Zwischen Anime und KI
Diesen neuen WM-Song hat wirklich niemand gebraucht

Das Titelbild des Songs “Jump“ zeigt die Künstler J Balvin und Amber Mark als animierte Versionen
Der Song „Jump“ soll eine Mischung aus Klassiker und Moderne sein, beim Zuhören fühlt man sich, als sei man irgendwo dazwischen steckengeblieben
© Coca Cola
Auf dem WM-Song von Coca-Cola ist unter anderem Latino-Superstar J Balvin zu hören. Eigentlich hat der Track alles, was eine WM-Hymne braucht. Trotzdem fehlt etwas.

Das Grundrezept für einen gelungenen WM-Song ist ziemlich simpel. Man nehme eine ordentliche Menge Gute-Laune-Pop, einen eingängigen Refrain, den jeder Fußball-Fan auch in verschiedenen (Alkoholisierungs-)Stadien noch mitgrölen kann, eine Prise Rhythmen oder Songzeilen aus dem Gastgeberland (gerade so viel, dass es exotisch und doch nicht fremd klingt), einen großzügigen Esslöffel hämmernde Beats und wahlweise einen großen Namen aus der Musikbranche. Die Mischung, die bei Hits wie „Waka Waka“ von Shakira oder „We are One“ von Pitbull und Jennifer Lopez so wunderbar funktioniert hat, will jedoch beim neuen WM-Song nicht so recht aufgehen. 

Gut gemeint, aber nicht gut gemacht 

„Jump“ heißt die offizielle Coca-Cola-Hymne der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft. In der Hauptrolle: die US-amerikanische Singer-Songwriterin Mark Amber und der kolumbianische Latin-Pop-Star J Balvin. Für ein Turnier, das in Nord- und Lateinamerika ausgetragen wird, eine grundsätzlich solide Besetzung. Zusammen mit Gitarrenlegende Steve Vai und Schlagzeuger Travis Barker haben die Sänger einen Track aufgenommen, den niemand gebraucht hat: ein Remake des Van-Halen-Klassikers „Jump“. Laut einer Pressemitteilung von Coca Cola soll der Song „die gesamte Bandbreite der Emotionen, die das Turnier prägen“ einfangen. Euphorische Höhenflüge ebenso wie Tiefpunkte. Beim Hörer bleibt aber vor allem ein Gefühl zurück: Verwirrung. Und vermutlich auch Enttäuschung.

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Direkt in der ersten Sekunde des Songs setzen die ikonischen Synthesizer des 80er-Jahre-Hits ein, wenig später kommen im Hintergrund Klatschen und Jubel hinzu. Die Kulisse ist klar und die Intention auch: Der Hörer soll sofort vom Fußball-Fieber infiziert werden. Was oder wohin der Song dann will, ist alles andere als klar. Die erste Strophe gehört Amber Mark, die begleitet von elektronischen Beats und rockigen Gitarren-Riffs zum Refrain führt, welcher die WM-Fans vermutlich zum jumpen animieren soll. Wenn sie das überhaupt tun, ist spätestens mit Einsetzen der zweiten Strophe Schluss. An der Stelle gibt einen Bruch in der Melodie und im Tempo – der Track hört sich plötzlich an wie ein ganz anderer Song. 

Etwas mehr Latin-Energy hätte der Song gut gebrauchen können

Der darauffolgende Rap-Part von J Balvin ist ganz nett. Seine sonst so mitreißende, rhythmische Latino-Energy, die gerade einem WM-Song guttun würde und dank Bad Bunny angesagter ist denn je, kann der Kolumbianer hier nicht entfalten. Der Sänger selbst scheint überzeugt von dem Lied. „Dieser Song feiert das Leben und den Moment“, sagt er laut Pressemitteilung. Es gehe um Begeisterung, Energie und darum, etwas Authentisches zu schaffen. 

Das gelingt der WM-Hymne allerdings kaum. In dem Versuch, Nostalgie und Gegenwart zusammenzubringen, sind eher zwei einzelne Songs entstanden, die sich in irritierender Art und Weise über den Klassiker legen. Eine Klangcollage, die dem Ziel des Kolumbianers – „Musik bedeutete für mich schon immer, Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen zusammenzubringen“ – nicht unbedingt entspricht.

Auch das Video zum WM-Song enttäuscht

Immerhin erinnert die Songzeile „Aquí todos somos mi gente“ an seinen Hit „Mi Gente“ und wirft die Frage auf, was für den WM-Song möglich gewesen wäre, wenn man versucht hätte, etwas völlig Neues zu kreieren, statt sich ein klangliches Korsett zu schnüren. Songwriterin Mark Amber schwärmt über die 80er-Jahre-Vorlage: „Van Halens ‚Jump‘ ist einer dieser seltenen Songs, die Generationen überdauern.“ Diese Einschätzung ist absolut richtig – und auch der Grund dafür, weshalb der Song keine Neuauflage braucht. 

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Weitere Minuspunkte gibt es für das Musikvideo. Der Clip zeigt animierte Versionen aller beteiligten Musiker (sowie des spanischen Fußballers Lamine Yamal), die in einem Weltraumstadion auftreten. Die Bilder bewegen sich irgendwo zwischen Anime und AI. Ebenso wie der Song ist auch das Video eine verpasste Chance. Gerade zur bevorstehenden WM und gerade heutzutage, wo Verbindung und Miteinander wichtiger denn je sind, hätte man sich echte Menschen vor der Kamera gewünscht.

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