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Fußball-WM 2018: Zu langsam und zu schwach: Selbst die eigenen Fans glauben nicht an den Erfolg der Sbornaja

Die Fußball-WM soll Putins große PR-Show werden. Erstaunlich ist, dass Russland zur Heim-WM trotzdem kein starkes Team aufbauen konnte. Selbst die Russen glauben nicht an die Mannschaft. Aus gutem Grund.

Sbornaja Russland

Auch für die Fans ist Russland nur krasser Außenseiter

DPA

Platz 70. Das ist die aktuelle Platzierung der russischen Nationalmannschaft in der Fußball-Weltrangliste. Das Fifa-Ranking gilt zwar als nicht allzu aussagekräftig, doch dass Russland ausgerechnet zur Heim-WM das nominell schlechteste Team aller 32 Teilnehmer stellt, ist dennoch bemerkenswert - und auch ein bisschen peinlich. Selbst Saudi-Arabien, das Gegenteil einer Fußball-Großmacht und Gegner im Eröffnungsspiel am Nachmittag (ab 17 Uhr live im stern-Ticker), ist drei Plätze besser notiert. Somit eröffnen die beiden formal schwächsten Mannschaften des Turniers die WM. Immerhin: Nach dieser Logik kann es danach nur besser werden.

Dass die Sbornaja der WM ihren Stempel aufdrücken wird, scheint praktisch ausgeschlossen. Außer dem Heimvorteil spricht praktisch nichts für die Truppe von Nationalcoach Stanislaw Tschertschessow. Das Spielsystem wirkt nicht eingeübt, den Kombinationen fehlt es an Tempo, die wenigen Leistungsträger sind allzu oft verletzt und der letzte Sieg ist schon lange her. In diesem Jahr gab es noch gar keinen Erfolg; immerhin wenigstens ein ganz beachtliches 3:3 gegen WM-Mit-Favorit Spanien. "Ich muss leider zugeben, dass unsere Mannschaft zuletzt keine guten Ergebnisse erzielt hat", kommentierte Russlands Präsident die Leistungen der Rothemden.

Russland: "Alles ist schlecht"

Freundliche Worte im Vergleich zu den Pressekommentaren nach der ernüchternden Generalprobe gegen die nicht für die WM qualifizierte Türkei (1:1). "Alles ist schlecht", urteilte die Zeitung "Sport Express" danach. Die bisher im WM-Jahr gezeigten Leistungen glichen einer "Katastrophe, die in einem Albtraum enden könnte". Kein Wunder, dass die WM-Stimmung im Land schon vor dem ersten Anpfiff eher fatalistisch ist. Die Aktion "Schnurrbart der Hoffnung", mit dem die Fans dem passionierten Moustache-Träger und seiner Mannschaft vor dem Start Mut machen wollen, ist positiv, zeigt aber auch, dass man jeden rettenden Strohhalm gerne ergreift. 

Der Comedian Semen Slepakow veröffentlichte dagegen Anfang der Woche im Netz seinen WM-Song mit dem fußballgerechten Titel "Olé Olé Olé". Darin macht er sich über einfach alles lustig: Putin, , die WM und natürlich die Sbornaja. In nur drei Tagen wurde das Video (in russischer Sprache) mehr als fünf Millionen Mal abgerufen - auch das ein Spiegelbild der Stimmung.

Fast scheint es so, als ob Trainer Tschertschessow der einzige Optimist im Riesenreich sei. "Auf jeden Fall haben wir einen Schritt nach vorne gemacht", meinte der 50-malige Nationaltorhüter, der zu Sowjet- und GUS-Zeiten aktiv war, nach dem Türkei-Spiel tatsächlich. Der 54-Jährige gibt auch vor, keinerlei Druck zu spüren. "Ich bin vielmehr stolz, mein Land bei diesem Turnier vertreten zu dürfen", antwortete er dem Fußball-Magazin "kicker" auf Nachfrage. Womöglich wird Tschertschessow, dessen größter Erfolg als Trainer der Gewinn des polnischen Doubles mit Legia Warschau ist, diese positive Einstellung noch brauchen, sollte der GAU für einen WM-Gastgeber wahr werden: Das Aus in der .

"Wem drücken wir nach der Vorrunde die Daumen?"

Kenner des russischen Fußballs halten das durchaus für möglich. Dabei gilt die Gruppe mit Saudi-Arabien, Ägypten und Uruguay als "gastgeberfreundlich", sprich: als die schwächste aller acht Vorrundengruppen. Doch ob die eher langsamen russischen Abwehrspieler mit internationalen Top-Stürmern wie den beiden Uruguayern Luis Suarez (FC Barcelona) und Edinson Cavani (Paris St. Germain) oder dem Ägypter Mo Salah (FC Liverpool) zurechtkommen werden, darf bezweifelt werden. Da Giorgi Jikia (Spartak Moskau) und Viktor Vasin ( Moskau) verletzt ausfallen, muss wohl Sergej Ignaschew von ZSKA die Defensive organisieren. Dass der 38-Jährige mit zunehmender Spielzeit pfeilschnellen Angreifern oft nicht mehr folgen kann, ist nur logisch. Wenigstens ist Torwart und Kapitän Igor Akinfeev (ebenfalls ZSKA) ein großer Rückhalt und verhindert häufig Schlimmeres.

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Neben dem 32-jährigen Goalie machen immerhin einige technisch gut ausgebildete Offensivspieler wie die Mirantschuk-Zwillinge von Lok Moskau oder das 22-jährige Mittelfeld-Talent Alexander Golowin von ZSKA Hoffnung auf ein Weiterkommen. Doch alles in allem kann der russische Verband zur Heim-WM kein hoffnungsvolles Team vorweisen. Und so diskutieren viele russische Fans, so ist zu hören, schon jetzt die Frage: "Wem drücken wir nach der Vorrunde die Daumen?"

Spieler spielen fast alle in Russland

Eine Überraschung ist das bei Licht betrachtet nicht. Woher sollte eine schlagkräftige Truppe denn kommen? Einen internationalen Star wie Andrej Arschawin, der 2012 seine Karriere in der Nationalelf beendete, hat es seit Jahren nicht gegeben und ist derzeit auch nicht in Sicht. Nur zwei Spieler des WM-Kaders spielen im Ausland, mit Stürmer Denis Tscheryschew vom spanischen Erstligisten FC Villareal gar nur ein einziger in einer europäischen Topliga. Alle anderen verdienen ihr Geld in der eher nachrangigen Premjer-Liga. Daher fehlt es an internationaler Erfahrung. Der Versuch, mit den Deutsch-Russen Roman Neustädter (Schalke, Gladbach) und Konstantin Rausch (Hannover, Stuttgart, Köln) in dieser Hinsicht wenigstens ein wenig Abhilfe zu schaffen, scheiterte (auch an Verletzungen). Beide gehören dem Kader nicht an.

Leider macht auch der Blick in die Historie wenig Mut. Nur an drei von sechs WM-Turnieren seit dem Ende der Sowjetunion nahmen die Russen teil, nie überstand man die Vorrunde. Im Grunde ist der größte WM-Erfolg Russlands, dass Oleg Salenko Co-Torschützenkönig der WM 1994 in den USA wurde. Von seinen sechs Toren erzielte er damals allerdings fünf beim 6:1 gegen Kamerun - was immer noch WM-Torrekord in einem einzelnen Spiel ist. Fürs Weiterkommen aber reichte auch das nicht. Längst verblasst sind die Erinnerungen an den größten Erfolg 1966, als die Auswahl der Sowjetunion bei der WM in England den 4. Platz erreichte.

Schon das Achtelfinale wäre ein großer Erfolg

Der Heim-WM würde ein solcher Erfolg sicher gut tun. Sollte das passieren, wäre es ein Glücksfall für Wladimir Putin und die Stimmung während des Turniers. Vor allem aber wäre es eine so große Sensation, dass das Thema Doping nach der Enthüllung des Staatsdoping-Systems unweigerlich wieder auf dem Plan stünde - derzeit hat die Anti-Doping-Agentur Wada alle Ermittlungen gegen russische Spieler, die an der WM teilnehmen, eingestellt; und auch die Fifa hat das Team entlastet. Gegen Spieler, die nicht im WM-Kader sind, gibt es allerdings weiterhin Ermittlungen.

So bleibt als realistische Hoffnung letztlich nur, mit Unterstützung der eigenen Fans wenigstens die Vorrunde zu überstehen. Schon das wäre das beste Ergebnis einer russischen Mannschaft bei einer WM überhaupt. Danach würden laut Spielplan voraussichtlich Ex-Weltmeister Spanien oder Europameister Portugal warten. Hürden, die viel zu hoch sind. Wenngleich der Fußball-Philosoph weiß: In einem einzelnen Spiel hat man immer eine Chance. Und die Hoffnung, die stirbt bekanntlich zuletzt.

tis

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