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Heinz Strunks "Fleckenteufel": Rutschen auf Roches Sperma-Spur

Einst erforschte Charlotte Roche mit Heinz Strunk die "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern", jetzt kontert der Autor und Komödiant literarisch: Zum kontrovers diskutierten Bestseller "Feuchtgebiete" gelingt Strunk mit "Fleckenteufel" ein ebenso unappetlicher Gegenentwurf.

Von Johannes Gernert

Thorsten Bruhn sitzt vor dem Gemeindehaus und furzt. In seiner Reisetasche ein "Fünf Freunde"-Buch und ein paar Landserhefte. Bruhn ist 16, er ist der Erste. Der Bus der evangelischen Kirche fährt erst in eineinhalb Stunden ab, Richtung Ostsee. Es ist 1977. Die Sommerfreizeit kostet 343 Mark. Bruhn würde da vermutlich nicht sitzen und schon gar nicht furzen, wäre Helen Memel - knapp zwei Jahre älter als Bruhn - nicht wegen ihrer Hämorrhoiden operiert worden. Memel mag Bakterien, trocknendes Sperma auf ihrer Haut und Avocadokerne in ihrer Vagina. Bruhn riecht gerne seine eigenen Fürze, steht auf Susanne Bohnes große Brüste, würde aber auch Andreas mit dem Riesenschwanz gerne einen wichsen und hat außerdem einen Rosettenwaschzwang. Memel hat sich beim Rasieren am Anus verletzt. Bruhn klagt über einen sogenannten Arschbrand, als er sich den Hintern mit einer Seite aus einem Landser-Heft abgewischt hat.

"Ist Heinz Strunk die neue Charlotte Roche?"

Thorsten Bruhn und Helen Memel kennen sich nicht. Den einen hat sich der Hamburger Autor, Musiker und Studio-Braun-Komiker Heinz Strunk ausgedacht, die andere die Autorin und Moderatorin Charlotte Roche. Und weil Strunks babyblaues Buch, auf dessen Cover ein Waschlappen zu sehen ist, "Fleckenteufel" heißt und Roches rosafarbener Roman, dessen Titelbild ein Pflaster zeigt, "Feuchtgebiete", fragt Deutschlands führendes Boulevardblatt auf seiner Internetseite: "Ist Heinz Strunk die neue Charlotte Roche?" Nein, Heinz Strunk ist weiterhin Heinz Strunk - nur diesmal mit extra vielen "Kriechern" und "Entlastungspupsen". Das allerdings hat tatsächlich mit Charlotte Roche zu tun.

Hätte Roche sich nicht mit ihren detaillierten Genital- und Analbetrachtungen in die Bestsellercharts, die Zeitungen, Magazine, Fernsehsendungen und die Theater hineinprovoziert, dann wäre Heinz Strunk im Sommer nicht auf die Idee gekommen, auf dieser Spur aus Smegma und Sperma einfach ein bisschen mitzurutschen. Strunk bereitete sich da gerade auf die Veröffentlichung seines zweiten Romans vor. Sein erster hatte sich an die 400.000-mal verkauft. "Fleisch ist mein Gemüse", diese herrlich melancholisch-komischen Schilderung eines tristen Provinzmusikerlebens, war verfilmt worden. Darin ging es auch um Fürze, aber eher am Bühnenrande. Strunk war schon etwas bekannter, sein zweiter Roman "Die Zunge Europas" würde sich bestimmt ganz ordentlich verkaufen. Aber müsste man nicht eigentlich auch noch eine Parodie auf dieses Roche-Buch schreiben, über das seltsamerweise alle redeten? Beim Rowohlt-Verlag waren sie natürlich begeistert, als er sich meldete. Man würde sich beeilen müssen, sicher seien andere auch schon auf ähnliche Ideen gekommen. Tatsächlich erschien im S.Fischer-Verlag bald "Trockensümpfe - lauter befriedigende Geschichten". Getoppt wird das jedoch von einem Autoren mit dem assoziativen Pseudonym Charles Roch. Sein Buch "Trockenzonen" beschreibt, was passiert, "wenn Männer aufhören sich zu waschen". Auch hier gibt es bereits ein Hörbuch mit prominenter Stimme, den Text liest Schauspieler Oliver Korittke ("Bäng Boom Bäng").

Reinlichkeitsbedürfnis als Gegenpart

Strunk schrieb die Nächte durch. Körperausscheidungen und Ekel, das war sein Thema. Als Kurzhörspielmacher hatte er dazu vor Jahren etliche Ulk-Abhandlungen aufgenommen, da kannte ihn noch kaum jemand. Er würde das Thema zurückerobern. So erzählt die Geschichte sein Lektor. Je länger Strunk schrieb, desto mehr sei er allerdings von diesem Parodiegedanken abgekommen. Wie Strunks parodistischer Anfangseinfall ungefähr aussah, lässt sich auf Seite 33 erahnen. Da wird Thorsten Bruhn mit seinem speziellen Reinlichkeitsbedürfnis als Gegenpart zu der Exkrementenliebhaberin und Körperflüssigkeitskonservatorin Helen Memel entworfen. Bruhn hat einen Wunsch: "Ich möchte bis ins hohe Alter meine schöne Rosette in absolutem Topzustand erhalten."

Je weiter Strunk die Geschichte von der Ostseefahrt aber spinnt, desto eher tut er, was er schon immer am besten konnte: ein Milieu mit erheblich ironischem Abstand studieren. Sein Thorsten Bruhns muss sich an der Ostsee jeden Tag eine Predigt anhören und so langsam nervt ihn die Pfarrersmetaphorik: "Der Glaube als Getriebe. Immer diese dämlichen Vergleiche: Den Glauben muss man sich vorstellen als ... Eigentlich kann man alles einsetzen: Der Glaube als chemische Versuchsanordnung. Der Glaube als Supermarkt. Der Glaube als Hotel. Gott ist der Besitzer, Jesus Portier, der Fahrstuhl der Weg ins Paradies, die Sauna die Hölle, Zimmermädchen Engel, Frühstücksraum auch irgendwas, man muss nur lange genug drüber nachdenken." Strunk ist immer auch ein bisschen Autobiograf. An solchen Stellen klingt der ältere, der heutige "Heinzer" durch - als würde er in den Gedanken Thorsten Bruhns Rückschau halten.

Apfelkornabende und christliche Schuldzuweisungen

Noch mehr als bei "Fleisch ist mein Gemüse" spielt Strunk in seinem neuen Roman mit dem Vertrauten. In dieser Hinsicht funktioniert der "Fleckenteufel" ähnlich wie Florian Illies "Generation Golf". "Wetten, dass ..?" nach dem Samstagabendbad, zum Frühstück Nutella: kennt fast jeder. Dasselbe gilt für die christliche Jugendfreizeit. Vielleicht hält auch dieser Wiedererkennungswert den "Fleckenteufel" in den Top-20 der Bestsellercharts. Identifikation statt Provokation. Strunk betrachtet Außenseiter-Bashing, Atomkraftdiskussionen mit "CDU-Schweinen", sexuelle Annäherung bei Apfelkornabenden, christlichen Schuldzuweisungen oder die erste Bukowski-Lektüre mit dem schrägen Blick eines überreflektierten Teenagers. Das diesen Thorsten Bruhn permanente Verdauungsschwierigkeiten quälen und er ständig darüber nachdenkt, wie viel Essen sich jetzt in seinem Magen angesammelt hat und wie wenig in Form winziger, kaum 100 Gramm schwerer "Hasenköttel" wieder ausgeschieden wurde, das scheint der kommerziell motivierten Anlehnung an Roche geschuldet und macht die Lektüre unnötig anstrengend. Unterhaltsamer wäre der "Fleckenteufel" ohne den penetranten Latrinengestank. Aber besonders Strunk-Fans dürften ihn gern ertragen. Ohne schließlich hätte es dieses Buch wahrscheinlich nie gegeben.