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Erneuter Rassismus-Vorfall Sarah Kuttner verwendet das N-Wort und entschuldigt sich – warum es das nicht besser macht

Sarah Kuttner grinst in die Kamera
Sarah Kuttner hat in einem Podcast das N-Wort reproduziert und entschuldigt sich nach der Kritik öffentlich
© Jan Woitas / DPA
Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner hat in einem Podcast das N-Wort reproduziert und sich nach Kritik nun öffentlich entschuldigt. Es ist die dritte Entschuldigung dieser Art innerhalb kurzer Zeit. Dieses Vorgehen ist allerdings ebenso problematisch, findet unsere Autorin.

Schon wieder ist es passiert: Eine weiße Person hat das N-Wort verwendet, weil sie nicht versteht,  warum es verletzend ist. Dann entschuldigt sie sich öffentlich und verspricht, sich zu bessern. Sie erklärt, dass sie niemanden verletzen wollte, tut das allerdings halbherzig und gespickt mit Rechtfertigungen. Genau dieses Vorgehen macht die sowieso schon schlimme Sache nicht besser.

In diesem Fall geht es um Sarah Kuttner, die im Podcast "Hotel Matze" von Matze Hielscher mit Kollegin Katrin Bauerfeind zu Gast war und dort das N-Wort mehrfach verwendet hat. Es sei "nur ein Wort" und Worte sollte man frei verwenden dürfen, findet Kuttner, und sagt es immer und immer wieder. Bauerfeind und Hielscher greifen nicht entschieden ein, auch wenn sie anmerken, dass Kuttner es besser nicht aussprechen solle. Im Nachhinein wurden die Stellen zensiert ausgestrahlt.

Sarah Kuttner gebrauchte wiederholt das N-Wort

An diesem Punkt hört mein Verständnis aber bereits auf: Wenn man doch weiß, dass bestimmte Worte verletzend sind und Menschengruppen seit Jahrzehnten deutlichmachen, dass sie das Wort nicht hören wollen – warum denkt man als weiße Person, man habe dennoch das Recht, es ohne Not verwenden zu dürfen? Besonders dann, wenn man keinerlei Ahnung davon hat, wie es ist, allein wegen seiner äußeren Erscheinung anders gelesen zu werden, immer Sorge haben muss, Unrecht im Alltag zu erfahren oder nicht ausreichend geschützt zu werden, attackiert zu werden.

Das ist nicht nur ignorant, sondern respektlos und böswillig. Und gerade Sarah Kuttner, die doch in der Medienwelt zu Hause ist, sollte nach eigenen Lesungen in der Vergangenheit, in denen sie bereits mit der Problematik konfrontiert worden war, und spätestens nach den Diskussionen um die Äußerungen in der Talkshow "Die letzte Instanz" verstanden haben, dass es höchstproblematisch ist, sich so sorglos und überheblich zu Themen zu äußern, mit denen man selbst nicht ausreichend vertraut ist.

Jasmina Kuhnke im steten Kampf gegen Rassismus

Als die Autorin Jasmina Kuhnke via Instagram darauf aufmerksam gemacht wird, dass öffentlich das N-Wort verwendet wurde, erklärt sie in ihrer Instagram-Story zum wiederholten Male generell, warum das falsch ist. Dass Schwarze Personen wegen solcher unbedachten Äußerungen Tränen vergießen würden, und immer wieder Kämpfe ausfechten müssten. Und dass es mühsam ist, die Problemtaik hinter dem N-Wort immer und immer wieder erklären zu müssen.

Zumal es der dritte öffentliche Konflikt innerhalb kürzester Zeit war: Vor wenigen Tagen hatte Influencerin und Autorin Sophie Passmann bereits die Benachteiligungen Schwarzer Frauen im Feminismus missachtet und durch ihre Aussagen Rassismus heruntergespielt. Darüber hinaus wurde Kuhnke darauf hingewiesen, dass im Podcast "Mord auf Ex" von Linn Schütze ebenfalls das N-Wort reproduziert worden war. Auch diesen Vorfall thematisierte sie öffentlich.

Was dann in allen drei Fällen passiert ist: Die "Täterinnen", also sowohl Sophie Passmann, als auch Linn Schütze, als auch Sarah Kuttner, fühlten sich durch die öffentliche Kritik gezwungen, sich  entschuldigen zu müssen. Erst, wenn die eigene Komfortzone angegriffen wird und man in der Kritik steht, setzt man sich mit der Thematik auseinander. Vorher äußerten die entsprechenden Personen sich allerdings noch von oben herab, ohne sich informiert oder eingelesen zu haben, aber mit der unerschüterlichen Haltung, man könne zu solchen Themen etwas Qualifiziertes beitragen. 

Problematische Entschuldigung von Sarah Kuttner

Wie können sich aber Betroffene frei machen und die rassistische und kolonialistische Vergangenheit hinter sich lassen, wenn sie immer wieder aktiv im Alltag daran erinnert werden, dass sie "anders" sind. Wenn der Kampf für Gleichberechtigung immer noch von ihnen selbst ausgetragen werden muss und von Nichtbetroffenen wieder und wieder heruntergespielt wird? Wenn Solidarität an allen Ecken und Enden fehlt? So kann doch gar kein Fortschritt stattfinden, wenn sich prominente weiße Menschen noch immer dermaßen herablassend verhalten.

Die öffentlichen Entschuldigungen sind gut und richtig und zeigen, dass man sich nach Fehlern selbst reflektieren und Fehler auch zugibt. Dass man bereit ist, zu lernen. Fehler werden immer wieder passieren, wichtig ist nur, dann auch in den Dialog zu gehen, problematisches Verhalten zu erkennen und daran zu arbeiten. Nur: Man sollte dann auch das Grundproblem wirklich verstanden haben und sich nicht nur entschuldigen, weil man sich vielleicht vor weiterer Kritik schützen möchte.

Denn noch schlimmer wird es, wenn man sich bloß halbherzig entschuldigt, so wie es Sarah Kuttner nun getan hat. Sie habe doch einen Opa aus Ägypten, kenne sich mit problematischen Themen aus und habe selbst viel Schlechtes erlebt. Sie hätte sich einen persönlichen (statt öffentlichen) Austausch mit Jasmina Kuhnke gewünscht. Fühle sich jetzt selbst schlecht und habe nie etwas Böses gewollt. Der O-Ton: Eigentlich sei sie ein missverstandenes Opfer dieses Konflikts.

Anstatt klar dazu zu stehen, dass man sich in einer Sache falsch verhalten hat; anstatt anzuerkennen, dass die Probleme anderer vielleicht noch schwerwiegender sind als die eigenen (die man ja niemandem absprechen möchte); anstatt anzuerkennen, dass es nicht um sie als Person geht, sondern um ein gesellschaftliches Grundproblem.

Und noch mehr: Kuttner hat als Person in der Öffentlichkeit eine Vorbildfunktion. Wenn sie vorlebt, dass es okay ist, das N-Wort zu reproduzieren, finden das ihre Fans eben auch – was man nach dem Vorfall daran erkennen kann, dass das Wort auf Twitter wieder trendet. Dass das überhaupt noch passiert, ist furchtbar. Dass das durch Kuttner herbeigeführt wurde und sie ihre Rolle in der Sache nicht versteht und erkennt, ist ebenso furchtbar.

Gleichberechtigung erfordert aktives Handeln

Es kann doch nicht sein, dass so etwas wieder und wieder geschieht. Dass die gleichen Fehler immer wieder passieren, weil es privilegierte Menschen nicht hinbekommen, sich in die Rolle derer zu versetzen, die noch immer mit Benachteiligungen konfrontiert sind und durch die Reproduktion negativ belegter Worte von einer menschenverachtenden Vergangenheit nicht loskommen können.

Dabei liegt die Verantwortung doch ganz klar bei uns selbst, uns vorher zu informieren und nicht ignorant mit verletzenden Worten oder ignoranten Aussagen um uns zu werfen. Zuzuhören, anzunehmen, zu lernen. Zu erkennen, dass es Unterschiede auf der Privilegien-Ebene gibt und sie nicht anderen abzusprechen. Das ist wirklich nicht zuviel verlangt. Denn es reicht schon, sich nur ein wenig mit der Thematik auseinanderzusetzen, um zu verstehen, warum manches Verhalten verletzend ist. Wer das ignoriert, ist nicht nur egoistisch, sondern böswillig. Wer sich Toleranz wünscht, sollte aktiv etwas dafür tun und an sich selbst arbeiten. Wem eine tolerante Gesellschaft egal ist und wer sich gern auf ungerechten Machtverhältnissen ausruht, muss das natürlich nicht. Der muss dann aber auch mit entsprechender Kritik klarkommen.

Was kann man besser machen?

Es geht dabei nicht darum, einzelne Personen wie Sophie Passmann oder Sarah Kuttner persönlich anzugreifen. Ihre Fans verteidigen sie auch oftmals damit, dass sie es doch nicht böse gemeint hätten und gute Menschen seien. Das will ihnen auch niemand absprechen. Es geht darum, zu erkennen und zu erklären, was gerade Personen der Öffentlichkeit anders machen müssen, um eine fairere Gesellschaft zu ermöglichen, in der sich Menschengruppen nicht verletzt, ungesehen oder unwohl fühlen. Und dafür gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Wenn man mit wichtigen gesellschaftlichen Themen wie Rassismus nicht ausreichend vertraut ist, sollte man sich nicht dazu hinreißen lassen, sich öffentlich zu äußern. Dazu zu stehen, dass man noch nicht genügend informiert ist, ist nicht schlimm, sollte man aber deutlich machen und nicht mit gefährlichen Aussagen noch mehr Probleme herbeiführen. Und wenn man zukünftig in die Diskussion gehen möchte: erst einmal vorher im Stillen einlesen.

2. Seine Followerschaft aktiv dazu ermutigen, sich zu gesellschaftlichen Themen zu informieren, Betroffenen zuzuhören, mit seinem Umfeld zu diskutieren und aktiv einzuschreiten, wenn man Ungerechtigkeiten im Alltag erkennt. Und auch wieder: sich selbst ständig informieren und sich seiner Vorbildfunktion bewusst sein, aktives Handeln vorleben.

3. Zugeben, dass man sich auf seiner bequemen Privilegien-Ebene wohlfühlt und sich nicht aktiv darum bemühen möchte, dass es mehr Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft gibt. Aber nicht vorgaukeln, man wünsche sich mehr Toleranz und bemühe sich um andere. Denn das sorgt dafür, dass Vertrauen verloren geht und man das Gefühl bekommt, man sei in der Gesellschaft am Ende doch nur auf sich allein gestellt. Und noch schlimmer: Auch noch verletzende Äußerungen zu tätigen und damit nicht nur passiv zu sein, wenn es um Veränderung geht, sondern damit sogar Fortschritt zu erschweren. Denn das tun weiße Menschen mit einem solchen Verhalten.

Aber zum Glück gibt es noch Menschen, die sich wirklich um Solidarität, Miteinander und Gleichberechtigung bemühen – und bereit sind, dafür an sich selbst zu arbeiten, Fehler zuzugeben und zu sehen und auch Unangenehmes zu erfahren. Es dürften aber gerne mehr davon sein.


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