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Alexa Hennig von Lange über "Feuchtgebiete": Die Entweihung des weiblichen Körpers

Alexa Hennig von Lange hat in ihrem Debütroman "Relax" selbst offen und unverblümt über Sex geschrieben. Für stern.de kommentiert die Autorin den Erfolg des Buches "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche und entdeckt dabei ein neues weibliches Feindbild.

"Der erotische Roman schafft es immer wieder, zu schocken, aufzurütteln und zu verstören"

"Der erotische Roman schafft es immer wieder, zu schocken, aufzurütteln und zu verstören"

Mit dreizehn Jahren las ich zum ersten Mal einen Roman mit erotischem Inhalt. Das allerdings war ein Versehen – ich stand eigentlich mehr auf sozialkritische Bücher, in denen Jugendlichen etwas Schlimmes zustößt, sodass sie aus ihrem bisherigen, gut eingerichteten Leben fliegen und kraft ihres neu gewonnenen Selbstbewusstseins in die Gesellschaft zurückfinden. Ich dachte "Sprung in der Sonne" von dem brasilianischen Autor Marcelo Rubens Paiva sei auch so ein Buch. Schließlich wurde im Klappentext damit geworben, dass der zwanzigjährige Erzähler auf seiner Geburtstagsparty ins Meer springt, auf einen Felsen prallt und von nun an querschnittsgelähmt ist. Doch schon nach den ersten Seiten bekam ich ziemlich rote Ohren und las vorsichtshalber im Badezimmer weiter. Ich hatte ja keine Ahnung von dem, was da stand. Bis heute ist mir ein Satz im Gedächtnis geblieben: "Wir rauchten die Zigarette und genossen unsere Körper in diesem Zimmer, in dem der Duft eines Orgasmus hing, der Geruch von Sperma, Sekret und Liebe."

Ich dachte: "So deutlich schreibt man doch nicht!" Dann fand ich: "Warum eigentlich nicht? Literatur ist schließlich Kunst, und in der Kunst ist alles erlaubt." Anschließend erkannte ich: Der erotische Roman ist keine neue Erfindung. Auch nicht, wenn er aus der Sicht einer Frau geschrieben ist. In "Heiß & kalt" von Elisabeth Ambras machen sich beispielsweise die Protagonistinnen einen minderjährigen Jungen untertan. Von Melissa P.´s "Mit geschlossenen Augen" ganz zu schweigen. Trotzdem schafft es der erotische Roman immer wieder, zu schocken, aufzurütteln und zu verstören. Denn: Es werden immer wieder Menschen geboren, die alles zum ersten Mal sehen, lesen und erleben.

"My body is my temple"

Was den Roman "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche anbelangt, mag der Tumult weniger von den Schilderungen sexueller Handlungen ausgelöst worden sein, sondern durch die Entweihung des weiblichen Körpers. Wie das Modell Gisele Bündchen kürzlich erklärte: "My body is my temple." Doch Charlotte Roche scheint den weiblichen Körper eher als eine Art nässenden, gärenden Komposthaufen zu verstehen. Ich kann dies allerdings nur vermuten, ich selbst habe das Buch nur in Auszügen gelesen. Vor manchen Schilderungen habe ich schlichtweg Angst. Vor einigen Wochen konnte ich im "Tagesspiegel" einen Teil des Romans lesen – und dieser kleine Auszug war derart eindrucksvoll, dass er an meinen innersten Widerständen gerührt hat. Er hat in mir eine Art Schock ausgelöst, dass ich nun befürchte, das Buch könnte über die Macht verfügen, mich bis ins Grab zu verfolgen.

Ich habe Hochachtung vor einer solch erzählerischen Leistung. Und ich habe Hochachtung vor denjenigen, die "Feuchtgebiete" gelesen haben. Sie scheinen über eine innere Stärke zu verfügen, von der ich nur träumen kann. Mein Körper ist für mich noch immer etwas Achtenswertes, etwas Reines, dem ich würdevoll begegne. Und ich werde immer den Wunsch haben, dass ihm ebenso von außen begegnet wird. Ein bisschen verstört es mich also, dass eine Frau über den weiblichen Körper auf diese Weise schreibt. Möglicherweise ist mir das gar nicht so recht. Es geht um fehlende Hygiene oder – wie immer wieder vermutet wird – um eine Art weiblichen Befreiungsschlag. Wozu, frage ich mich? Wo leben wir denn? In einem Land, in dem die Frau dringend vom Feindbild "Mann" Abschied nehmen sollte – und fehlende Hygiene dankenswerterweise kein Problem ist.

Das Feindbild "Mann" hat sich erledigt

Wer jetzt noch meint, es sei allerhöchste Eisenbahn, dass endlich eine Frau offen zugibt, sich beim Geschlechtsverkehr gern zu unterwerfen, hat – mit Verlaub – den Anschluss verpasst. In der "Süddeutschen Zeitung" ist zu diesem Thema lesen: "Eine Frau verliert sich aber nicht, wenn sie ihrer Lust folgt. Sie verliert sich, wenn sie gegen ihren Willen am Herd landet. Und vielleicht wäre Letzteres seltener der Fall, wenn sie, insofern sie eine Lust an der Unterwerfung verspürt, diese dort lebt, wo sie am Platz ist. Und nicht im alltäglichen Geschlechterkampf." Das Feindbild "Mann" darf getrost als erledigt angesehen werden. Wir haben ein neues: "den Körper der Frau".

Alexa Hennig von Lange
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