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Neuer Film "Lieber Kurt" Til Schweiger spricht über den Tod und verrät, warum er Oliver Pocher "zutiefst unsympathisch" findet

Til Schweiger
Til Schweiger in seinem neuen Kinofilm "Lieber Kurt"
© Gordon Timpen/Filmwelt Verleihagentur / DPA
Til Schweiger hat Sarah Kuttners Roman "Kurt" verfilmt, in dem es um den Tod eines Kindes geht. Wie sehr ihn das Thema berührt und was er über seinen bevorstehenden 60. Geburtstag denkt, erzählt der Schauspieler im Interview.
Von Alexander Nebe

In "Lieber Kurt" spielen Sie einen Vater, der seinen Sohn durch einen Unfall verliert und im Schmerz zu ertrinken droht. Wie sehr belastet Sie privat als Vater der schreckliche Gedanke, dass eines Ihrer Kinder vor Ihnen gehen könnte?
Mit der Geburt von jedem meiner Kinder hatte ich zwei Gefühle: unendliches Glück und Liebe, gleichzeitig aber auch unendlich viel Angst! Da ich ja vier Kinder habe, habe ich auch viermal so viel Angst. Und ich bin mir sicher: Diese Angst werde ich so lange tief in mir tragen, bis ich meinen letzten Atemzug getan habe. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich jeden Tag mit dem Gefühl herumlaufe, dass jeden Moment ein schlimmer Anruf kommen könnte – aber diese Urangst in mir kann ich einfach nicht abstellen.

Wie gehen Sie mit Trauer um?
Ich bin ein Mann, der seine Probleme und Sorgen nicht mit sich selbst ausmacht. Ich habe zwei Brüder, die da genau das Gegenteil sind und ihre Gefühle lieber für sich behalten. In den Momenten, in denen es mir nicht wirklich gut ging, habe ich dagegen immer das Gespräch mit meinen engsten Freunden und Vertrauten gesucht. Das hat mir immer am besten geholfen.

Warum ist das Sterben und der Tod weiterhin so ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft? Wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns da von anderen Kulturen etwas abschauen, die viel weniger düster und verkrampft an das Leben des Verstorbenen erinnern?
Da ich bei diesem Thema selbst ein großer Verdränger bin, dürfen Sie mich das nicht fragen. Ich war in meinem Leben erst auf drei Beerdigungen: Das erste Mal im Alter von zwölf Jahren, als in meinem Boxverein ein Junge mit dem Moped tödlich verunglückt war. Da saßen wir Jungs dann bei der Trauerfeier und haben dann fast nur herumgealbert und gelacht, was logischerweise nicht besonders toll ankam. Mit 17 ist dann ein Mitglied aus meinem Fußballverein erstochen worden und da wurde mir bei der Beerdigung dann plötzlich so schwindelig, dass ich fast ins Grab gefallen wäre. Meine Kumpel konnten mich zum Glück noch in letzter Sekunde festhalten.

Ach du meine Güte!
Danach habe ich still zu mir gesagt, dass ich das definitiv nicht mehr brauche und habe um jede Beerdigung einen großen Bogen gemacht. Bis Anfang 2021 dann meine Mutter gestorben ist. Da wollte ich natürlich unbedingt dabei sein – egal wie sehr es mir auch das Herz zerreißt.

Haben Sie für den Fall Ihres vorzeitigen Todes vorgesorgt?
Ich habe bereits alles geregelt und in einem Testament festgelegt. Wir versuchen als Familie aber auch so oft es geht, nicht getrennt, sondern gemeinsam zu fliegen. Wenn das Flugzeug im Worst Case abstürzen sollte, dann sind wir wenigstens alle nicht mehr da und dann gibt es auch keine Trauernden außerhalb der Familie.

Leben Sie heute jeden Tag viel bewusster als vor 20, 30 Jahren?
Natürlich, denn auch ich werde mir meiner eigenen Endlichkeit immer bewusster. Mit 20 hältst du dich für unsterblich und denkst, dass das Leben ewig ist. Aber mit jedem Jahr, das ich älter werde, habe ich das Gefühl, dass die Zeit immer schneller verstreicht. Und in mir wächst das Bewusstsein, dass mir nur noch eine gewisse Zeitspanne bleibt.

Und die Frage, wie lange diese Spanne noch sein wird ...
Wenn wir Glück haben, werden wir 80 Jahre oder älter. Mit viel Pech bekommen wir einen Hirntumor und Krebs oder werden Opfer eines Unfalls oder Gewaltverbrechens. Es kann grundsätzlich von jedem Tag auf den anderen vorbei sein. Das müssen wir uns alle immer wieder bewusst machen. Zumal die Einschläge auch bei mir brachial näher kommen.

Im kommenden Jahr steht Ihr 60. Geburtstag an.
Und das ist ein ambivalentes und irgendwie auch schräges Gefühl. Denn ich fühle mich immer noch genauso reif beziehungsweise unreif wie mit 20. Ja, ich habe heute mehr Lebenserfahrung, sicherlich auch in vielen Dingen mehr Selbstbewusstsein und ich weiß viel mehr über mich und das Leben als früher. Aber in meiner Art zu denken und auf das Leben zu schauen, meiner Lebenslust, Naivität, Fröhlichkeit, bin ich noch genauso wie früher. Und das wird auch so bleiben, bis ich sterbe.

Und woran merken Sie dann doch, dass Sie keine 20 mehr sind?
Mein Körper erinnert mich an diese Tatsache immer wieder gnadenlos: Ich habe Rückenschmerzen, das Knie tut mir weh oder mich zwickt ein steifer Hals. Auch mein Körper baut eben ab. That's life!

Planen Sie eine große Party?
Auf jeden Fall! Dabei kommt es mir so vor, als wäre die rauschende Party zu meinem 50. erst gestern gewesen Die haben wir gleich zweimal gefeiert: Die erste im Dezember zu meinem eigentlichen Geburtstag mit rund 150 Gästen kam so gut an, dass ich dieselbe Party im Sommer noch einmal wiederholt habe – mit noch mehr Gästen. Das war so geil, dass ich nun überlege, meinen 60. Geburtstag gleich dreimal zu feiern.

Wie groß ist Ihr Respekt vor der neuen runden Zahl?
Ich gebe zu: 60 ist für mich eine Zahl, die es in sich hat und definitiv eine Ansage. Was mich tröstet, ist die Tatsache, dass ich eine Menge Leute kenne, die auch noch mit 80 eine solche Lebenslust und Energie haben, dass ich gleich mit viel weniger Sorgen aufs Alter blicke.

Was genau inspiriert Sie bei diesen reifen Menschen?
Die sagen mir, dass sie genau jetzt die glücklichste Zeit ihres Lebens haben. Natürlich ist da das Bewusstsein, dass die verbleibende Zeit immer begrenzter ist. Aber diese Menschen sind komplett bei sich angekommen und verstehen es deshalb perfekt, das Hier und Jetzt zu genießen. Ein super Beispiel ist mein großes Idol Clint Eastwood. Der ist mit 92 Jahren immer noch fit und dreht weiterhin Filme.

In welcher Lebensphase haben Sie am meisten über sich selbst gelernt?
Unbewusst habe ich ganz sicher am meisten von meinen Kindern gelernt. Vierfacher Papa zu sein, verändert einfach alles. Am Anfang hatte ich einen Riesenrespekt vor dieser neuen Rolle. Ich dachte früher, dass ich ja selbst noch nicht richtig erwachsen bin. Wie soll ich da bitte ein Kind großziehen und erziehen? Mein Trost war dann, dass im Notfall ja einfach alles die Mama übernehmen kann.

Wie selbstironisch sind Sie?
Ich konnte schon immer viel über mich selbst lachen und Menschen, die das nicht können, sind mir zutiefst unsympathisch und suspekt. Ein perfektes Beispiel ist dafür Oliver Pocher: Der reißt so gerne Witze über Leute – am liebsten solche, die vermeintlich unter ihm stehen; aber wehe, er muss mal einstecken und bekommt Gegenwind ... dann fängt er sofort an zu heulen. Solche Leute mag ich einfach nicht. Ich bin sehr schusselig und stelle mich teilweise selten dämlich an. Insofern gibt es genügend Anlässe, über mich selbst lachen zu können. Meine Freunde und Familie tun das ohnehin genug.

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