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"Feuchtgebiete": Auf der Schleimspur ausgerutscht

Intimrasuren, Analsex und Hämorridenoperation - wie man die Inhalte von Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" auf die Bühne bringt, ist schwer vorstellbar. Doch Regisseurin Christina Friedrich hat es in Halle getan. Das Ergebnis ist allerdings weniger explizit als das Buch.

Von Lars Radau, Halle

Das Lachen von der Bühne ist kollernd, fast irr. Der Mann, der Helen Memel das Mikrofon unter die Nase hält, reißt die Augen weit auf und hüpft vor Begeisterung jedes Mal ein kleines Stückchen höher. Hurra, wieder ein Igitt-Wort. "Muschifotzenschleim" zum Beispiel - oder auch einfach nur "Ficken". Oder, oder, oder... Denn Helen Memel lässt sich anstecken. Kramt in ihrem Wortschatz, ruft mit zunehmender Freude und zunehmend wirrem Blick Tabu-Wörter ins Mikro und den schmalen, tiefen weißen Raum.

Ob Regisseurin Christina Friedrich mit dieser Szene einen Kommentar zum Hype um Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" und dem Medien-Ansturm auf ihre Inszenierung am Neuen Theater Halle beabsichtigt hat, muss offen bleiben. Denn längst sind im Bühnenvordergrund, in und um Spuckschalen-artige Vertiefungen, wieder die anderen Schauspieler zu Gange. Bis auf Hauptdarstellerin und Memel-Verkörperung Ines Schiller allesamt Studenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater.

Blut und Sperma

Da spritzen zwei der vier Männer mit zuckendem Unterkörper stoßweise Milch über die Bühne, direkt daneben wird mit Rote-Beete-Saft herumgematscht. Durch den schlappt wenig später Schillers Kollegin Lisa Bitter, auf Slip-Einlagen, die sie zuvor ostentativ ausgepackt und unter ihre Füße geklebt hat. Körperflüssigkeiten, Sex, Tabubrüche reihenweise. Mit diesen einfachen Etiketten hat sich der Debüt-Roman "Feuchtgebiete" der ehemaligen Viva-Moderatorin Charlotte Roche bislang mehr als eine Million Mal verkauft. Auch 25 Auslandslizenzen hat der Dumont-Verlag an den Mann bringen können, über eine Verfilmung, heißt es, werde gerade ebenfalls auf internationaler Ebene verhandelt. Insofern hatte Regisseurin Friedrich wohl auch eine große Portion Glück, dass sie Roche noch aus gemeinsamen Tagen am Theater kannte und sich die Uraufführungsrechte sicherte.

"Und zwar lange, bevor der Hype losging", betont die Regisseurin. Sie habe, erzählt Friedrich in Interviews, das Buch erstens mit großem Vergnügen gelesen. Und zweitens einen "rasend klugen Stoff zu einem gesellschaftlichen Diskurs über die Abwesenheit oder die ziemlich totale Anwesenheit des Körpers" vorgefunden. Dass das Buch drittens mit seiner fröhlich-expliziten Körperöffnungs- und Flüssigkeitsprosa die "ganze Nation" hysterisiere, dafür könne sie nun wirklich nichts.

Wer saut sich mehr ein?

Etwas von dieser Gelassenheit indes hätte der Inszenierung gut zu Gesicht gestanden: Was Friedrich in Halle auf die Bühne bringt, erinnert über weite Strecken der knapp anderthalb Stunden an einen durchaus fröhlichen Kleinkindergeburtstag. Zwischen den anfangs züchtig in weiße Unterwäsche-Fetzen gekleideten Schauspielern scheint es einen internen Wettbewerb zu geben, wer sich im Laufe der Vorstellung mehr einsaut. Neben Milch und Roter Beete (Pardon: Sperma und Blut) kommen zum Einsatz: Mehl, Öl, frische Erde, mehr oder weniger trübes Wasser und nicht zuletzt eine große Dose Nivea-Creme. Die verteilt die dunkelhaarige Stefanie Rösner mit geradezu religiöser Inbrunst komplett auf ihrem Körper. Dass ein irrer Blick und zunehmend manische Streichbewegungen genauso dazugehören wie rhythmisch ausgestoßene "Ich will schön sein"-Rufe, versteht sich von selbst. Schließlich hat schon Charlotte Roche in zahllosen Talkshow-Auftritten gegen den herrschenden Weichhaut-Riechgut-Fetischismus polemisiert.

Doch was Friedrich eigentlich mit ihrer Regiearbeit sagen will, bleibt offen. Auch wenn sie im Vorfeld postuliert hatte, sie wolle die Körperreise der "Feuchtgebiete"-Protagonistin "erlebbar" machen. In Halle ist Helen Memel vor allem eines: Opfer. Die 18-Jährige, die laut Roman nach einer missglückten Intimrasur ans Krankenbett gefesselt ist und sich vor allem auf eine gedankliche Tour d'horizon durch die Funktionen und Flüssigkeiten ihres Körpers begibt, muss einige Attacken überstehen. Sie wird an einem Fuß aufgehängt, von den anderen angepöbelt und gegen ihren Willen heftig mit einem Schwamm gewaschen. Und immer wieder muss sie ihr großes Trauma aufarbeiten: den Selbstmordversuch ihrer Mutter mittels eines aufgedrehten Gashahns, der beinahe die ganze Familie ausgelöscht hätte. Dass der unüberhörbare österreichische Akzent von Ines Schiller diesen Textzeilen fast gemütliches Schmäh verleiht, ist eher kontraproduktiv.

Lasche Erotik

Auch eine der wenigen explizit erotischen Textstellen, die nicht im bewusst harmlosen Smalltalk-Ton oder von der ganzen Gruppe munter durcheinandergesprochen serviert werden, verliert dadurch etwas an Wirkung. Immerhin: Der Mann, dem sie gilt, räkelt sich dabei vor Schiller/Memel am Boden. Außer Reichweite zwar, aber doch mit nacktem Po.

Ansonsten werden in all der Matscherei erotische Phantasien lieber metaphorisiert: Der weiße Bühnenboden und die darauf agierenden Körper sind Leinwand für filmische Illustrationen des "Feuchtgebiete"-Hauptthemas: Da schrubbt ein Finger/Penis auf einer Küchenreibe, sticht ein Fuß in den Sand, wiegt ein Stempel im Blütenkelch. Das ist nicht immer originell. Und weil der Kindergeburtstag auf der Bühne unverdrossen weitergespielt wird, ergibt sich auch kein rechter Zusammenhang. Etwas ratlos sind deshalb über weite Strecken auch die Gesichter des überwiegend jungen Publikums.

So deftig und vielleicht auch schockierend wie das Buch sollte das Theaterstück nie werden, betont Regisseurin Friedrich. Dass es aber - bis auf die Kollerei auf der Bühne - während der gesamten Aufführung am Sonntag nicht einen wirklichen Lacher gab und die Aufführung den immerhin 130 Zuschauern kleinen Saal des Neuen Theaters so fast gar keine Reaktion entlockte, spricht für sich. "Der Ekel entsteht im Auge des Betrachters", hatte Friedrich gesagt. Für Begeisterung muss aber ganz offensichtlich mehr geboten werden.

Weitere Vorstellungen am 6., 7., 28. und 29. Oktober, jeweils 20 Uhr. Wegen des großen Andrangs wurde die Platzkapazität erhöht, es gibt noch zusätzliche Karten: 0345/2050222, www.kulturinsel-halle.de