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Nannen-Preis-Gewinnerin Sophie Passmann über Frauenhass im Netz: "Zu dick, zu dumm, zu groß, zu klein, zu nuttig, zu prüde"

Die Autorin Sophie Passmann im Jahr 2019 auf der Buchmesse in Leipzig
Die Autorin Sophie Passmann im Jahr 2019 auf der Buchmesse in Leipzig
© picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Sophie Passmann bekommt den Nannen Preis für "Männerwelten". Im Interview sagt sie, wie überrascht sie von dem Erfolg der Sendung war, was sie bei der Moderation fassungslos machte – und welche Fragen sie selbst nicht mehr beantworten will.

Sophie Passmann gewinnt den Sonderpreis für die Sendung "Männerwelten", die auf Alltagssexismus und Frauenhass im Netz aufmerksam macht – und innerhalb von Stunden viral ging. Den Preis erhält sie als Autorin und Moderatorin gemeinsam mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die am Vorabend gegen ProSieben die Sendezeit erspielt hatten.


Herzlichen Glückwunsch zum Nannen Preis, Frau Passmann!

Danke! Ich freue mich!

Haben Sie geahnt, dass "Männerwelten" so zünden würde?

Nein. Ehrlich gesagt, ich habe es auch danach zuerst gar nicht mitbekommen. Nach dem Dreh bin ich nach Hause gefahren und habe ein Fahrrad zusammengeschraubt. Ich sehe mir nie Sachen an, die ich selber mitmache, und deswegen habe ich um 20.15 Uhr sehr bewusst mein Handy weggelegt. Und so habe ich erst erst ein, zwei Tage später gemerkt und nachverfolgt, dass das echt groß wurde. Es ging auf eine Art viral, die fast schon amerikanische Maßstäbe hatte, mich haben Leute auf der Straße auf das Video angesprochen, das war neu.


Die Ausstellung ist teils harter Stoff. Ein feministisches Statement, das es so im Fernsehen noch nicht gegeben hat. Einige der Frauen, die mitgemacht haben, brauchten sicher Mut dazu. Sie auch?


Nein. Aber ich werde ja ohnehin schon als Feministin wahrgenommen. Ich hatte nichts zu verlieren. Meine Rolle in der Öffentlichkeit ist ja auch eine die, etwas plakativ gesagt, Pop und Feminismus miteinander verbindet. Das heißt, ein feministisches Thema bei ProSieben für ein großes Publikum aufzubereiten, fällt zufälligerweise sehr in den Kern meiner Berufsbezeichnung. Aber das war für viele der Protagonistinnen überhaupt nicht der Fall. Es gehört ja leider zur traurigen Wahrheit, dass man sich überlegen muss, ob man den sogenannten "Feminismus-Stempel" möchte. Ich weiß nicht, ob sie tatsächlich mehr gezögert haben als ich, aber: Mutig war das allemal!  


Zumal viele dieser Frauen davon ausgehen mussten, dass sie aufgrund ihrer öffentlichen Rolle ganz sicher auch den üblichen Widerspruch provozieren.

"Wer sich so anzieht/wer so dumm ist/wer so hässlich ist, muss sich doch auch nicht wundern ..." Genau. Die Art und Weise, mit der viele Frauen in der Öffentlichkeit behandelt werden, ist mehr als grenzwertig. Sie gelten immer als zu dick, zu dumm, zu groß, zu klein, zu nuttig, zu prüde, als "ausgeleiert" oder "Jungfrau". Es gibt immer irgendwas, was einer anonymen Menge Männern gefällt oder nicht gefällt und man kann das auch nicht richtig machen.


Das wird auch in der Szene der "Männerwelten" deutlich, in der die Moderatorinnen Jeannine Michaelsen und Katrin Bauerfeind, die Rapperin Visa Vie und das Modell Stefanie Giesinger die Netz-Kommentare, die sie bekommen, vorlesen.


Ich stand als Moderatorin daneben – und ich würde mir anmaßen zu behaupten, dass ich inzwischen relativ viel über Feminismus und Frausein weiß – und war wirklich aufrichtig fassungslos.  Ich hatte da alle drei Frauen vor mir, die völlig unterschiedlich sind, und an jeder gab es für die Leute im Netz etwas auszusetzen. Bei der einen werden die Beine kritisiert, bei der anderen das generelle Dünnsein. Aber was ich noch nie erlebt habe: Dass eine Frau einfach nur gut gefunden wird.

Bei der stern-Aktion "Ich bin eine Quotenfrau” haben wir dieselbe Erfahrung gemacht. Keine einzige der teilnehmenden Frauen kam ohne Hasskommentare davon. Haben Sie selbst auch diese Erfahrungen gemacht?

Ja, aber müssen wir nicht unbedingt nochmal durchkauen.

Warum nicht?

Ich glaube, das ist kein Teil von Die-Gesellschaft-besser-Machen, wenn ich immer nochmal nacherzählen soll, was ich so alles schon erlebt habe. Ich denke, so werden wir dieses Label von Feministinnen, die im Internet verhasst werden, nie los. Und ich befürchte, dass das ein Kreislauf ist, der auch mit dieser öffentlichen Festschreibung zu tun hat.

Das ist absolut richtig. Die Frage zielt aber auch nicht auf schlüpfrige Details ab. Sondern eher auf Ihre persönliche Motivation, an den "Männerwelten" mitzuarbeiten.

Das ist tatsächlich so eine Sache. Eigentlich denke ich, dass nicht die Frauen, die den Hass bekommen, die Aufgabe haben sollten, selbst darüber aufzuklären. Andererseits haben meist nur diejenigen das ganze Ausmaß verstanden, die das selbst schon mal erlebt haben.


Das ist Ihre Erfahrung?

Ich merke das immer wieder, wenn ich mich privat mit Leuten über den Umgang mit Shitstorms unterhalte, dass das offenbar nur verstehen kann, wem es selbst schon passiert ist. Dieses: "Warum rechtfertigt der sich jetzt?" oder "Warum ignoriert er das nicht einfach?".

Oder: "Warum macht der das Handy nicht einfach aus ..."

Genau. So einfach ist es eben nicht. Erstmal hat man als öffentliche Person ja eine Verantwortung. Oder man als Person auch einfach nicht genug Selbstschutzmechanismen. Was einem guttut und was nicht, lernt man leider erst, wenn man in so einem Gewitter drinsteckt – und durch Ausprobieren. Das klingt sehr banal, aber ich habe zum Beispiel Jahre gebraucht, um mich dann erstmal abzulenken und nichts im Internet zu machen.


Zum Beispiel ein Fahrrad zu reparieren?

Exakt. "Guck doch einfach nicht hin", sagt sich sehr leicht. Aber man hat eben erstmal den Drang sich zu erklären oder vielleicht auch selbstironisch zu reagieren. Eine Zeit lang habe ich diese Kommentare auch öffentlich gemacht und lustig kommentiert, um zu zeigen, wie sehr ich da drüberstehe. Heute weiß ich, dass es das Dööfste ist, diesen Leuten auch noch Reichweite und Relevanz zu geben.

Weshalb?

Diese Leute machen das, weil sie unglücklich sind. Man muss sich selbst schon sehr, sehr, sehr hassen, um den ständigen Drang zu haben, andere, fremde Menschen öffentlich runterzubuttern. Diese Personen lechzen nach Bestätigung und nach Aufmerksamkeit und Relevanz und vielleicht auch Empathie, denn immerhin tun sie sich ja in Foren zusammen. Jedenfalls: Wenn man so jemanden dann vor zweihundertfünfzigtausend Followern präsentiert, dann fühlen der sich relevanter, als er sich davor gefühlt hat.


Glauben Sie, dass die öffentlichen Debatten über Gleichtberechtigung nach #MeToo etwas verändern?

Was mich sehr gefreut hat, ist der klassische Journalismus. Denn das Thema wurde mit einer großen Ernsthaftigkeit von nahezu allen großen wichtigen Medien aufgegriffen. Es gab viele Recherchen, die passierten, weil es einen Kulturwandel gab.

Und im Miteinander?

Auf der individuellen Ebene geht es eher um Nuancen. Es gibt viele Männer, die sehr ernsthaft nachdenken, wie sie etwas verbessern können. Das ist aber in meinen Augen eher ein Blasenphänomen. Außerhalb dieses eher kleinen, elitären Kreises wird übereinander geredet wie vorher. Aber mit dem Zusatz: Aber, uuuh, das darf man aber ja heute nicht mehr sagen.

Aber Sie werden trotzdem nicht müde, dagegen an zu kämpfen?

Na ja, was habe ich denn für eine Wahl? Also: Was haben wir Frauen denn für eine Wahl? Sie können entweder in einem knallkonservativen Umfeld eine Rolle suchen, in der sie halbwegs glücklich sind. Oder sie haben Interesse an Emanzipation. Und dann geht nur kämpfen.


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