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"Gossenreport": Morgenlektüre mit Abspritzgarantie

Der Schriftsteller Gerhard Henschel rechnet in seinem neuen Buch mit den Methoden der "Bild"-Zeitung ab: "Gossenreport" berichtet vom skurrilen Anzeigentext bis zu Menschen, die von der "Bild" in den Selbstmord getrieben wurden.

Von Ursel Nendzig

Ein orangefarbener Mülleimer, in den nachlässig eine "Bild"-Zeitung gestopft wurde (die nackten Frauen sind auf der Titelseite noch zu erahnen) und ein Haufen Kot, um den die Fliegen schwirren, zieren die Titelseite von "Gossenreport". Gerhard Henschel hat mit diesem Buch eine Anklageschrift an die "Sexualklatschkloake" namens "Bild"-Zeitung verfasst. Dazu steigt der Schriftsteller tief hinab in die Abgründe des Boulevardjournalismus und gräbt mit beiden Händen im Sumpf von Deutschlands größter Tageszeitung. Dabei befördert er Unfassbares ans Tageslicht - und lässt kein gutes Haar an Chefredakteur und Herausgeber Kai Diekmann und der von ihm verantworteten "millionenfachen Reproduktion der beschmierten Toilettenwand".

Begonnen hatte Henschel seinen Feldzug gegen die "Bild" mit einem Aufsatz in dem Monatsmagazin "Merkur", der auch das erste Kapitel von "Gossenreport" bildet. Ein wütendes Stück, das den ersten Artikel des Grundgesetzes in Erinnerung ruft: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Dass die "Bild" des Öfteren gegen dieses Gesetz verstößt, zeigt Gerhard Henschel anhand der Fälle, die er in "Gossenreport" analysiert. Dabei geht es nicht nur um Beiträge, in denen Unschuldige öffentlich gedemütigt werden. Der Autor zeigt sogar Fälle auf, in denen die "Bild"-Zeitung Menschen in den Selbstmord getrieben haben soll.

Schulterschluss mit dem Papst

Auch den Papstbesuch von Kai Diekmann nimmt Henschel unter die Lupe. Seine Heiligkeit gewährte dem "Puff-Journalisten" eine Audienz und legte seine segnende Hand auf die von "Bild" herausgegebene "Goldbibel": ein ungewöhnlicher Schulterschluss zwischen dem Stellvertreter Gottes auf Erden und dem Chefredakteur der "größten Europäischen Anstalt für die Befriedigung des allgemeinen Bedürfnisses nach Fickgeschichten und übler Nachrede". Aber schließlich sind wir ja auch Papst.

Eine "wahrlich säuische, dem Eros ins Antlitz gespuckte Vokabel" findet Henschel in den Telefonanzeigen. Dass das Wort "Abspritzgarantie" in einer Annonce auftauchen darf, ist für ihn unbegreiflich. "Perverse Hobbyschlampen" und "rasierte Transen mit XXL-Brüsten" suchen nach "Bumskontakten" - in voller Pracht auf einem Foto abgebildet.

Sogar der Bundestag kuscht

Trotz allem nimmt die "Bild" einen festen Platz in der Öffentlichkeit ein und hat der in den 70er Jahren modernen Kritik von Intellektuellen und Studenten standgehalten. Inzwischen kuscht vor ihr sogar der ganze Bundestag, und es ist modern, die Zeitung als Kult zu "umschmusen." Dagegen wehrt sich Henschel mit allem Sarkasmus und mit messerscharfer Sprache. Kai Diekmann sei ein Sittenverderber, ein Anzeigenzuhälter und habe eine unbestreitbare Eignung zum Sexualdenunzianten.

Trotz aller Anfechtungen: Die "Bild" hat Macht. Eine Macht, die sich in einer Millionen-Leserschaft begründet, die jeden Tag zum Kiosk pilgert und sich für 50 Cent die neuesten Sex-Beichten, öffentlichen Hinrichtungen und blutigen Nahaufnahmen in Farbe holt. Leser, die sich an den (seelischen und körperlichen) Enthüllungen ergötzen und damit die Position der "Sitten verwildernden Millionenzeitung" stärken. Gerhard Henschel trauert dem "stolzen Bildungsbürgertum" nach, das sich die Hand lieber abgehackt hätte, als sie der "Bild"-Zeitung zu reichen.

Diekmann hält sich zurück

Bislang hat die "Bild" nicht versucht, sich gegen die Darstellungen in "Gossenreport" zu wehren. Kai Diekmann hat wohl seine Lehre aus der Vergangenheit gezogen: Auf der Satire-Seite in der "taz" hatte Gerhard Henschel behauptet, Diekmann habe sich seinen Penis mit Leichenteilen verlängern lassen wollen. Diekmann ging vor Gericht und klagte Schadenersatz ein - bekam jedoch nicht Recht. Nach Auffassung der Richter suche er selbst seinen Vorteil in der Verletzung der Persönlichkeitsrechte anderer und müsse daher davon ausgehen, dass die Maßstäbe, die er bei anderen anlegt, auch bei sich selber gelten.

"Gossenreport" ist ein Rundumschlag gegen einen Journalismus, der mit Sensationen und Sexberichten seine Leserschaft lockt. Eine Kampfansage, die an Deutlichkeit der "Bild" in nichts nachsteht. Wäre es nicht so traurig, man könnte drüber lachen. Mit Abspritzgarantie.

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