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Autobiografie von Salman Rushdie: "Die 'Satanischen Verse' würde heute niemand verlegen"

Salman Rushdie legt seine Autobiografie vor. Sie ist ein Lehrbuch zum Umgang mit Hasstiraden wegen angeblicher Beleidigungen des muslimischen Glaubens. Lebenserinnerungen eines Todgeweihten.

Von Sophie Albers

Neun Jahre lang war der britische Autor Salman Rushdie ein Gefangener in Freiheit. Verborgen, verkrochen, geduckt lebte er unter falschem Namen in verschiedenen Verstecken, Hotels, Wochenenddomizilen, Landhäusern in der Einöde, und fürchtete nicht nur um das eigene, sondern um das Leben all derer, die er liebte, oder die in noch so geringfügigem Zusammenhang mit seinem 1988 erschienenem Buch "Die Satanischen Verse" standen. Grund war die bekannteste Fatwa (Rechtsgutachten) der Welt: Am 14. Februar 1989 forderte der iranische Ayatollah Khomeini den Tod des Schriftstellers: "Ich verkünde dem stolzen Volk der Muslime der Welt, dass der Autor des Buches 'Die Satanischen Verse', das sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran wendet, und alle, die mit dessen Veröffentlichung zu tun haben und um den Inhalt wissen, zum Tode verurteilt sind. Ich verlange von allen Muslimen, sie zu töten, wo immer sie sie aufspüren."

Es war ein Valentinstag, als die Fatwa bekannt wurde, und eine Journalistin fragte Rushdie am Telefon, wie es sich anfühle, von Khomeini zum Tode verurteilt worden zu sein. "Nicht gut", habe er geantwortet, und "Ich bin ein toter Mann" habe er gedacht, steht nun im neu erschienenen Buch "Josep Anton" (sein Fluchtname) zu lesen. In einer sehr persönlichen, sehr offenen Biografie hat Rushdie aufgeschrieben, wie er die neun Jahre als Gefangener der Wahnvorstellungen religiöser Fanatiker erlebt hat. Als er fürchten musste, von irgendeinem Irren auf offener Straße, bei sich zuhause, im Auto, im Flugzeug umgebracht zu werden, so wie es dem japanischen Übersetzer der "Satanischen Verse", Hitoshi Igarashi, 1991 ergangen ist - der italienische Übersetzer hat einen Anschlag knapp überlebt.

Bei Demonstrationen von Karachi bis Beirut gab es Tote und Verletzte, ein belgischer Mullah saudischer Herkunft und ein tunesischer Abgeordneter wurden ermordet, nachdem sie öffentlich darauf hinwiesen, dass in Europa Meinungsfreiheit herrsche. Als Khomeini 1989 starb, bekräftigte die neue Regierung die Fatwa. Tausende Menschen, die das Buch nie gelesen hatten, gingen in aller Welt auf die Straßen. Rushdie-Puppen wurden massakriert und verbrannt. Buchläden wurden angegriffen, Verleger bedroht. Die Familie des Autors war in ständiger Lebensgefahr. Erst knapp zehn Jahre später, im September 1998, wurde die Fatwa "aufgehoben".

25 Millionen Mal verkauft

In "Joseph Anton" berichtet Rushdie von der ewigen Angst, dem ewigen Aufbruch, der Klaustrophobie, von Sicherheitsleuten, die ihm mit der Zeit ans Herz wuchsen, von seinen zwei Kindern und seinen vier Frauen, die mit der Bedrohung klar kamen oder auch nicht. In der dritten Person schreibt er über dunkle Augenblicke, wenn die Panik ihn überkam, um dann wieder erstaunlich komisch und distanziert auf diese Zeit zu blicken, indem er seinen liebsten Fatwa-Witz erzählt: "Was ist blond, hat große Brüste und lebt in Tasmanien? Salman Rushdie!" Es geht um kaputte Panikknöpfe und Schriftstellerkollegen, die in Panik verfallen, anstatt hinter ihm zu stehen. Er habe sich für das Leben im Versteck geschämt, schreibt der heute 65-Jährige. Und immer wieder musste er sich gegen den Vorwurf wehren, wegen der Fatwa dem britischen Steuerzahler auf der Tasche zu liegen. Dabei habe er seine Verstecke immer selbst bezahlt.

"Die Satanischen Verse" wurden in 40 Sprachen übersetzt, und haben sich mehr als 25 Millionen Mal verkauft. Es sei, so betont Rushdie in jedem Interview, kein Buch gegen den Islam. Wenn er den Islam und die, die an ihn glauben, einfach nur hätte beleidigen wollen, hätte er das mit einem Satz getan, aber doch nicht 250.000 Wörter geschrieben. Er wünschte, er hätte ein kritischeres Buch geschrieben, war eine seiner ersten Repliken auf die Fatwa. "'Die satanischen Verse' wurden als Fußball in einem politischen Spiel benutzt, das mit dem Text wenig zu tun hatte", schreibt er. Ein Khomeini, der mit der Fatwa seine schwindende Macht stärken wollte, Imame in London, die mit dem Aufruhr ihre zunehmend leeren Moscheen füllen wollten. Für die allgemeine Empörung braucht es Reduktion, so wurde aus Rushdies Buch nichts weiter als eine Beleidigung, auf deren Grundlage US-Flaggen verbrannt wurden.

Angst, den Islam zu kritisieren

Heute würden "Die Satanischen Verse" keinen Verleger finden, schreibt Rushdie auch. Die Angst sei gewachsen. "Die Gefahren eines Angriffs sind heute größer als damals." Das liege vor allem am Internet, "der Flut globaler Massenmedien". Die Menschen hätten heute Angst davor, den Islam zu kritisieren. "Die Situation ist zwanghafter."

Ob er die "Satanischen Verse" heute anders geschrieben hätte, damit sie veröffentlicht würden? "Nein, dann sollte man gar nicht schreiben", zitiert ihn die "Daily Mail". "Es gibt keinen Grund, warum man nicht in der Lage sein sollte, über jede Ideologie, jedes eilitäre System, jedes politische System, jede soziale Idee zu schreiben. Dazu sind Autoren da."