auf ungewaschener Haut hilft auch das beste Deo wenig: Das Werk der Bakterien können sie nicht rückgängig machen - allenfalls mit Parfumstoffen überdecken. Direkt nach dem Waschen aufgetragen, sind sie deutlich effizienter: Bakterienhemmende Inhaltsstoffe verzögern die Geruchsentwicklung, Antitranspirantien verringern die Schweißbildung, indem sie die Poren auf der Haut verengen.

Wer schwitzt, ist oft krank

Wer zu Martina Hund in die Hyperhidrose-Sprechstunde kommt, hat oft schon alles gegen die übermäßige Schweißabsonderung versucht: Achselrasur, Deos, dazu sämtliche Anti-Schwitz-Hausmittel von Salbeitee bis Franzbranntwein. Manche ihrer Patienten schwitzen am ganzen Körper, andere nur an den Händen oder an den Füßen - aber eins haben alle gemeinsam: Sie schämen sich. Nicht selten trauen sie sich nicht einmal, jemandem auch nur die Hand zu geben - aus Angst, der andere könnte vor ihren feuchten Fingern zurückschrecken.

Die Ursachen für starkes Schwitzen sind vielfältig, sagt Hund: "Krankheiten wie Diabetes, Schilddrüsenhormonstörungen, Infektions- und Tumorerkrankungen können die Auslöser sein." Auch Frauen in den Wechseljahren schwitzen schneller, ebenso Übergewichtige, erläutert Hund - "die Fettschicht am Bauch isoliert", der Körper überhitzt schneller. Werden diese Ursachen behandelt, verschwindet das lästige Schwitzen gewöhnlich von selbst.

Doch immer wieder sitzen in Martina Hunds Sprechzimmer auch Menschen, bei denen die Klimaanlage ihres Körpers verrückt spielt, obwohl sie weder dick noch krank sind. Sie schwitzen schubartig und ohne Grund - "manche Patienten erzählen mir, sie sitzen auf dem Sofa und lesen Zeitung, und auf einmal sind sie klatschnass", erzählt Hund. Dies nennt man primäre Hyperhidrose - wie und warum sie entsteht, ist Ärzten bis heute nicht ganz klar.

Spritzen, Tabletten oder eine Operation können gegen starkes Schwitzen helfen

Solchen Patienten empfiehlt Hund als erstes hochdosierte Aluminiumchlorid-Deos - dieser Salzkristall verstopft die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen. "Deos mit diesem Wirkstoff sollte man am besten abends benutzen, bevor man ins Bett geht. Nachts schwitzt man weniger - tagsüber würden die Salzkristalle vom Schweiß schnell weggeschwemmt." Aluminiumchlorid-Deos gibt es rezeptfrei in der Apotheke; nach rund vier Wochen bilden sich die Schweißdrüsen zurück.

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Wenn auch das keine Besserung bringt, kann man mit Tabletten genau die Schaltstellen im Nervensystem blockieren, die die Schweißdrüsen aktivieren, oder mit Botox-Spritzen die Reizübertragung an die Drüsen hemmen.

Bei schwitzigen Händen oder Füßen hilft häufig die sogenannte Iontoporese: Hierbei werden Hände und Füße in Wasserwannen getaucht, zwischen denen eine elektrische Spannung aufgebaut wird. Es gibt sogar eine Operation, bei der die Nervenstränge durchtrennt werden, die den Impuls zum Schwitzen weiterleiten: die sogenannte endoskopische Sympathikusblockade. "Das ist aber wirklich die Ultima Ratio, wenn alles andere nicht funktioniert", sagt Hund. Denn dabei können erhebliche Nebenwirkungen auftreten, unter anderem schwitzen die Patienten nach einer solchen Operation verstärkt von der Brust an abwärts.

Angst vorm Schweiß führt in einen Teufelskreis

Und nicht zuletzt ist übermäßiges Schwitzen auch ein psychisches Problem: Den einen stört es wenig, dass ihm der Schweiß in Strömen herunterläuft, für den anderen sind Schwitzflecken an Hemd oder Bluse Eingeständnis einer Niederlage über den eigenen Körper. Weil Angst den Schweißausbruch verstärkt, geraten viele Hyperhidrose-Patienten in einen regelrechten Teufelskreis: "Sie haben Angst zu schwitzen, verkrampfen sich und schwitzen dann noch mehr", berichtet Hund. "Einige Patienten ziehen sich deshalb völlig zurück. Ihnen empfehle ich ergänzend zur Behandlung der physischen Ursachen eine Psychotherapie." Auch Entspannungstechniken sind für Menschen mit Hyperhidrose häufig sinnvoll - sie helfen, Schwitzen als das anzunehmen, was es ist: eine manchmal unangenehme, aber lebenswichtige Funktion des Körpers.

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