"El Rocío" Wallfahrt und Wahnsinn


Einmal im Jahr belagern eine Million Pilger das kleine spanische Dorf El Rocío, um einer Marienstatue zu huldigen. Der Hamburger Fotograf Loïc Bréard hat diese katholische Katharsis zwischen religiöser Inbrunst und Volksfeststimmung in einem Bildband festgehalten.
Von Marc Peschke

El Rocío - am Nationalpark Coto de Doñana gelegen - ist eigentlich ein kleiner, recht beschaulicher Ort in der andalusischen Provinz Huelva. Das ganze Jahr über tut sich hier eigentlich gar nichts. Fuchs und Hase sagen leise Gute Nacht. Nur einmal im Jahr passiert hier etwas - und dann gewaltig: Denn stets zu Pfingsten wird aus der Dorfidylle El Rocío der bekannteste spanische Wallfahrtsort. Gehuldigt wird hier einer Statue der Heilige Jungfrau, welche die Pilger "Blanca Paloma" nennen - die weiße Taube.

Eine Million Pilger, Romeros wimmeln durch einen Ort, der nur 800 Einwohner hat. Etwa hundert Bruderschaften wie die "Hermandad del Rocío de Jaén", die "Triana" aus Sevilla oder die "Hermandad de Ronda" reisen auf uralten Pilgerwegen an. Alles hat seine festgefügte Chronologie, die Versammlung der Gläubigen in der Ermitá, das gemeinsame Gebet, die nächtliche "Entführung" und Zurschaustellung der Statue, die Danksagungen und Fürbitten, die gemeinsame Abreise in die Heimatorte.

Fürbitten und Fiesta

Doch das ist es nicht, was den in Nantes geborenen und in Hamburg lebenden Fotografen Loïc Bréard an der Wallfahrt interessiert. Eher ist er fasziniert von dem, was am Rande liegt, was dem religiösen Brauch eine individuelle Note gibt. Der Eifer etwa, mit dem die Pilger versuchen, die Mariensttatue zu berühren. Die Ernsthaftigkeit der Trommler, Flötenspieler und Standartenträger. Und wohl reizt ihn auch der visuelle Reichtum der Szenerie: die andalusischen Trachten, die mit Kerzen und Blumen geschmückten Kutschen.

Bréards Schwarzweißfotografie dringt bis zum Kern des Festes vor, spiegelt die besondere Ambivalenz, welche die Wallfahrt auszeichnet. Denn sie ist beides: sakraler Ritus und fröhliches Volksfest, bei dem getrunken und "Sevillana" getanzt wird. Es ist ein Fest für jung und alt, bei dem Musik zu hören ist, sich Klagelieder und Lobgesänge mischen, wo Alltag und Religion eine Durchdringung erfahren. "Muss ein Pilger nüchtern sein", fragt Jakob Strobel y Serra in seinem Buchbeitrag - und die Fotografien geben die Antwort: Nein, muss er nicht.

Zeitlose Momente

Die fotografische Bestandsaufnahme dieses Freudenfestes ist gelungen. Es sind Bilder darunter, die nicht aus dieser Zeit zu sein scheinen. Eine Pilgergruppe auf einem straubigen Weg, irgendwo in Andalusien: Das Bild könnte aus biblischer Vorzeit stammen. So eine Reise ist ein Anachronismus in unserer Welt - und das macht die Faszination aus. Da gibt es etwa die sogenannten "Raketenmänner", die Feuerwerkskörper in die Luft jagen, die geschmückten Ochsenkarren, die als rollende Altäre dienen, Flamenco-Kleider, Halstücher, Strohhüte und Bolero-Jacken - ein ganzes Volk ist zu Fuß, zu Pferd oder in Planwagen unterwegs, die Madonna zu ehren. Von Achsbrüchen lassen sie sich nicht aufhalten. Askese? Keine Spur. Eher Völlerei und Wahnsinn. Aber auch: innige Ergriffenheit.

Vor allem viele der nächtlichen Motive überzeugen. Tanzende Frauen unter dem Licht der Straßenlaternen, die illuminierte Kirche, die beleuchteten Planwagen und Wurstbratereien, das nächtliche Gewimmel, Blicke hinter die Kulissen, auf Details, auf Personen, die sich der Fotograf aus dem Durcheinander herauspickt: Sie alle sind gut komponierte, mal amüsante, manchmal strenge, stets aber zeitlose Bespiele einer klassischen Fotoreportage, dessen Thema gut gewählt ist, weil in ihm alles steckt: Glaube, Hoffnung, Liebe. Das ganze Leben eben.


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