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Talkshow von Enissa Amani Vielleicht nicht die "beste Instanz" – aber ganz sicher der richtige Ansatz

Enissa Amani startet neue Talkshow "Die beste Instanz"
Enissa Amani versucht in ihrer Talkshow "Die beste Instanz" mehr Aufklärungsarbeit zu Themen wie Rassismus und Diskriminierung zu betreiben
© Screenshot Youtube
Nachdem die WDR-Sendung "Die letzte Instanz" wegen ihrer einseitigen Gästeauswahl zum Thema Rassismus stark in der Kritik stand, hat sich Enissa Amani entschlossen, es besser machen zu wollen. Sie hat das Format "Die beste Instanz" gestartet – und zeigt damit, was es im deutschen TV eigentlich bräuchte: mehr Aufklärung, Vielfalt und Expertise.

Wenn zum Thema Rassismus und diskriminierende Sprache diskutiert werden soll, aber am Ende vier weiße, privilegierte Menschen aus der deutschen Fernsehlandschaft im Einklang darüber sprechen, dass Begriffe wie das Z- oder N-Wort okay sind, läuft etwas ziemlich schief. Das hat auch der WDR eingesehen und sich nach der entsprechenden Ausgabe von "Die letzte Instanz", in der genau das passierte, entschuldigt – ebenso wie einige der beteiligten Gäste.

Damit war der Fall für die Beteiligten aber im Grunde erledigt. Nur seltsam, dass das wie ein Déjà-vu wirkte und man offenbar aus Vergangenem nichts gelernt hat. Denn bereits vor einigen Monaten gab es in Sendungen wie "Maischberger" oder "Markus Lanz" ähnliche Vorfälle, die zu recht stark kritisiert wurden. Auch dort kamen zum Thema Rassismus, und damals speziell Gewalt an Schwarzen, keine Betroffenen oder Menschen mit gezielter Expertise zu Wort beziehungsweise waren zuerst gar nicht eingeplant. Stattdessen hört man in TV-Formaten oftmals Meinungen von Menschen, die von Bekannten berichten, die Rassismus erfahren haben, und die sich dann auf Erzählungen dieser Personen beziehen. Oder die ohne jegliche Berührungspunkte zu dem Thema sprechen und Diskriminierung verharmlosen oder sie mit negativen und eigentlich überhaupt nicht vergleichbaren Erfahrungen aus dem eigenen Alltag vergleichen. Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch sicherlich nicht der richtige Ansatz, um diesem Thema gerecht zu werden oder es greifbar zu machen.

Probleme der deutschen Fernsehlandschaft

Das ist allerdings nicht das einzig Problematische daran. Ebenso problematisch: Warum kommt es oft vor, dass weiße, mittelalte Menschen aus der Fernsehlandschaft über jegliche Themen diskutieren dürfen und man es ihnen ohne zu zweifeln zutraut? Diverser wird die Gästeauswahl erst, wenn es explizit um Themen wie Rassismus und allgemein um Diskriminierung geht. Nur dann kommt es – aber eben auch dann nicht mal immer – dazu, dass die Gästeauswahl von der Norm abweicht. Vorher meist aber nicht. Als könnten diversere Gäste nicht auch über andere Themen ebenso gut sprechen. 

Sicherlich gibt es auch Talk-Formate, die von dieser Norm abweichen: "Deep und deutlich" im NDR beispielsweise, in der neue, frische Blickwinkel aufgezeigt und in der vielfältig und ganz offen diskutiert wird. Das ist wichtig und richtig, um mehr Diversität zu schaffen, lernen zu können und damit Austausch stattfindet. Allerdings zählen solche Formate noch zu den Ausnahmen statt zum alltäglichen Geschäft. Es braucht mehr davon. Mehr Gehör, mehr Verständnis und mehr Bewusstsein für Themen wie Diskriminierung.

Diskuthek-Teaser Folge 3: Rap und Rassismus

"Die beste Instanz": Enissa Amani veröffentlicht überraschend Talkshow

Das hat sich auch Enissa Amani gedacht und in Anlehnung an das "Die letzte Instanz"-Debakel das vorerst einmalige Talkshow-Format "Die beste Instanz" ins Leben gerufen. Um zu zeigen, wie man den Themen Rassismus und Diskriminierung besser gerecht geworden wäre. Am heutigen Dienstag wurde es auf dem YouTube-Kanal der 39-Jährigen veröffentlicht. Die Gäste (sowie die Verantwortlichen an der Show) waren dabei bewusst vielfältig gewählt: Nava Zarabian, Natasha A. Kelly, Max Czollek, Gianni Jovanovic und Mohamed Amjahid kamen zu Wort und haben alle ihre ganz eigene Expertise und Migrationsgeschichte mitgebracht. Und natürlich hat jeder eine ganz gezielte, spezielle Sicht auf unterschiedliche Ausprägungen von Rassismus – was es bei diesem Themenfeld eben auch benötigt, um es gänzlich verstehen zu können. Schon im Vorfeld wurde der Teaser fleißig auf Kanälen wie Instagram geteilt und supportet. Das machte deutlich: Enissa Amani hat einen Nerv getroffen, viele haben auf so einen Ansatz gewartet. Aber kann Amani mit ihrem Format den Ambitionen der "besten Instanz" gerecht werden?

Natürlich hat die 39-Jährige absichtlich dick aufgetragen, wenn sie von der "besten" Instanz spricht. Denn mit Blick auf die Spontaneität, Corona-Bedingungen und andere Faktoren, wie die Tatsache, dass Amani keine Moderatorin ist, war so eine Perfektion gar nicht zu erreichen. Und man hat auch den Gästen zum Teil angemerkt, dass sie sich nicht hundertprozentig auf so einen wichtigen Talk vorbereiten konnten. Sicherlich kann man auch einige Sprachbeiträge kritisieren und ihnen andere Meinungen gegenüberstellen, sie infrage stellen. Nur muss eben genau das passieren: eine offenere Diskussion, in der sich jeder einmal zurücknimmt und seine Meinung nicht als absolute ansieht und in der man als plurale Demokratie denkt, mal andere Perspektiven zulässt und routinierte Denkweisen ablegt. Dazu regt Amanis Talk definitiv an.

WDR-Debakel darf sich nicht wiederholen

Die Diskussion war frisch, vielfältig und voller Meinungen und besonderer Expertise und Blickwinkel. Und sie hat wichtige Ansätze enthalten: dass es Geduld braucht, um Veränderung zu erreichen und um Diskriminierung aus den Köpfen zu bekommen. Da waren sich alle Beteiligten einig. Haben aber gleichzeitig mehr als deutlich gemacht: Das, was in der WDR-Show passiert ist, darf nicht toleriert werden und ist für eben diesen stetigen Wandel wahnsinnig gefährlich. Weil es verharmlost, was noch immer passiert. Worte wie das N- oder Z-Wort dürfen nicht mehr verwendet und reproduziert werden. Damit das aber alle verstehen, braucht es Aufklärung, Kontinuität, Diversität in öffentlichen Formaten – und wenn das die großen Sender nicht schaffen, braucht es eben solche provokativeren Wege, um sich Gehör zu verschaffen. Das hat Amanis Format eindrucksvoll gezeigt. Ebenso wie das zahlreiche positive Feedback, das ihr Ansatz geerntet hat. Und sie hat es geschafft, ihre Bekanntheit, eigene Ressourcen, soziale Medien und ihre Follower für eine Reichweite zu nutzen, die öffentliche Sender und Co. für so eine Gästevielfalt derzeit noch nicht zur Verfügung stellen.

Es muss sich definitiv in den Köpfen vieler noch etwas ändern, das hat unter anderem Max Czollek im Gespräch deutlich gemacht: "Wir haben es schon immer so gemacht" dürfe keine Ausrede sein, um etwa verletzende Begriffe weiterhin zu verwenden, findet er. Der wichtigste Ansatz: Wir alle müssen immer und immer wieder dazulernen und andere Perspektiven lernen zu verstehen. Unsere bisherigen Vorgehensweisen nicht als absolut ansehen, sondern immer wieder in die Diskussion gehen und sich Erfahrungsberichte und Expertise derer anhören, die von Diskriminierung tatsächlich betroffen sind. Sich dieser Diskussion stellen. Sie nicht abtun, sondern ernst nehmen, annehmen und sich ihr bewusst machen und darauf einlassen.

Enissa Amani: "Es gibt Rassismus"

Dass sie am Ende das "beste" Format geschaffen hat, war sicherlich gar nicht Enissa Amanis Ziel. Sondern vielmehr: Es muss über das Thema Rassismus in jeglicher Form gesprochen werden, informiert werden, aufgeklärt werden – und zwar völlig anders als in der Form, in der es in der WDR-Sendung passiert ist. Denn die 39-Jährige hat es gemeinsam mit ihren Gästen deutlich gemacht: "Rassismus gibt es." Das gäbe es gar nicht mehr zu diskutieren. Diskussionen und Talkshows sollten vielmehr zum Lernen beitragen und nicht zum Infrage-Stellen dieser Tatsache, man sollte lieber immer etwas Neues daraus mitnehmen und verinnerlichen, dass man seine Mitmenschen mit Wortwahl und Verharmlosung von Rassismus verletzt und damit dazu beiträgt, dass er sich verfestigt. Das ist etwa bei "Die letzte Instanz" völlig ausgeblieben.

Wichtig war am Ende gar nicht, ob die Gäste fehlerfrei argumentiert haben oder ob die Sendung von vorne bis hinten perfekt und professionell gedreht wurde. Das war sicherlich auch nicht der Fall. Gewiss hätte es auch noch mehr Meinungen und Blickwinkel gebraucht, um dem Thema gänzlich gerecht zu werden. Viel wichtiger war aber die Botschaft von Amani: dass die Diskussion um Sendungen wie "Die letzte Instanz" weiter fortgeführt werden muss, wenn sie in den Medien allmählich abflacht. Damit der Wandel weiter vorangetrieben wird und man sich immer wieder bewusst macht, dass es neue und vor allem vielfältigere Blickwinkel und echte Expertise bei solchen Diskussionen und Gesprächsrunden braucht. Dass die Vielfalt der Gäste und Verantwortlichen im TV derzeit noch lange nicht die Gesellschaft widerspiegelt. Dass es das aber braucht. Ebenso wie Kontinuität. Ob Amanis Talkshow wirklich die "beste Instanz" ist, ist natürlich diskutabel. Eine wichtige, richtige und notwendige ist sie aber ohne Zweifel.

Quelle: YouTube


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