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Vorlesegeschichte: "Paraplü, das Stachelschwein" von Eva Menasse

Eine Vorlesegeschichte von Eva Menasse | Vorlesezeit: 5 Minuten | für Kinder ab 4 Jahren

Paraplü, das Stachelschwein, war wahrscheinlich das eitelste Tier der Welt. Es war davon überzeugt, die schönsten Stacheln zu haben, ein elegantes Auftreten, schlanke Beine, vor allem aber ein riesiges Talent zum Dichten. Letzteres stimmte nicht ganz, denn wie ihr bestimmt wisst, kann man nicht alles, was man besonders gern macht, schon deshalb auch besonders gut. Umgekehrt stimmt es eher: Wenn jemand zum Beispiel gut malt oder Ball spielt, dann macht ihm oder ihr das Malen oder Ballspielen wahrscheinlich auch Spaß. Und je öfter er es tut, je mehr er übt, desto besser wird er. Aber manchmal gibt es eben solche wie das Stachelschwein Paraplü, das zwar gern reimte und dazu sang, nur leider grottenschlecht. Auch durch viel Übung verbesserte es sich kein bisschen. Ob es daran lag, dass es sich ohnehin für den unschlagbaren Reimkönig hielt?

"Stachelschwein – ging allein – in die weite Welt hinein", sang es etwa vor sich hin, "aaaalle sind scho-hon da, alle Stacheln, alle!" – und glaubte, es sei ungemein originell. Eines Tages erzählte es jedem, der nicht schnell genug auf einen Baum oder ins nächste Loch flüchtete, dass es ein neues Lied komponiert habe. Und dieses Lied würde schon bald ein Welthit werden, wartet nur. Paraplü behauptete, es würde Preise dafür bekommen und im Fernsehen auftreten, und bald hätte es bestimmt auch einen eigenen Youtube-Kanal. Wenn das Stachelschwein einmal so weit gekommen war, war es natürlich unmöglich, eine Darbietung des Liedes zu verhindern. Was hätte man denn sagen sollen? "Ah, interessant, aber hören will ich das jetzt eigentlich nicht?"

Also warf sich Paraplü in Positur, spreizte seine Stacheln ab, was durchaus hübsch anzusehen war – das sah nämlich aus wie ein schwarz-weißer Strahlenkranz um es herum –, und begann, zu der Melodie, die ihr alle von Weihnachten kennt, zu singen: "O Stachelschwein, o Stachelschwein, wie hübsch sind deine Äu-ge-lein!" Die meisten Tiere hüstelten verlegen und zogen sich, nachdem sie einige Worte der Bewunderung gemurmelt hatten, schnell zurück. Boshaftere Tiere wie der Fuchs und der Rabe lobten Paraplü ganz übertrieben, applaudierten und nannten es ein Genie, einen Zauberer der Worte und Töne. Aber falsches Lob hatte genauso wenig Sinn, denn Paraplü glaubte alles und wurde nur noch eingebildeter. Eines Tages, als Paraplü wieder nach Publikum suchte – da es ein bisschen kurzsichtig war, fiel ihm nicht auf, dass die meisten Tiere sich davonstahlen, wenn sie die schwarz-weißen Stacheln bloß von Weitem sahen –, stolperte es fast über eine verletzte, alte Maus. Die Maus lag mit blutigen Schrammen und einem gebrochenen Bein am Wegesrand und stöhnte vor Schmerzen und Durst. Paraplü fiel gar nicht ein, etwas zu trinken und den Tierarzt zu holen, statt dessen spreizte es seine Stacheln und sang ihr aus voller Brust ein Liedchen vor: "Heile heile Gänschen, es wird bald wieder gut, die Katze hat ein Schwänzchen, es wird bald wieder gut, heile heile Mausespeck, in 100 Jahren ist alles weg."

"100 Jahre Mausespeck …", murmelte die Maus böse, und zischte dann, beinahe mit letzter Kraft: "Du dummes Stachelschwein, das du dich für einen Dichtergott hältst! Die ganze Welt lacht über dich, denn der wahre Dichter ist der Stachelbär. Nur bei ihm könntest du lernen, wie man dichtet. Bis dahin bleibst du – ein eitler Angeber!" Nach diesen Worten schloss die Maus die Augen, aber keine Angst, sie starb nicht, sie konnte nur nicht mehr. Zum Glück war die weiße Notarzttaube bereits im Anflug, sie nahm die Maus auf die Flügel und brachte sie noch rechtzeitig ins Krankenhaus, wo die Maus trotzdem eine unangenehme Zeit hatte. Denn sie bekam einen Gips und Krücken und musste ziemlich lange bleiben. Paraplü, das betroffen, aber tatenlos danebenstand, als die ohnmächtige Maus auf die Rettungstaube geschnallt wurde, bekam in den folgenden Tagen die Worte der Maus nicht mehr aus dem Kopf. Also begann es, nach dem Stachelbären zu suchen, denn es wollte Unterricht nehmen.

Als das Stachelschwein so ratlos und verunsichert durch die Welt streifte und alle und jeden nach dem geheimnisvollen Bären fragte, konnten die anderen Tiere nicht anders, als es eine Weile lang zu necken. Alle taten, als hätten sie den Stachelbären erst vor Kurzem gesehen und seien seit Langem sehr befreundet mit ihm, sie schickten das Stachelschwein hierhin und dorthin, erst zur großen, unheimlichen Höhle, von dort wieder zum See, dann in den Wald, auf die Lichtung, wo die Buschwindröschen blühen. "Willst du uns nicht wieder einmal ein Lied singen", schmeichelte die Wildkatze, "oder uns endlich wieder einen neuen Reim machen", bettelte der Igel, aber Paraplü winkte ab und sagte: "Ich muss erst den Stachelbären finden und das Dichterdiplom machen."

Aber wie das oft so ist, verloren die Tiere bald den Spaß an der Sache. Manche kleinere Tiere sollen sogar gelegentlich "Stachelschwein, ging allein" gesummt haben, weil sie den Anblick des schweigsamen Stachelschweins so bedrückend fanden. Auch die großen Tiere schämten sich, machten aber, um das nicht zuzugeben, noch eine Weile weiter. Sie berichteten dem armen Paraplü von ausgelassenen Stachelbärenfesten, die sie kürzlich alle zusammen gefeiert hätten, damals, als Paraplü leider am anderen Ufer des Sees mit der Suche beschäftigt gewesen war und nicht mehr rechtzeitig hatte geholt werden können. Und zu schlechter Letzt hielt ihm die boshafte Elster sogar einen Schnabel voller Stachelbeeren hin und erklärte mit süßlicher Stimme, das sei die Lieblingsspeise des reimenden Bären, und das Stachelschwein sollte am besten immer welche dabei haben, um sie dem Bären als Geschenk zu überreichen. Denn eigentlich habe der Bär erklärt, niemanden im Dichten zu unterrichten. Das sei sein Geheimwissen, und das wolle er für sich behalten. Mit diesen Worten steckte die Elster Paraplü die Beeren an die Stacheln, sodass das unglückliche Stachelschwein nun aussah wie ein Nadelkissen oder ein Käseigel, falls ihr wisst, was das ist. Falls nicht, fragt bitte eure Eltern. Das aber war so gemein, dass die anderen Tiere nicht mehr mitmachen wollten. Von diesem Tag an wurde die Elster gemobbt.

Auf einer Tragbahre aus Blättern und Zweiglein schleppten sie die Maus mit dem Gipsbein herbei. Sie sollte den Scherz rückgängig machen, sie musste Paraplü erklären, dass es gar keinen Stachelbären gab, sondern nur die grünen, sauren Stachelbeeren, die es an seinen Stacheln aufgespießt mit sich herumtrug. Paraplü war zwar eitel, aber auch sehr, sehr naiv, und erst verstand es gar nichts. Es konnte gar nicht begreifen, warum man jemandem etwas erzählte, was nicht stimmte, und es verstand nicht, was daran Spaß machen sollte. Schließlich begann es zu weinen. Die Maus versuchte, es zu trösten, und sagte, dass sie und alle Tiere sich gemeinsam beim ihm entschuldigen und sich nie wieder Scherze auf seine Kosten erlauben wollten, aber Paraplü hörte nicht auf zu schluchzen. Endlich stammelte es: "Wenn es gar keinen Stachelbären gibt, dann werde ich nie ein großer Dichter!" Doch die alte Maus antwortete: "Wenn du dir Mühe gibst und deine Gedichte erst überprüfst, bevor du sie ausposaunst, wenn du andere um Rat fragst, was man verbessern könnte, dann wirst du bestimmt von selbst ein besserer Dichter. Zumindest bist du ja der einzige Dichter weit und breit." Und deshalb hat sich Paraplü schließlich beruhigt und die Tränen abgewischt. Ab nun sah man es murmelnd konzentriert seiner Wege gehen, es machte sich Notizen auf großen Blättern und flüsterte gelegentlich mit dem Raben oder dem Igel. Und nach mehreren Wochen harter Arbeit kam es endlich mit einem ersten Gedicht heraus, von dem man zumindest sagen kann, dass es weit besser war als alles zuvor.

"Es fragte sich der Stachelbär/wo eigentlich sein Stachel wär/ Hier, nimm doch einen von den mein’/sprach tief entspannt das Stachelschwein."

, 46, ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt in Berlin. 2005 erschien ihr Debüt " Vienna". Für den Roman "Quasikristalle" bekam sie 2013 u. a. den Heinrich-Böll-Preis. Ihr aktuelles Buch heißt "Tiere für Fortgeschrittene" (KiWi, 20 Euro)