Verliert ein Sportler in einem großen Duell, so können seine Tränen ihn als Mensch wachsen lassen, denken wir an den Fußballer Bastian Schweinsteiger, der 2012 nach dem Münchner Finale dahoam sein Gesicht tief im Trikot vergrub.
Die Tränen, die der Skifahrer Marco Odermatt am 17. Januar in Kitzbühel vergoss, weckten eher kein Mitgefühl: Auf dem Podest stand er auf Platz zwei, nachdem er auf der Streif nur sieben hundertstel Sekunden langsamer gewesen war als der Erstplatzierte Giovanni Franzoni. Da wirkte der 28-Jährige wie ein Kind, das nicht bei Monopoly verlieren kann. Tags drauf entschuldigte er sich via Instagram für seinen emotionalen Ausbruch: "Ehrlicherweise fühle ich mich ein bisschen schlecht wegen gestern …" Sieben Hundertstel war er davon entfernt, sich seinen Traum zu erfüllen, einmal in Kitzbühel zu gewinnen.
Die Tränen waren ein Zeichen dafür, wie wichtig ihm dieses Ziel war.
Marco Odermatt gilt als bester Skirennfahrer unserer Zeit
Odermatt gilt als der beste Skirennläufer unserer Zeit, Kollegen vergleichen ihn mit den einstigen Superstars Marcel Hirscher und Herrmann Maier. Wer Odermatts Abfahrt in Wengen, eine Woche vor Kitzbühel, gesehen hat, bekam einen Eindruck davon, wie skifahrerische Perfektion aussehen kann. Es gibt auf der Strecke eine enge Passage, der man sich mit Highspeed nähert. Den meisten Fahrern bleibt nichts anderes übrig, als auf die Kante zu steigen, zu bremsen; manch einer ist hier auch mit der Andeutung eines Schneepflugs eingebogen. Odermatt dagegen: Ging im genau richtigen Moment auf die Kante seiner Ski, ein bisschen Weiß stäubte dabei auf, und wusch, war er um die Kurve, weiter unterwegs wie im freien Fall.
Marco Büchel, der früher selbst Skirennen gefahren ist und heute als Experte beim ZDF auftritt, nennt Odermatt "das Pendant zum Schweizer Taschenmesser". Er bringe alles mit, sei bestens unterwegs sowohl bei enorm schwierigen Pistenanforderungen als auch in den Gleitpassagen. "Er ist der Chef, wirklich dominierend. Er ist der Mann, den es zu schlagen gilt", sagt Büchel.
Odermatt wuchs in der Zentralschweiz auf, nicht direkt auf dem Berg, aber nahe genug, um von klein auf so viele Tage wie möglich auf Ski zu verbringen. Die treibende Kraft: sein Vater Walti, der selbst Rennen gefahren war. Er soll seit dem ersten Tag, an dem sein Sohn auf Brettern stand, Buch geführt haben, wie oft Marco Ski gefahren ist. Bis heute dürften das etwa 150 bis 200 Tage im Jahr sein, schätzt Marco Büchel: "Jeder, der im Weltcup vorne mitmischt, widmet sein gesamtes Leben diesem Sport." Walti Odermatt nahm Marco schon früh mit ins Skicamp in Titlis, das immer an den Weihnachtstagen begann. Seine Frau musste dann auf Mann und Sohn verzichten.
Dreifacher WM-Meister und einmal Olympiagold
Die Erfolge, die Siege, die Medaillen kamen bald: Sechsmal gewann Odermatt die Junioren-Weltmeisterschaften, dreimal die Ski-WM, zuletzt 2025 in Saalbach. 2022, bei den Olympischen Winterspielen in Peking, holte er Gold im Riesenslalom. In Bormio, dem Austragungsort der Herren-Ski-Wettbewerbe, dürften weitere Medaillen hinzukommen; am liebsten dürfte ihm das Gold in der Abfahrt sein, dem ersten Höhepunkt der Spiele. "Abfahrt ist die Königsdisziplin im Skisport", sagt Odermatt selbst.
Wer Odermatt die Steilhänge hinunterjagen sieht, könnte den Eindruck bekommen, der Mann fürchte sich vor nichts. Tatsächlich, so sagt der Experte Büchel, bestehe die Voraussetzung beim Abfahrtsski darin, dass man sich lieber außerhalb der Wohlfühlzone bewege. Doch gerade die Kontrolle bei extremen Bedingungen sei entscheidend: "Man muss sein Limit finden", so Büchel. "Wichtig ist, nie über diese 100 Prozent hinauszugehen. Wenn du einen Schritt weitergehst, gibst du die Karten aus der Hand. Und früher oder später knallt es, weil es dann nur noch mit Glück und Pech zu tun hat. Wenn du innerhalb deines Limits bleibst, bist du der Pilot deines Skis und nicht der Passagier." Büchel, der selbst zwei Weltcuprennen in der Abfahrt gewonnen hat, sagt außerdem: "Die Athleten fahren praktisch nackt den Berg runter – auf einer vereisten Piste und mit bis zu 150 km/h. Es würde sich kein Mensch trauen, im Auto bei 100 km/h die Tür zu öffnen und rauszuspringen. Jeder weiß: Das tut höllisch weh. Aber auf einer vereisten Piste einen Salto zu schlagen – da muss man sich nicht wundern, wenn sich die Fahrer verletzen."
Das Spektakel gehört bei der Abfahrt dazu, der Berg lässt sich nicht in Watte packen, und ein Rennen ohne Risiko hätte bald sein Publikum verloren.
Wer sich diesem Spiel aussetzt, gleicht einem Gladiator auf weißem Arenagrund, auf dem schon der kleinste Fehler die Welt des Athleten auf den Kopf stellen kann. Odermatts großer Konkurrent Cyprien Sarrazin etwa stürzte Ende 2024 bei einem Trainingslauf in Bormio so schwer, dass er die daraus resultierende Hirnblutung nur knapp überlebte; er kämpft bis heute um sein Comeback.
Odermatt selbst vertraut auf Routinen, die den Wahnsinn, dem er sich im Rennen aussetzt, zähmen sollen. Er hat einmal verraten, dass er im Starthaus, kurz bevor es losgeht, immer ein Lächeln aufsetze, auch wenn es nur ein künstliches sei: Es soll dem Gehirn signalisieren, dass er gerade glücklich sei. In einem Interview mit der "FAZ" sagte er: "Wie bei vielen anderen Sportarten werden auch Skirennen im Kopf entschieden. Der mentale Zustand ist also enorm wichtig. Mein Kopf muss am Start bereit sein, alles zu geben." Zum Kopf kommt die Muskelmasse. Das ideale Wettkampfgewicht für einen Abfahrtslauf sei bei ihm 100 Kilo (bei einer Größe von 1,83 Meter), er pendelt sich bei 88 bis 89 Kilo ein: "Das Ab- und Zunehmen ist in der Praxis schwierig", sagt er.
In dem Film "Downhill Skiers" sagt Odermatt, in ihm steckten zwei Menschen: "Der eine ist relaxt, der andere ist ein Tier." An anderer Stelle formuliert er es so: "Sobald ich einen Rennanzug anziehe, werde ich zur Bestie."
Das Rennen um olympisches Gold in Bormio wird etwa zwei Minuten dauern. Die Welt wird ein Spektakel auf präparierten Eis erwarten, in das die Kufen der Ski schneiden werden wie Schwerter. Der einzige Schutz, der sich bietet, sind die gespannten Fangnetze am Pistenrand. Odermatt wird vor dem Start im Kopf jede Biegung der Strecke durchgehen und später im Starthaus sein Lächeln aufsetzen. Dann wird er die Bestie in sich loslassen.
Mal sehen, ob sie am Ende lacht oder weint.