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Charlotte Roches "Feuchtgebiete": Die Zotenkönigin

Die 18-jährige Heldin von Charlotte Roches Romandebüt "Feuchtgebiete" steht auf Du und Du mit ihren Körperausscheidungen. Das verspricht lustig zu werden, doch Roches Geschichte einer verunglückten Intimrasur kommt etwas arg tabubrecherisch daher, findet stern-Autor Stephan Maus.

Von Stephan Maus

"Zurück zum Arschrasieren." Es gibt Sätze, von denen kann es in der deutschen Literatur eigentlich gar nicht genug geben. Der zitierte gehört dazu. Weil's so schön ist, gleich noch einmal: "Zurück zum Arschrasieren." So ruft sich die 18-jährige Helen in ihrer Geschichte über ihre verunglückte Intimrasur zur Disziplin. Nachdem sie mit der Klinge ihre Hämorrhoiden erwischt hat, liegt sie im Krankenhaus und lässt ihren Gedanken freien Lauf. Das schwer erziehbare Problemkind neigt zu Aus- und Abschweifungen.

Und wenn diese "Arschpatientin" abschweift, dann in die Titel gebenden Feuchtgebiete. Kaum kommt sie von ihren Abschweifungen zurück, ist sie auch schon wieder bei Popo, Pflaume & Co: "Ich pflege einen sehr engen Kontakt zu meinen Körperausscheidungen." Was passiert sonst? Wenig: Ein Pickel muss ausgequetscht, Wundschorf verspeist und eine Avocadokernsammlung begossen werden. Denn Avocadokerne sind Helens einzig wahren Freunde. Nicht zuletzt, weil sie ihr sexuell stets zu Diensten sind. Zusammen mit den Avocadildos gedeiht so der zügelloseste Untenrum-Roman der Saison.

Roche wurde als TV-Moderatorin mit unkonventionellem Moderationsstil und Tabubruch berühmt. Nun wendet die Medienfachfrau ihr Erfolgsrezept auch auf die Literatur an. Was im Fernsehen Kult wurde, kann in der Literatur nicht falsch sein. Charlotte Roche scheint in ihrem ersten Roman ihre eigene Jugend zu rekonstruieren. In Mönchengladbach, sagt die Halbengländerin, habe sie "längste und schlimmste Pubertät der Welt" durchlitten. In Mönchengladbach, so kann's geh'n, muss Roche auch noch die letzte Hemmung verloren haben. Heute ist sie sehr offen. Das gehört zu ihrem Markenkern wie die Schleimschicht zum Avocadokern. Und schnell wird klar: Auf diese Offenheit ist Roche verdammt stolz. Diese bräsige Zufriedenheit über den Tabubruch verleidet dem Leser bald das Vergnügen an der durchaus poetischen Kraft der Fäkalsprache und einigen heißen Sexphantasien.

Was im Fernsehen spontan wirkt, ist in der Literatur geschwätzig

Im engen Quotenkorsett der Fernsehformate mag es vielleicht noch ein Zeichen von Rebellion sein, Grenzen zu überschreiten. Aber in der Literatur gibt es schon lange keine Grenzen mehr. Noch über den feuchtesten Winkel des menschlichen und tierischen Körpers finden sich endlose Regalmeter in jeder öffentlichen Bibliothek. Unzählige Romane haben jedes noch so übel riechende Wund- und Intimsekret aufgesogen. Seit Erfindung der Keilschrift ist Literatur das Reich radikaler Freiheit. Jeder Schriftsteller ist sein eigener Programmdirektor. So kann der Reiz für Autoren nur darin bestehen, sich formale Gesetze zu geben und diese dann besonders geschickt mit Inhalten zu füllen. Ein denkbar ungünstiges Terrain für Berufsprovokateure. Was im Fernsehen spontan wirkt, ist in der Literatur geschwätzig.

In ihrer Zeit als Videojockey wollte Roche ganz in alter Punk-Manier die glitzernde Pop-Welt und ihre aseptischen Schönheitsideale zügellos quasselnd unterlaufen. Aber diesen falschen Glanz gibt es in der Literatur nicht. Rebellion gegen solche Windmühlen wirkt kindisch. Zudem funktioniert die Pipi-Kacka-Prosa der vermeintlich medienkritischen Roche nach den Gesetzen des blödesten Unterschichten-Fernsehens: Je greller der Tabubruch, desto höher die Quote.

So kommt es zu dem Paradox, dass die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete TV-Rebellin von einst nun versucht, mit ekliger Dschungelcamp-Ästhetik Kasse zu machen. Dabei geht sie so unbeholfen vor, dass sie noch vom geistlosesten Soap-Dramaturgen lernen könnte: Natürlich ist Helens Fäkal-Suada nur ein Schrei nach Liebe, der schließlich von einem Pfleger mit Herz erhört wird. So sehr Roche bisher immer versucht hat, Fernsehformate zu sprengen, so sehr bestätigt sie hier die banalsten Klischees der Trivialliteratur. Sie hat es nicht geschafft, die rohe Kraft der Pubertät auch für diejenigen genießbar zu machen, die sich nicht mehr morgens vor dem Spiegel genüsslich die Pickel ausdrücken.