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"Quasikristalle" von Eva Menasse: Ein Buch wie ein zerbrochener Spiegel

Eva Menasse beleuchtet ein Frauenleben aus 12 unterschiedlichen Persepektiven. Die einzelnen Puzzleteile fügen sich im Laufe des Romans zu einem raffiniert konstruierten Bild zusammen.

Es gibt nicht nur Kristalle in klarer, symmetrischer Struktur, sondern auch solche in ungeordneter, gebrochener Form. Diese sogenannten Quasikristalle wurden erst 1982 von dem israelischen Physiker Daniel Shechtman entdeckt. 2011 erhielt er dafür den Chemie-Nobelpreis. "Quasikristalle" hat Eva Menasse ihr neues Buch genannt. Denn fragmentarisch, ungeordnet, gebrochen ist auch das hierin beschriebene Frauenleben. Eva Menasse zeigt eine Frau mit vielen Gesichtern. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln schildert sie einen Lebensweg, der keine fortlaufende in sich schlüssige, logische Geschichte ist, sondern sich aus vielen einzelnen Bildern und Perspektiven wie in einem zerbrochenen Spiegel zusammensetzt.

Eva Menasse hat in den vergangenen Jahren vor allem mit zwei Büchern auf sich aufmerksam gemacht. Die aus Österreich stammende, heute in Berlin lebende gelernte Journalistin debütierte 2005 als Romanautorin. "Vienna" ist eine mit zahlreichen Anekdoten gespickte Familiengeschichte aus dem Wien des letzten Jahrhunderts. Darauf folgte 2009 der Erzählband "Lässliche Todsünden", eine zeitgemäße Interpretation der sieben Todsünden, dargestellt an den alltäglichen Gemeinheiten und Lastern Wiener Intellektueller.

"Nichts war einfach, bekannt, sicher, geglaubt, verbürgt". Dieses Zitat der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame hat Eva Menasse ihrem Buch als Leitmotiv voran gestellt. Und tatsächlich zeigt sie, dass ein Leben vielfältig interpretierbar ist, je nachdem aus welcher Perspektive und unter welcher Prämisse es begutachtet wird. "Quasikristalle" bietet nicht weniger als 13 unterschiedliche Sichtweisen auf ein Frauenleben an. Nachbarn, Freunde, Angestellte und Verwandte schildern die Künstlerin und Unternehmerin Xane Molin in verschiedenen Lebensphasen und Rollen.

Die verschiedenen Rollen einer Frau

Am Anfang ist sie eine 14-jährige Schülerin, deren Kindheit schlagartig beendet ist, als eine Freundin überraschend stirbt. Am Ende ist sie eine Großmutter, die noch einmal einen Neuanfang wagt. Wir sehen Xane in ganz unterschiedlichen Rollen: als brave Tochter, schrille Partykönigin, gewiefte Unternehmerin, Patientin mit Kinderwunsch, mehr oder weniger treue Professoren-Ehefrau, überforderte Stiefmutter. Zu Beginn ist sie das hübsche, junge Mädchen in roter Bluse, das einen Professor bei einer bizarren Auschwitz-Exkursion auf sündige Gedanken bringt. Am Ende ist sie in den Augen eines ihrer Angestellten nur mehr eine gewesene Schönheit, deren klassische Züge inzwischen sacht verlaufen.

Vieles in dieser Biografie bleibt im Ungefähren, da die jeweiligen Augenzeugen immer nur Ausschnitte beleuchten. Warum ist Xane von Wien nach Berlin gegangen? Wie kam die Filmemacherin in die Marketingbranche? Hier ist die Phantasie des Lesers gefragt. Manchmal tauchen Figuren aus der Vergangenheit in einem späteren Kapitel wieder auf. Die verschiedenen Mosaikstücke und Puzzleteile zu einem Lebensbild zusammenzufügen, ist für den Leser nicht immer einfach, macht aber auch den besonderen Reiz dieses Buches aus. Ein einziges Kapitel ist übrigens aus Xanes eigener Sicht beschrieben, es ist gleichzeitig eines der eindrücklichsten des ganzen Buchs. Darin beschreibt sie ihre panischen Ängste, aber auch Freuden als Mutter.

Eva Menasse hat ein intensives, raffiniert konstruiertes Buch über eine moderne Frau geschrieben, mit all ihren Stärken und Schwächen, vor allem ihren Widersprüchen. Denn anders, als viele Memoirenschreiber uns glauben machen wollen, sind die meisten Lebensgeschichten eben nicht rund und konsequent. Das Zufällige, Fragmentarische, Ungeordnete entspricht viel eher der Realität. Insofern hat Eva Menasse mit "Quasikristalle" ein getreues Abbild der Wirklichkeit geschaffen.

Sibylle Peine, DPA / DPA
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