"Agnes von Lilien" Ein literarischer Bestseller wird wiederentdeckt


Ein vergessen geglaubter Liebes- und Erfolgsroman aus dem kulturellen Milieu der Weimarer Klassik ist wieder aufgetaucht. Als Autor des aufschlussreichen Dokuments wurde Goethe vermutet, bis man den wahren Verfasser fand.

Im Zeitalter der Aufklärung liebte man das Geheimnis. Jede Figur in dem neu entdeckten Liebes- und Erfolgsroman des späten 18. Jahrhunderts ist von Rätseln umgeben – wie die Frage nach dem Autor, als der Roman 1796 und 1797 in der von Friedrich Schiller herausgegebenen Monatszeitschrift "Die Horen" erscheint. Was unter dem Titel "Agnes von Lilien" dort abgedruckt wird, bleibt ein Fragment, die Rätsel der an Verwirrungen nicht armen Handlung sind am vorläufigen Ende keineswegs aufgeklärt. Und die Leser wissen nicht einmal, wer die Romanfolge überhaupt geschrieben hat. Kein Autor, keine Autorin hat sie gezeichnet.

Wie jede Art von Geheimnis in einer Zeit, in der Geheimbünde Konjunktur haben, übt das Rätsel anonymer oder pseudonymer Verfasserschaft einen beliebten Reiz aus. Die Anonymität hat viele Gründe. Sie ist damals üblich, zumal unter Autorinnen adliger Herkunft. So auch in den "Horen". Und nicht zuletzt hat sie einen spielerischen Aspekt. Es gehört zu den geselligen Gesprächsvergnügungen in den gebildeten Kreisen Weimars, die Lösung solcher Rätsel gemeinsam zu erraten.

Goethe zeigt sich amüsiert

In den Weimarer Salons rätselte man darüber, wer der Verfasser der "Agnes von Lilien" sei. Einige glaubten an Goethe. Schiller berichtete diesem darüber am 6. Dezember 1796, und beide zeigten sich darüber höchst amüsiert. Goethe schrieb an seinen Freund: "Lassen Sie mir so lange als möglich die Ehre als Verfasser der Agnes zu gelten. Es ist recht schade, daß wir nicht in dunklern Zeiten leben; denn da würde die Nachwelt eine schöne Bibliothek unter meinem Namen aufzustellen haben."

In Goethe den Autor zu vermuten, waren allerdings nicht ganz abwegige Spekulationen - die Anklänge an "Wilhelm Meisters Lehrjahre" nicht zu übersehen.

So waren sich in einem Punkt alle einig: Der Roman musste von einem Mann geschrieben worden sein. Umso größer war die Überraschung, als die Urheberschaft aufgeklärt wurde: Schillers geliebte Schwägerin Caroline von Wolzogen.

Mysteriöse Spannungen

Der erste Teil des Romans hatte so viele Rätsel aufgegeben und Verwirrungen gestiftet, dass die Autorin im zweiten Teil kaum weniger Raum dazu brauchte, um sie alle zu lösen und zu entwirren. Dies geschieht sukzessive. Aber nichts scheint die Autorin Caroline von Wolzogen mehr gefürchtet zu haben, als ihre Leserinnen und Leser zu langweilen. Und neben den vielen, immer neuen und zuweilen geradezu an den Haaren herbeigezogenen Hindernissen, die der endgültigen Vereinigung der Liebenden bis zum Schluss entgegenstehen, sind es die Missverständnisse und Geheimnisse, die für Spannung sorgen. So bediente und bedient der Roman zwei gegensätzliche Bedürfnisse zugleich: das nach Verzauberung in einer durch Aufklärung entzauberten Welt und das nach Aufklärung, die sich erst in der Lösung von Geheimnissen bewähren kann.

Eine interessante Erscheinung könnte "Agnes von Lilien" heute auch für psychologische Beobachtungen zur literarischen Fantasiebildung sein, und zwar gerade weil die Autorin ihre Fantasien keiner starken künstlerischen Kontrolle unterworfen hat. Vieles von dem, was in dem Roman erzählt wird, entspricht eher der Logik von Träumen als den Prinzipien der Stimmigkeit und Plausibilität. Wenn der Roman zum Beispiel den großen Geliebten Nordheim ganz unerwartet und gegen alle Wahrscheinlichkeit immer gerade dann in der Nähe von Agnes auftauchen lässt, wenn dies für sie besonders peinlich und verfänglich oder aber in höchster Not sehnlichst erwünscht ist, dann kann man sich darüber belustigen - oder sich zeigen lassen, wie Fantasien, auch die eigenen, funktionieren. Als Konglomerat kollektiver wie individueller Wünsche und Ängste lädt der Roman zur Identifikation ein und zu analytischen Entdeckungen.

Für mehr als 120 Jahre war dieser Roman verschollen. Die letzte Ausgabe für ein breiteres Publikum erschien um 1884. Pünktlich zum Schiller-Jahr ist das Buch jetzt in einer Neuauflage erhältlich.

Thomas Anz

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