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Feminismus-Kritik Erst klugscheißen, dann zurückrudern: Warum Sophie Passmanns Verhalten so problematisch ist

Sophie Passmann im Jahr 2019 auf der Buchmesse in Leipzig
Sophie Passmann im Jahr 2019 auf der Buchmesse in Leipzig
© picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Autorin Sophie Passmann steht derzeit im Fokus von Diskussionen um weißen Feminismus. Sie hat sich zwar entschuldigt. Unsere Autorin findet ihr Verhalten und die Reaktionen anderer Frauen dennoch problematisch.

Manchmal fehlen einem in bestimmten Momenten die Worte. So war es bei mir, als ich das Interview von Sophie Passmann im Schweizer Magazin "Annabelle" las, meine Aufmerksamkeit dann zu einem Kommentar aus der "Süddeutschen Zeitung" gelenkt wurde und dann weiter zur Kommentarspalte auf Instagram zum dazugehörigen Posting. In meinem Kopf ging es währenddessen wild durcheinander, das Herz raste. Erst fragte ich mich, warum manche Frauen so ignorant sind, dann fragte ich mich, ob ich es selber vielleicht auch noch bin und kam zu dem Schluss, dass es wichtig ist, mich zur Thematik zu äußern und doch noch die passenden Worte zu finden. Bevor ich das tue, versuche ich aber, diejenigen abzuholen, die die gesamte Diskussion gar nicht oder nur am Rande mitbekommen haben.

Sophie Passmann, Influencerin, Autorin, Schauspielerin, gilt als Feministin. Das heißt laut Definition grob: Sie möchte das Bild und die Selbstbestimmung von Frauen in der Gesellschaft stärken. Stärken muss man eben nur, was im Vergleich noch nicht gestärkt genug ist, klar. Und der Vergleichswert sind Männer. Nach einem Interview mit dem Schweizer Magazin "Annabelle" wurden zuletzt aber Stimmen laut, dass sie allenfalls eine weiße Feministin sei.

Dort heißt es nämlich in einer mehrfach zitierten Passage: "Wenn Redaktionen im Namen des Antirassismus eine Schwarze Frau zum vermeintlichen Sprachrohr von rassistischen Erfahrungen in Deutschland machen, führt das dazu, dass wieder nur ein Standard reproduziert wird: Wer spricht am lautesten, am funkiesten in ein Interview-Mikrofon hinein? Ohne dabei irgendetwas gegen Rassismus getan zu haben. Ich habe mich deswegen vor zwei Jahren aus dem Politik-Scheiß komplett rausgezogen. Es bringt einfach nichts, außer dass ich ordentlich Bücher verkaufe. Und das ist selbst mir zu unehrlich", sagt sie darin unter anderem.

Warum das nichts bringen würde, so die Nachfrage. "Einen abstrakten Missstand in einem Interview aufzuführen, der nur durch Gefühle und Erfahrungen belegt ist?", erwidert die 28-Jährige. Rassismus sei also ein "abstrakter Missstand", Einzelne sollten mit ihren Aussagen nicht andere in "Mithaft" nehmen, Gefühle und Erfahrungen dürften zudem nicht mit Fakten gleichgestellt werden, so ihre weiteren Aussagen.

Weißer Feminismus: Sophie Passmann steht in der Kritik

Diese wurden daraufhin stark kritisiert: Passmann wolle, dass sich Frauen in der Gesellschaft gestärkt fühlen, die Realität vieler Schwarzer Frauen erkenne sie aber nicht an, merkten einige Kommentator:innen an. Feminismus nur nach der privilegierten weißen Realität also. Das große Problem: Es ist für gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt essenziell, Rassismus anzuerkennen und auch im Feminismus anzuerkennen, dass er viele Facetten hat, der eben auch Rassismus-Erfahrungen Schwarzer Frauen beinhaltet. Ein Kommentar der "Süddeutschen Zeitung" verhärtete die oben genannte problematische Sicht: Eine weiße Frau schlug sich auf Passmanns Seite, schrieb, es sei für den Feminismus problematisch, wenn nun Frauen Frauen angreifen würden. Und erkannte damit das Grundproblem gar nicht, versuchte, die Kritik vor allem von Schwarzen Frauen niederzureden.

Auf Instagram kommentierte Politologin und Autorin Emilia Zenzile Roig unter dem SZ-Post treffend: "BIPOC Frauen werden diskreditiert und silenced, alles im Namen des 'Feminismus'. Feminismus verstärkt das Patriarchat wenn es nicht intersektional ist… wenn innerhalb der feministischen Bewegung die mächtigsten Frauen auf die anderen treten, sehen wir was passiert: Patriarchat und white supremacy werden stärker, und ja: weiße Frauen auch. Zählen die anderen nicht? Das ist die Frage."

Dann gab es aber auch weiterhin Gegenstimmen: Das habe Sophie Passmann ganz anders gemeint, sie wolle, dass mehr Schwarze Frauen sprechen und zu Wort kommen, wurde hineininterpretiert und versucht, schönzureden, was Passmann vom Stapel ließ. Der Tenor dabei immer: Wir weißen Frauen erklären allen anderen, auch Schwarzen Frauen, wie wir alle wachsen können. In Wahrheit profitieren von so einer Denkweise aber tatsächlich eben nicht alle Frauen und Feminismus und die Stärkung von Frauen können nicht überall stattfinden, wenn die Unterschiede innerhalb der Bewegung schon nicht wahrgenommen werden.

Ich selbst habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass eine intelligente Frau wie Sophie Passmann versteht und anerkennt, dass Frauen im gesellschaftlichen Gesamtkontext nach wie vor benachteiligt werden und dafür kämpft, dass es sich ändert, andersherum aber Schwarzen Frauen, die eben nochmal viel mehr benachteiligt werden, nicht ganz besonders den Rücken stärkt, sondern noch die Arroganz und Ignoranz besitzt, ihnen sagen zu wollen, wie Empowerment denn funktionieren würde und könne?

Empowerment nur für die Privilegierten?

Laut ihrer Aussagen könne Empowerment nämlich nur funktionieren, "wenn ich vorlebe, dass ich bin, wie ich bin, und auf genau dieser Grundlage versuche, ein bisschen besser zu sein als die, die zeitlich vor mir waren". Wenn man ihre Aussage wörtlich nehmen und umsetzen würde, würde es bedeuten, dass jede:r nur sich selbst im Blick hat und sich weiterentwickelt, was grundsätzlich richtig und gut ist. Im Gesamtkontext hieße das aber, dass die Missstände doch bleiben werden, wo sie auch jetzt spürbar sind, wenn sich eine Gesellschaft auf unterschiedlichen Ebenen nur in der Gesamtheit erhebt, nicht aber gezielt da, wo es nötig wäre, damit die Ebenen gleichmäßiger werden. Oder schlimmer noch: wenn sich nur die oberen Ebenen noch weiter absetzen.

Logischer, wichtiger und fairer wäre es doch dort anzusetzen, wo die Ebenen noch starke Höhenunterschiede aufweisen: Schwarze Frauen müssen doch erst so sehr gestärkt werden, dass sie im gesellschaftlichen Kontext den Privilegien weißer Frauen näher kommen, damit sie auf ähnlicher Ebene stattfinden, um dann im Folgenden der Ebene "alter weißer Männer", um in Passmanns Sprache zu bleiben, näher kommen zu können. Nur so kann Gleichstellung, Fairness und Miteinander doch funktionieren. Und wenn die 28-Jährige nur davon spricht, wie man als weiße Frau noch mehr Privilegien genießen könne, ist sie Teil des Problems. 

Sophie Passmann platzt auf Instagram der Kragen. 

Wir weißen Frauen sollten unsere Privilegien anerkennen

Und ich kann das beurteilen, denn ich weiß, wie es ist, sich auf einer ganz bequemen Position auszuruhen: Ich bin auch eine weiße Frau, der es nicht gefällt, dass in dieser Gesellschaft Missstände herrschen, sich Teile unwohl fühlen und die Ebenen an Privilegien und Benachteiligung deutliche Höhenunterschiede aufweisen. Für uns ist es sicherlich leichter und angenehmer, uns nur für die eigenen Bedürfnisse stark zu machen: Ich möchte sein können, wie ich bin, ohne als Frau in eine Schublade gesteckt zu werden oder mir feindselige Kommentare durchlesen zu müssen. Ohne mir überlegen zu müssen, ob ich mein Lieblingskleid nachts anziehen kann oder ob es zu gefährlich ist, weil manche Männer denken, sie hätten ein Recht darauf, mich dann bedrängen zu dürfen. Dass wir uns dafür stark machen, dass sich an diesem Denken etwas ändert, ist klar. An Gehaltsunterschieden für gleiche Jobs, und, und, und.

Nur wäre es vermessen, egoistisch und sogar schädlich, Frauen, die noch viel mehr Probleme beiseite räumen müssen, zu missachten und bei der Erfüllung eigener Wünsche irgendwo unter dem Begriff Feminismus miteinbeziehen zu wollen, ihre individuellen Probleme aber dabei zu untergraben. Und genau das passiert, wenn wir nicht zuerst unsere eigenen Privilegien nutzen, um die Ebene unter uns nach oben zu ziehen. Für unsere Privilegien haben wir nämlich nicht viel tun müssen. Um den direkten Vergleich zu ziehen: Schwarze Frauen haben nicht nur Angst, nachts auf der Straße im Lieblingskleid von manchen Männern verfolgt oder angesprochen zu werden. Mehr noch: Sie müssen zusätzlich Angst haben, von der Polizei nicht ausreichend geschützt zu werden. Haben darüber hinaus noch eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass ihnen auch noch Männer UND Frauen aus der Rechten Szene blöd kommen können – um es harmlos zu formulieren. Und das sind nur einige wenige Gründe, warum sich gerade Schwarze Frauen in Deutschland besonders unwohl fühlen.

Nachdem ich die Diskussion nun ein paar Tage lang verfolgt habe, klugen Frauen wie Jasmina Kuhnke oder Emilia Zenzile Roig in der Debatte zugehört habe und ihre Standpunkte voll und ganz verstehen kann, musste ich mir klarmachen, dass sie zwar schon alles Wichtige deutlich gemacht haben. Aber dass es besonders wichtig ist, dass gerade weiße Frauen wie ich, die weder zu den Betroffenen gehören noch zur Seite der Rechten Szene, jetzt mal verdeutlichen müssen, wo das Problem oft liegt und sich dabei ganz besonders selbst reflektieren müssen, persönlich genauso wie im gesellschaftlichen standing. Besonders im Hinblick darauf, dass sich eine weiße SZ-Autorin auf Passmanns Seite schlägt und die Kritik Schwarzer Frauen beiseite schiebt und es mal wieder Schwarze Frauen selbst sind, die laut werden und darauf hinweisen müssen, wie problematisch die Aussagen sind.

Sophie Passmann heizt Misstrauen und Enttäuschung an

Passmann hat sich zwar kurze Zeit später entschuldigt und schrieb: "Mir tut es sehr leid, dass diese Passage missverständlich war, das war nämlich mein Fehler. Für die Leichtigkeit, mit der ich diese Passage (beim Freigeben des Interviews) überlesen habe, schäme ich mich, sie zeigt, dass ich leichtfertig mit einem Thema umgegangen bin, das mir selbst nicht nahegeht. Wieso das so war, kann ich bisher nur erahnen und werde darüber in den kommenden Wochen nachdenken. In den Diskussionen (und teilweise auch öffentlich) ist meinem Eindruck nach klar geworden, was ich eigentlich sagen wollte." Das sei nämlich: "Ich kritisiere den Medienbetrieb für seine weiterhin nach einer alten und damit patriarchalen Struktur funktionierende Regel, der einzelne Sprecher*innen verschiedener Gruppen zu Tokens macht und sich damit von echter Arbeit reinwäscht. Das hätte ich besser sagen können und müssen. Es tut mir wirklich leid, es war nicht meine Absicht, damit Leute zu verletzen. Ich habe es trotzdem getan. Entschuldigung."

Aber das Problem an ihren Aussagen und darauffolgendem Verhalten bleibt und ist doch Folgendes: Die Spaltung wird wieder größer, weil Vertrauen verloren geht und sich viele Frauen von den Bestrebungen nach Gleichberechtigung ausgeschlossen fühlen, ganz explizit Schwarze Frauen. Weil wieder die Arroganz privilegierter Frauen deutlich wird: Die einen lenken die Diskussion weg von dem eigentlichen Problem, das mit einem selbst zu tun hat, hin zur größeren, ignoranten "wir sind doch alle Feministinnen und haben das gleiche Anliegen"-Ausrede.

Und Passmann wählt die "ich werde mich zurückziehen und nachdenken"-Variante, die sie hoffentlich auch ernst nimmt und nicht nur aus Selbstschutz gewählt hat. Denn es gab vor allem in den vergangenen Jahren immer wieder diese Fälle, dass Personen in der Öffentlichkeit unreflektierte Aussagen tätigten, Menschen damit verletzten, sich entschuldigten und erst dann lernen wollten. Das Ganze kann man aber umgehen, wenn man schon vorher zuhört, andere ernst nimmt und sich mit ihnen beschäftigt – und nicht erst, wenn man selbst in die Kritik gerät. Das suggeriert nämlich, dass man die Erzählungen bis dato nicht wirklich ernst genommen hat.

Die Diskussion zeigt weiterhin auf, dass eben auch Feminismus nicht selten da aufhört, wo es unangenehm wird: Wenn es etwa daran geht, dass zuerst größere Probleme weggeräumt werden müssen, wie die Missstände von Schwarzen Frauen, damit diese dahin kommen können, wo viele weiße Frauen schon stehen. Und das bedeuten würde, dass man nicht nur nach Besserung streben und sie einfordern darf, sondern vorher selbst dazu beitragen muss, dass sie woanders stattfinden kann.

Wer sich Empowerment wünscht, sollte bei sich selbst anfangen

Was Sophie Passmann im Interview verlauten ließ, lässt sich daher besser auf sie selbst adaptieren: Es sollten sicherlich nicht eine Sophie Passmann oder andere weißen Frauen allein sein, die besonders "funky" ins Mikrofon sprechen und erklären, wie ganzheitlicher Feminismus und Empowerment funktionieren. Und erst recht nicht, wie Antirassismus funktioniert. Wenn Passmann sagt, Interviews einzelner Schwarzer Frauen würden im Kampf gegen Rassismus nicht helfen, hilft in logischer Konsequenz also nur das Verhalten von uns privilegierten weißen Menschen in der Masse – richtig?

Na dann, bitte: Beginnen wir doch, zuzuhören und anzunehmen, was von eben diesen Frauen gesagt wird; das Ego und die Bequemlichkeit zurückzustellen und im Alltag für alle einzustehen, die sich vielleicht auch unseretwegen noch unwohl in der Gesellschaft fühlen; laut zu werden, wenn wir merken, dass Unrecht passiert, das uns nicht direkt betrifft; einzugreifen, wenn jemand aus rassistischen Motiven angegangen wird; unseren Blick ganz selbstreflektiert von unserer bequemen Ebene auf die Ebenen zu richten, auf denen es ungerechterweise noch unbequemer ist. Nur dann fühlen sich Benachteiligte auch wirklich ernst genommen, gesehen und aktiv unterstützt. Nicht durch Klugscheißerei, Wegreden von Problemen und im schlimmsten Fall durch Wegsehen und das egoistische Verfolgen eigener Ziele oben auf der gemütlichen Privilegien-Ebene. "Männerwelten" war doch genau deswegen so erfolgreich: Weiße, privilegierte Männer haben Frauen die Bühne überlassen, um ihnen zuzuhören und sie etwas mehr verstehen zu können.

Wir als weiße Frauen wünschen uns doch auch, dass jemand dazwischen gehen würde, wenn uns jemand ungefragt zu nahekommt, dem wir körperlich nicht gewachsen wären. Und könnten uns mit dem Wissen, dass jemand helfen würde, dann erst in jedem Moment in dieser Gesellschaft wohl fühlen. Dass es keine Menschen mehr geben wird, die Unrecht tun, ist unrealistisch. Ein hilfreicher Weg, um dagegen anzugehen, ist es zukünftig doch, uns alle mehr für Solidarität in jeglicher Hinsicht zu sensibilisieren, damit ein stärkeres Sicherheitsgefühl entstehen kann. Wir als weiße Frauen wünschen uns zudem doch auch, dass "alte weiße Männer" uns ernster nehmen, Probleme nicht zerreden, sich mehr in unsere Lage hineindenken und ihr standing reflektieren. Dann sollten wir das genauso tun.

Wachsen kann man in einer Gesellschaft nur gemeinsam, alle Menschen inkludiert. Und besonders diejenigen sind dabei zum Handeln gefordert, die auf der höheren Privilegien-Ebene stehen, ganz vereinfacht in dieser Sache: Männer sollten die Benachteiligungen von Frauen anerkennen, weiße Menschen die Benachteiligungen von Schwarzen Menschen. Wachsen kann man nur, wenn man seine Komfortzone verlässt und nicht nur nach der nächsthöheren Ebene schaut und strebt, sondern zuerst die aus den unteren mit nach oben nimmt, um die gesamte Power zu erhöhen, um daraufhin die nächste Stufe gemeinsam erreichen zu können. Und damit hat Passmann dann am Ende wohl doch recht: Diese Art von Empowerment fängt mit jedem und jeder Einzelnen an.

Verwendete Quellen: "Annabelle" / "Süddeutsche Zeitung" / Instagram


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