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Auseinandersetzung mit AfD-Politiker Enissa Amani geht aus Überzeugung ins Gefängnis – und handelt damit vorbildlich

Enissa Amani lächelt in die Kamera
Enissa Amani steht derzeit im Fokus einer Diskussion um rassistische Aussagen und thematisiert, was als Beleidigung geahndet wird und was nicht – und stellt die Frage, warum das Rechtssystem Worte wie das "N-Wort" noch zulässt
© Daniel Reinhardt/ / Picture Alliance
Enissa Amani soll für 40 Tage ins Gefängnis. Oder eher: will. Weil sie eine wichtige Botschaft im Umgang mit rassistischen Aussagen senden möchte und dafür bereit ist, sich selbst dem Höchstunangenehmen zu stellen. Wichtig und richtig.

Es ist 20 Jahre her, dass ich zur Musik von Samy Deluxe und Afrob mitgerappt habe: "Wir kommen aus Deutschland, Land der abfälligen Bemerkungen", erklärten die Musiker, die sich zum Duo ASD zusammengeschlossen hatten und oftmals über Missstände der Gesellschaft rappten. Oder auch: "ASD die Partei, komm und setz dein Kreuz." Damals wirkte es so, als sei es endlich normal, dass auch Schwarze gehört werden, regelmäßig im TV zu sehen sind, mitentscheiden dürfen. Nichts Außergewöhnliches, sondern etwas Selbstverständliches. Als genau das angenommen werden, was sie auch sind: ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft. Ihre Musik war erfolgreich, tummelte sich ganz oben in den Charts. Ein Schwarzer Bundeskanzler, wie Afrob es in den Raum warf: Das wirkte nicht mehr undenkbar.

Statt ASD heißt es aber 20 Jahre später AfD: Zu viele Menschen haben in vergangenen Wahlen bei einer Partei ihr Kreuz gesetzt, die genau dieses Selbstverständnis anzweifeln möchte. Nicht selten die Bevölkerung aufhetzt. Ganz konkret erzählt am Beispiel des bayerischen AfD-Abgeordneten Andreas Winhart: Er hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung im September 2018 erklärt, dass alle Schwarze (er verwendete das "N-Wort") "krank" und Albaner "Diebe" seien. Er gab zudem "Flüchtlingen" eine Mitschuld an HIV-, Krätze- und TBC-Fällen in seinem Landkreis. Aussagen, die von vielen Menschen nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch angegangen wurden. Eine davon ist Enissa Amani. Sie stellte sich 2019 ebenfalls öffentlich mit schweren Beleidigungen entgegen, um Aufmerksamkeit für das Thema zu erlangen und eine Diskussion zu provozieren.

Enissa Amani möchte die Diskussion am Laufen halten

Das Ende vom Lied: Für seine beleidigenden und verachtenden Worte soll der Politiker ohne jegliche Strafe davonkommen. Amani aber, die im Grunde nur Unrecht sichtbar machen wollte, soll für ihre Worte zahlen. Genau dieses Unrecht möchte die 37-Jährige nun mit ihrem Handeln aufzeigen.

Sie selbst erklärte in einem 17-minütigen Instagram-Video, dass sie es richtig findet, dass man für Beleidigungen zahlen sollte – und sie sich keineswegs vor einer Geldstrafe für ihre eigenen Worte (sie nannte den Politiker etwa einen "Bastard") schützen möchte. Auch die Summe dafür spiele keine Rolle. Sie selbst solle konkret 1800 Euro zahlen und findet das sogar vergleichsweise wenig Geld. Nur könne sie nicht nachvollziehen und möchte es auch nicht hinnehmen, dass ein Mensch, der andere Menschen öffentlich abfällig aufs Übelste nur wegen ihrer Herkunft oder ihres Aussehens beleidigt, ohne Strafe bleibt. Denn es suggeriert: Es ist doch okay, das so zu tun und etwa das "N-Wort" zu nutzen. Denn das Gesetz schützt ja davor. Diese Tatsache sei höchst ungerecht und müsse zur Diskussion gestellt werden. Damit der Kampf gegen Rassismus weitervoranschreiten kann. Und ich kann ihr nur zustimmen: Sobald Menschen(gruppen) durch Worte verletzt werden, muss gehandelt werden.

Anstatt also einfach die Strafe zu zahlen und das Thema wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen, wird die Aktivistin und Künstlerin laut und will sich selbst dem Unangenehmen stellen: 40 Tage lang Gefängnis. Freiheitsstrafe statt Geldstrafe. Nicht nur, dass das allein schon Überwindung kosten wird. Amani selbst müsste zudem ausverkaufte Shows absagen, ihre Familie mit der Tatsache klarkommen, dass Amani mit den Vorurteilen einer Insassin zukünftig konfrontiert werden und Verträge oder Werbepartner verlieren könnte. All das nimmt Enissa Amani in Kauf, um die Diskussion am Laufen zu halten, um zu verdeutlichen: Hier läuft gewaltig etwas schief in unserer Gesellschaft und im Rechtssystem, lasst es uns nicht unter den Tisch kehren. Sie hat etwas verstanden: Mit Egoismus macht man die Gesellschaft nicht besser. Sie könnte schließlich ihr Geld für sich behalten und sich ein schönes Leben machen. Stattdessen investiert sie aber ihr eigenes Geld für Projekte wie "Die beste Instanz" und nutzt ihre Stimme nicht für Eigenpromo, sondern dafür, dass Unrecht sichtbar wird. Und zahlt nicht mal eben schnell die Strafe, um ihre eigene Haut zu schützen. Sondern wählt den unangenehmeren, aber sicherlich gemeinnützigeren Weg.

Laut sein und bleiben

Und diese Botschaft könnte nicht richtiger und wichtiger sein: Wie konnte es schließlich passieren, dass vor 20 Jahren Songs von ASD oder auch den Brothers Keepers mitgesungen wurden und die Hoffnung auf eine sich unterstützende, diverse Gesellschaft wuchs. Heute aber immer noch das "N-Wort" ohne Strafe bleibt?

Der Grund ist wohl: Wir – alle, die sich eine gerechte Gesellschaft wünschen – waren nicht laut genug. Nicht beständig genug. Haben die Ansätze zu einer toleranteren Gesellschaft nicht ausgebaut, sondern darauf vertraut, dass es ausreicht, Unrecht zu erkennen und zu benennen und passiv zuzuhören. "Wir sind doch schon divers und tolerant genug." Sind wir nicht. Das zeigen genügend Beispiele deutlich auf. Es braucht mehr Aktionismus von jedem Einzelnen. Auch und besonders von denen, die nicht direkt betroffen sind – und Amani macht jetzt vor, wie es geht.

Enissa Amani spricht am Todestag von Alan Kurdi

Enissa Amani setzt Privilegien richtig ein

Sie selbst ist von den Aussagen nicht aktiv betroffen – einer der Gründe, warum sie den Politiker auch gar nicht persönlich wegen Beleidigung anzeigen durfte. Trotzdem setzt sie sich mit allem ein, was sie hat und geben kann. Und Enissa Amani ist nicht perfekt oder hat sich in der Vergangenheit immer kompromisslos fehlerfrei verhalten oder ausschließlich für andere eingesetzt. Aber darum geht es nicht. Amani hat verstanden, wie sie effektiv ihre Berühmtheit, ihre Privilegien und ihre Stimme nutzen kann, um Gutes zu tun und sich nicht auf ihrem Erfolg auszuruhen. Und das ist es doch, was wir vermehrt brauchen: Menschen, die Unrecht sehen, erkennen und sich selbst aktiv dafür stark machen, dass wir Lösungen entwickeln, um dagegen vorzugehen. Und am besten fangen wir alle einmal bei uns selbst an und überlegen, was wir ganz persönlich tun können, um die Gesellschaft fairer zu machen.

In dem Video spricht die 37-Jährige ihre Unsicherheit an und fragt ihre Community, ob sie denn wirklich das Richtige tue. Diese Unsicherheit ist sinngebend für den Umgang mit Aussagen wie denen des AfD-Politikers: ignorieren oder aktiv vorgehen? Meine Antwort auf ihre Frage: Ja, du tust das Richtige. Denn leise zu sein und passiv zu erklären, dass es irgendwo okay ist, was Winhart sagte, kann gar nicht das Richtige sein. Denn es ist sicherlich keine Meinung, die dort von sich gegeben wird. Das muss deutlicher gemacht und endlich verstanden werden.

Enissa Amani verdient höchsten Respekt dafür, dass sie sich zum Sprachrohr macht und dieser Gesellschaft aufzeigen möchte, dass wir aktiver werden müssen. Dass es Veränderung auch im Rechtssystem bedarf. Auch, wenn es für diese Veränderung bedeutet, dass wir dafür aus der eigenen Komfortzone herausgehen müssen. Doch solange es noch rechtens ist, Menschen öffentlich und völlig unbegründet verbale Gewalt zuzufügen und solange es noch Menschen gibt, die anderen ihr Recht, hier leben zu dürfen, absprechen wollen und diese sogar noch Gehör finden dürfen, ist unsere Gesellschaft noch lange nicht gut genug.


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