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"Wovon lebst du eigentlich?": Kreative an der Armutsgrenze

Schauspieler, Musiker und Maler - viele Freiberufler opfern sich ohne großen Erfolg für ihren Traumberuf auf. Das Buch "Wovon lebst du eigentlich" zeigt Tricks und Überlebensstrategien von 22 Kunst- und Kulturschaffenden, die - oftmals sogar freiwillig - unterhalb der Armutsgrenze leben.

Von Julian Weber

"Mein letzter richtiger Urlaub war vor 15 Jahren, zwei Wochen Frankreich", gesteht der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf. Seine Aussage stellt das vermeintlich exotische Berufsbild des welterfahrenen Künstlers auf den Kopf. Herrndorf ist einer von 22 Kunst- und Kulturschaffenden, die für den Interview-Band "Wovon lebst du eigentlich?" Rede und Antwort gestanden haben. Darunter sind so prominente Figuren wie der Filmregisseur Benjamin Quabeck ("Verschwende deine Jugend"), die Fotografin Sybille Fendt (u. a. Mitarbeiterin des "Magazins" der Süddeutschen Zeitung) oder der Übersetzer und Schauspieler Harry Rowohlt. Sie wollen Überlebensstrategien von freiberuflichen Künstlern mit Geschichten aus deren Leben veranschaulichen, schreiben die beiden Herausgeber Jörn Morisse und Rasmus Engler im Vorwort zu ihrem Buch. Denn auch für den Kulturbereich gilt: Über Geld spricht man nicht, der Konkurrenzdruck ist so groß ist, wie die Verdienstmöglichkeiten gering. Eingestehen, dass man zusätzlich zum künstlerischen Ertrag Nebeneinkünfte bezieht, könnte ja dem Image schaden. Dennoch, Morisse und Engler machen es einmal anders und lassen zur Abwechslung mal ausgiebig über das liebe Geld reden.

Klischeevorstellung vom Künstler und Langschläfer

Die Autoren sitzen ohnehin im gleichen Boot wie ihre Gesprächspartner. Der eine versucht als Übersetzer und freier Lektor für kleine Buchverlage in Berlin ein Auskommen zu finden, der andere hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. "Die Klischeevorstellung vom Künstler ist in der Gesellschaft nahezu unverändert", erklärt Rasmus Engler über die Motivation, Künstler zu befragen. "Wie vor 100 Jahren heißt es, Maler pennen bis mittags und gucken dann mal, ob sie noch die Staffelei aufstellen. In Wahrheit wuchern über ihnen aber ganz andere Schatten: Bis sie sich ihrer künstlerischen Tätigkeit widmen können, müssen sie großen Verwaltungsaufwand betrieben haben."

Engler selbst verdient sein Geld zum Beispiel in einem Hamburger Musikclub und arbeitet außerdem als Versandhilfe eines Kleinverlags; das alles, nur um sich der Popmusik, unter anderem zusammen mit dem Schauspieler Robert Stadlober in der Band Gary, so ungestört wie möglich widmen zu können. Auf die Idee für das Buch kam Engler während einer Tournee. Als die Zuschauer bei einem Konzert in der Provinz um den Eintrittspreis feilschen wollten, sei ihm irgendwann der Kragen geplatzt, so Engler. Denn mit den Erlösen aus dem Eintrittspreis wird schließlich auch die Miete eines Musikers bezahlt.

"Intellektuelles Hobby, Stundenlohn 1,20"

Dass in Zeiten knapper Kassen kräftig gespart wird, ist nichts Neues. Die Kunst- und Kulturschaffende im Lande bekommen die Abstriche hautnah zu spüren. Andererseits ist ihre Lebenssituation frei gewählt, keiner der Interviewten in "Wovon lebst du eigentlich?" stammt aus armen Verhältnissen. Dennoch: Was würden die Menschen ohne ihre Unterhaltungskünstler machen? Das Buch gibt detaillierte Einblicke, unter welch haarsträubenden wirtschaftlichen Bedingungen Kultur überhaupt zustande kommt. So erinnert sich der Übersetzer Harry Rowohlt - Sohn von Verlagsgründer Ernst Rowohlt - an die vier einsamen Zuhörer, die einst zu seiner ersten Lesung in Bielefeld erschienen waren. Sein Übersetzer-Handwerk - er hat rund 150 Bücher aus dem Englischen übertragen - bezeichnet Rowohlt sarkastisch als "intellektuelles Hobby, Stundenlohn 1,20". Zu dessen Finanzierung muss Rowohlt verschiedene andere Jobs ausüben, schauspielern in der Lindenstraße etwa.

Die mit Preisen ausgezeichnete Fotografin Sybille Fendt räumt dagegen freimütig ein, Geld von ihren Eltern geliehen zu haben. Paradoxerweise sei ihre Auftragslage besonders hoffnungslos gewesen, nachdem sie von einer Zeitschrift zu einer der "100 wichtigsten Deutschen" gewählt worden war. Der Daily-Soap-Schauspieler Alexander Sternberg ("Verliebt in Berlin") wiederum erklärt, zur Bestreitung seines Unterhalts zwischenzeitlich auch an der Käsetheke eines Supermarkts in Königswusterhausen gestanden zu haben.

Durchschnittsverdienst: 10.800 Euro im Jahr

Aus diesen Beispielen wird schon ersichtlich, "Wovon lebst du eigentlich" ist keine Fallstudie aus dem Bereich empirische Sozialforschung, sondern eine sehr persönlich gefärbte Schilderung von Anekdoten und Strategien. Anders als bei einer anonym durchgeführten Umfrage, werden auf den 251 Seiten nur 22 Lebensentwürfe abgebildet, diese dafür aber umso ausführlicher. Es ist davon auszugehen, dass die Interviewten stellvertretend für eine größer werdende Zahl von gut ausgebildeten, selbstständigen Erwerbstätigen im Bereich Kultur sprechen. Sie krebsen am Existenzminimum herum, um das tun zu können, was sie möchten. Das gilt zwar in der Gesellschaft als Luxus, dennoch waren 2006 in Deutschland mehr als 154.000 Menschen bei der Künstlersozialkasse (KSK) als selbstständig gemeldet. Ob Übersetzer, Maler oder Musiker, ihr jährlicher Durchschnittsverdienst lag bei 10.800 Euro. Zum Vergleich, die Armutsgrenze wurde zum gleichen Zeitpunkt bei 11.200 Euro angesetzt.

Zwei Wochen Nudeln mit Sojasauce

Gleichwohl kommt für viele Kreative eine Festanstellung und damit verbunden, eine gesicherte Existenz nicht infrage. "Wovon lebst du eigentlich?" ist eine nüchterne Bestandsaufnahme ihrer Aussichten, Lebensstile und Organisationsgrade. Gejammert wird kaum. Stattdessen ist Pragmatismus eingekehrt. So geht die Musikerin und Schriftstellerin Almut Klotz davon aus, dass sie auch noch mit 70 "nebenbei" arbeiten wird. "Ich kann mit Armut ganz gut umgehen", sagt die Mutter eines Elfjährigen. Frei von Widersprüchen und Tristesse ist "Wovon lebst du eigentlich?" natürlich nicht. "Es ist mir egal, wenn ich mal zwei Wochen Nudeln mit Sojasauce essen muss", bekennt die Musikjournalistin Nic Koslowski, schickt aber sofort hinterher, dass einseitige Ernährung nur "eingeschränkt empfehlenswert" sei.

Neben der Genügsamkeit wird von den Interviewten vor allem die Nervenstärke als wichtigste Alltagseigenschaft genannt. Um sich im stark bevölkerten Haifischbecken der freien Kultur auf längere Sicht zu tummeln, braucht es aber auch Glück und Geschäftssinn. "Wovon lebst Du eigentlich?" ist kein Ratgeber für Künstler und solche, die es werden wollen. "Vom Überleben in prekären Zeiten" heißt sein Untertitel, er klingt wenig erfolgversprechend, weckt aber vielleicht Verständnis, wenn mal wieder das Lotterleben von Kulturschaffenden zur Debatte steht.