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Sarah Kuttners "Mängelexemplar": Das Gesicht der Depression

Schweißausbrüche, Panikattacken und schwarze Löcher in der Seele - Depression ist eine Volkskrankheit, die Nichtbetroffene nur schwer verstehen. Moderatorin Sarah Kuttner hat mit "Mängelexemplar" diesem Thema ein Buch gewidmet und riskiert dafür einiges.

Von Kathrin Buchner

"Depression ist ein fucking Event", sagt der Psychiater zu Karo. Karo Herrmann, Protagonistin in Sarah Kuttners Roman "Mängelexemplar", ist eine überdrehte Endzwanzigerin - immer auf der Überholspur unterwegs; typische Vertreterin einer Großstadtavantgarde, für die das Leben ein Büffet mit Nachschub-Garantie ist. Als Eventberaterin organisiert sie coole Partys, hat einen Freund, der ebenso auf der Oberfläche surft wie Karo.

Dann verliert sie ihren Job, der High-Speed-Trip durchs Leben stoppt abrupt. Sie fällt in ein tiefes Loch, bekommt Herzrasen, Schweißausbrüche und Panikattacken. Zunächst tarnt sie ihre empfindliche Psyche und die Sehnsucht nach Nestwärme und Nähe mit Dauerquasselei und zynischen Witzen. Erst langsam dämmert es Karo, dass sie ernsthaft erkrankt ist und ihr verkorkstes Innenleben sich nicht in einer 24-Stunden-Therapie reparieren lässt.

Kontrollverlust nach der Dauerberieselung

Kuttner schreibt klarer als sie spricht, aber mindestens genau so schnell. In einer einfachen Sprache mit prägnanten Bildern und flapsigen Formulierungen wie "Fanclubleiter des kategorischen Imperativs" gestaltete sie die Innenansicht der Karo H.: die Leere nach der Dauerberieselung, die Angst vor Kontrollverlust, den Absturz im Kopf.

Als "Quarterlife Crisis" geisterte das Syndrom der Orientierungslosigkeit von jungen Frauen und Männern um die 25 schon vor ein paar Jahren durch die Literatur und Medien. Doch sie blieb abstrakt. Jetzt gibt Kuttner der schwer vorstellbaren Krankheit eine Geschichte und ein Gesicht. Dabei ähnelt die Biografie von Karo, der Eventmanagerin in der Lilalaune-Medienbranche, sehr der eigenen Geschichte von der Moderatorin, die im Januar 30 geworden ist. Vor gut zwei Jahren wurde ihre Show, in der sie herrlich ohne Punkt und Komma drauflos plaudern durfte und die bereits von Viva zu MTV gewandert war, ganz eingestellt. Ein Schock sei das für sie gewesen, ihre geliebte Arbeit und das Team zu verlieren, erzählte Kuttner in Interviews.

Gesellschaftliches Minenfeld Depression

Wie Kollegin Charlotte Roche gehört auch Kuttner in die Riege junger Frauen, die dank ihrer frechen Klappe und eigenständigem Denken auch über das Ende des Musikfernsehens hinaus als authentische Stimme der Jugend dienen. Ein Jahr nach dem Erscheinen von Roches "Feuchtgebieten" hat also auch Kuttner ihren ersten Roman vorgelegt. Und ebenso wie "Feuchtgebiete" ist "Mängelexemplar" nicht nur aus der subjektiven Sichtweise einer jungen Frau erzählt, sondern trifft auch den Zeitgeist weiblicher Selbstfindung. Egal, ob zwischen den Schamlippen, zwischen Kind und Karriere wie in "Bitterfotze" oder eben zwischen Herz und Hirn wie in "Mängelexemplar". Während sich Helen Memel mit Avocadokernen befriedigt und so Tabugebiete der weiblichen Sexualität erforscht, beschreibt Kuttner ein ebenso hartnäckiges Minenfeld der Gesellschaft: die Krankheit Depression - sowohl bei jungen, gutaussehenden und erfolgreichen Frauen als auch eine Generation früher, schließlich ist auch Karos Mutter betroffen.


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Kuttner verschmilzt mit Karo

Verarbeitet Kuttner tatsächlich ihre eigenen traumatischen Erlebnisse in "Mängelexemplar"? Schließlich beschreibt die Moderatorin so detailliert die Symptome von Angstzuständen und Depression erzählt, dass man kaum glauben kann, dass sie es nicht wirklich erlebt hat. Ja, sie habe selbst auch mal unter Panikattacken gelitten, gesteht sie gegenüber der Frauenzeitschrift "Brigitte", wo sie als Gesprächspartnerin zum Thema Ängste gefragt ist. Das habe ihr das Schreiben darüber erleichtert. Doch eine Therapie habe sie nicht gemacht, selbst wenn, würde sie es nicht erzählten, sagt Kuttner im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Das sei kein autobiografisches Buch und auch nicht ihre Geschichte, bemüht sie sich zu betonen, auch wenn sie selbst wissen muss, wie wenig ihre Beteuerungen gehört werden.

"Mängelexemplar" Karo wird in der öffentlichen Wahrnehmung die Gestalt von Schöpferin Kuttner annehmen wie Helen Memel mit Charlotte Roche gleichgesetzt wird, bei deren Anblick sich Millionen Menschen fragen, ob sie wohl beim Pinkeln erst mal mit ihrer Muschi über den Klodeckel wischt? Da kann Roche noch so oft in Interviews betonen, dass es sich bei "Feuchtgebieten" um Fiktion handelt und sie nicht ihr eigenes ausschweifendes Masturbationsverhalten beschreibt.

Verständnis für Depressive geweckt

Offensichtlich nimmt Kuttner, und das muss man ihr hoch anrechnen, die Verschmelzung ihrer eigenen Biografien mit der ihrer Romanheldin für eine gute Sache in Kauf: nämlich um das Bewusstsein zu stärken, dass psychische Defekte Krankheiten sind, die man ernst nehmen muss und die man heilen kann. Denn eines hat sie erreicht nach der Lektüre des Buches: Man versteht besser, wie Depressive ticken. Und das ist wichtig in einer Zeit, in der skrupellose Renditegeier die Zukunftschancen junger Leute dezimieren. Viel schlimmer als ein leeres Bankkonto ist das, was in den Köpfen der Menschen angerichtet wird.

Es ist also das richtige Buch zur richtigen Zeit. Vielleicht sollte Kuttner ein Forum im Internet eröffnen für verstörte Twens, die in Zeiten wachsenden Drucks die bösen Geister nicht mehr aus dem Kopf vertreiben können. Keine Kleinanzeigensendung mehr, sondern nach Größerem streben. Das tun, was sie am Besten kann: Moderieren. Und die Glaubwürdigkeit nutzen und als Sprachrohr den Kontakt zwischen Betroffenen und Helfern herstellen. Denn eines wird Sarah Kuttner in den nächsten Monaten so oder so sein: das Gesicht der Depression.