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Eine Hirnforscherin erklärt: Wie wirkt Psychotherapie?


Psychotherapie hilft Menschen mit seelischen Leiden. Doch wie genau beeinflusst sie eigentlich unser Denken und worauf kommt es dabei an? Fragen an die Neurowissenschaftlerin Nicole Strüber.

Nicole Strüber ist Neurowissenschaftlerin am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Gemeinsam mit dem Neurobiologen Gerhard Roth hat sie ein Buch darüber geschrieben, wie das Psychische im Gehirn entsteht: "Wie das Gehirn die Seele macht". Dem stern erklärte die Hirnforscherin, wie sich Psychotherapie auf unser Denken und Handeln auswirkt.

Millionen Menschen in Deutschland leiden an Problemen mit der Psyche. Was hilft ihnen aus neurobiologischer Sicht?

Psychotherapie hilft, daran haben wir keinen Zweifel. Es gibt Forschungsergebnisse, die nahelegen, dass eine nicht-medikamentöse Psychotherapie einer Therapie mit Arzneimitteln in etlichen Fällen langfristig sogar überlegen ist. Vor allem das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Therapeut ist wichtig, wir nennen es die "therapeutische Allianz". Um jemandem aus der seelischen Krise zu helfen, ist es wichtig, #link;http://www.stern.de/gesundheit/von-freud-bis-leid-wenn-der-psychotherapeut-versagt-2171676.html;auf der emotionalen, nicht auf der Verstandesebene anzusetzen#.

Das heißt: Der Patient muss sich in der Therapie wohlfühlen, er sollte sich nicht mit einem Therapeuten herumquälen, der ihm nicht liegt?

Vor allem in der #link;http://www.stern.de/gesundheit/daran-erkennen-sie-einen-schlechten-psychotherapeuten-2165897.html;ersten Phase der Therapie ist die Beziehung sehr wichtig#. Wir nehmen an, dass dann unter anderem das sogenannte Bindungshormon Oxytocin freigesetzt wird und auf unterschiedliche Systeme einwirkt. Damit kommt das Gehirn in einen Zustand, in dem der Mensch bereit zu Veränderungen ist.

Warum reicht Einsicht meistens nicht aus, um psychische Probleme zu lösen?

Im Gehirn hat sich sehr früh ein absolut stabiles System ausgebildet, das #link;http://www.stern.de/gesundheit/depressionen-die-geheime-logik-der-volkskrankheit-2167612.html;unser Fühlen, Denken und Handeln# prägt. Man kann das mit Trampelpfaden in einem Wald vergleichen. Diese Pfade bleiben immer bestehen. Der Therapeut kann dazu beitragen, dass sich neue Pfade bilden, die mehr Lebensqualität bedeuten und irgendwann so selbstverständlich benutzt werden wie die alten. Der Patient lernt, anders zu fühlen, zu denken, zu handeln. Dieses Lernen vollzieht sich in tief sitzenden Hirnstrukturen wie den Basalganglien, deren Tätigkeit uns gänzlich unbewusst ist. Wir können die Verbindungen dort nicht über Gedanken beeinflussen, nur durch neue Erfahrungen. Das kann aber erst in der zweiten Phase der Therapie geschehen, wenn die therapeutische Allianz stabil ist.

Kennt die Mehrheit der Psychotherapeuten überhaupt Ihr Zwei- Phasen-Modell?

Dass Therapien in Phasen verlaufen, ist bekannt. Wir liefern nun eine Theorie, die erklären kann, welche Veränderungen im Gehirn eine erfolgreiche Psychotherapie begleiten.

Auf die Methode kommt es offenbar gar nicht so sehr an.

Eher nicht. Es gibt verschiedene wirksame Methoden. Herausragend wichtig für eine gelingende Therapie sind die Persönlichkeit des Therapeuten, seine Erfahrung und seine Fachkompetenz.

Kurzzeittherapien von wenigen Stunden dürften aus Ihrer Sicht wenig sinnvoll sein.

Ein kurzzeitiges Verhaltenstraining kann dann gut sein, wenn ein psychisch stabiler Junge von einem Hund gebissen wurde und seither Angst vor Hunden hat. Da kann man in kurzer Zeit gegenkonditionieren. Das funktioniert aber nicht, wenn jemand frühe Erfahrungen gemacht hat, die ihn stark verunsichert haben. Dieser Mensch entwickelt möglicherweise eine Hundephobie. Wenn man ihm die wegtrainiert, kann es zu einer Symptomverschiebung kommen – er bekommt ein anderes seelisches Leiden.

Interview: Nina Poelchau print

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