Belletristik Die neue Ernte ist da


Zur Leipziger Buchmesse präsentiert der stern die besten neuen Bücher des Frühjahrs. Freuen Sie sich auf Spannendes, Fantastisches, Bewegendes - ach, einfach auf guten Lesestoff.

Wiederentdeckt

Klagegesang eines kaputten Helden

Beim Billard keine Bilder, bitte. Da bleibt James Kelman unerbittlich: "Ich gehe schon 30 Jahre in diesen Club, ist mir peinlich, wenn mich da einer fotografiert. Alte Arbeiter-Ehre." Sagt's und grinst, weil er weiß, dass der Begriff wie aus einer anderen Welt klingt. Ist ja bei seinem Buch auch so: 1994 erschien es, geschrieben vom schottischen, nicht-studierten Arbeiter-Schriftsteller Kelman. Es gewann sofort den bedeutendsten britischen Literaturpreis und provozierte umgehend den ersten Skandal: 4000-mal, so recherchierte ein eifriger Journalist, habe Kelman das F-Wort benutzt - das könne man nicht Literatur nennen.

Kann man aber doch, und der eigentliche Skandal ist, dass es zehn Jahre gedauert hatte, bis ein deutscher Verlag dieses Wunder-Buch übersetzte. Denn obwohl es in Kelmans Hinterhof spielt, dem rauen Arbeitermilieu Glasgows, hat es doch eine feine Melodie: Es ist der Klagegesang des Sammy, Ex-Knacki, Vollzeit-Arbeitssuchender, Anti-Held, der nach massiver Prügelei mit zwei Polizisten vor die Wache geworfen wird - blind geschlagen.

Sammy verlangt nicht mehr vom Leser, als dass er mit ihm die nächste Woche verbringt. Er will lediglich überleben - bei ganz neuen Herausforderungen: Wie bastele ich mir einen Blindenstock, wenn ich nicht weiß, in welchem Eimer die weiße Farbe ist? Kelman hat mit diesem Roman Literaturgeschichte geschrieben und für Autoren wie Irvine Welsh ("Trainspotting") erst den Boden bereitet. Aus einer anderen Welt ist der Roman heutzutage auch nicht mehr: Wer Sammy als Bittsteller auf dem Arbeitsamt erlebt, als Malocher ohne Hoffnung - dem kommt es so vor, als habe Kelman die Globalisierung und ihre Folgen vorausgeahnt. Und sein Buch erst gestern geschrieben.

James Kelman: "Spät war es, so spät", Liebeskind, 420 Seiten, 24 Euro

Geisterstunde

Wenn die Toten die Lebenden ärgern

Zuerst denkt man: Kenn' ich schon. Weiß doch, wie schrecklich das ist, wenn fünf Jugendliche in einen Baum rasen. Ahne, wie die Familien leiden und die beiden Überlebenden des Unfalls auch. Und der Polizist, der als Erster am Unfallort war, und der Lehrer der High School.

Kenn' ich schon, denkt man, habe ich schon mal im Fernsehen gesehen. Aber Stewart O'Nan ist eben ein Meister, und sein Roman über den psychologischen Fallout eines alltäglichen Unfalls ist viel mehr als nur ein trauriges Rührstück. O'Nan hat über den Eintritt des Bösen ins unbefleckte amerikanische Leben geschrieben, als Bühne dient ihm dabei sein verschlafener Wohnort Avon im feinen New England. Und O'Nan, glühender Verehrer von Stephen King, hat sich einen genialen Erzähler-Trick ausgedacht: Er wechselt immer wieder zwischen der Welt der Toten und der der Lebenden. Die Geister verfolgen die Überlebenden, die aber auch ein bisschen tot sind. Fazit: Wie alles von O'Nan - tief beeindruckend.

Stewart O'Nan: "Halloween", Rowohlt, 256 Seiten, 19,90 Euro

Unschuldsvermutung

Sechzig Jahre zu spät

Wien, 1938. Für die Kommissare ist die Sache klar: Karoline Streicher ist schuldig wie nur was. Eine grauslige Person, verschlagener Blick, loses Mundwerk - eine Giftmörderin par excellence. Ihren Mann, ihre neugeborene Tochter, ihre reiche Tante und die alte Untermieterin - alle hat sie mit Rattengift erlegt und büßt nun zu Recht auf dem Schafott.

Sechzig Jahre später recherchiert die Autorin Marie den Fall noch einmal von vorn, und spätestens nach dem Gespräch mit Streichers Sohn weiß sie: Seine Mutter war unschuldig. Susanne Ayoub operiert sehr geschickt mit Versatzstücken aus Psycho-, Kriminal- und Geschichtsroman - herausgekommen ist ein wirklich ungewöhnlicher Thriller.

Susanne Ayoub: "Engelsgift", Hoffmann und Campe, 368 Seiten, 19,90 Euro

Kriegskindheit

Gefährliche Neugier

"Meine Mutter ist eine deutsche Spionin" - 60 Jahre sind vergangen, seit der kleine Keith Hayward diesen Satz gesagt hat. Sechs Worte, die seinen damaligen Freund Stephen bis heute nicht losgelassen haben. Jetzt ist der zurückgekehrt an den Ort seiner Kindheit, eine farblose Londoner Vorstadt. Er erinnert sich an jene sommerlichen Kriegstage, als alles ein großes Abenteuer war. Der Bau einer imaginären Eisenbahnlinie zwischen den Beeten zum Luftschutzbunker. Das Erforschen eines von deutschen Bomben zerstörten Hauses.

Als die beiden Jungs beginnen, Keiths Mutter auszuspionieren, ist dies der Anfang vom Ende ihrer Unschuld. Die Frau scheint tatsächlich etwas zu verbergen, hinterlegt geheimnisvolle Botschaften in einem Eisenbahntunnel und schaut verdächtig oft bei ihrer Schwester vorbei. Stück für Stück verfließen Realität und Imagination ineinander, bis Autor Michael Frayn in einem Epilog die vielen Mosaikteile zu einem überraschenden Bild zusammensetzt. Der renommierte britische Dramatiker und Schriftsteller erzählt hier eine Entwicklungsgeschichte über Freundschaft, Verlust, Loyalität, Tod, aufkeimende Sexualität und die Gefahren, die in der Kraft der Fantasie lauern können. Beeindruckend, wie ökonomisch, unangestrengt und elegant Frayn seinen vielschichtigen Roman erzählt. Ein reifes Buch. Das Werk eines alten Meisters.

Michael Frayn: "Das Spionagespiel", Hanser, 224 Seiten, 19,90 Euro

Erwachsen werden

Japanischer Ödipus

Menschen verlieren die Hälfte ihres Schattens. Es regnet Blutegel und Fische vom Himmel. Eine Prostituierte zitiert beim Sex Hegel. In seinem neuen Roman lässt Haruki Murakami seiner wunderbaren Fantasie freien Lauf. Der japanische Autor schickt den 15-jährigen Kafka Tamura auf die Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens. Er ist ein einsamer Junge. Mutter und Schwester haben die Familie früh verlassen. Der Vater kümmert sich nicht um ihn. Er hatte seinem Sohn früh prophezeit: "Eines Tages wirst du mit deinen eigenen Händen deinen Vater umbringen und dich mit deiner Mutter vereinigen."

Die spannende Reise ist voll rätselhafter Begebenheiten und mysteriöser Personen, die dem Jungen zur Seite stehen. Virtuos mischt Murakami die verschiedensten Ebenen, führt den Leser zwischen Wirklichkeit und Traumwelten hin und her. Der sonst für seine Bescheidenheit bekannte Murakami zeigt sich mit seinem jüngsten Werk mehr als zufrieden. "Es ist", sagt er, "mein bisher bestes Buch." Stimmt.

Haruki Murakami: "Kafka am Strand", DuMont Verlag, 638 Seiten, 24,90 Euro

Sturm und Tang

Ärger am Ende der Welt

Für jeden anspruchsvollen Thriller-Fan ist dieses Buch ein absolutes Muss. Dennis Lehane, der die literarische Vorlage für Clint Eastwoods Film "Mystic River" lieferte, mixt aus klassischen Zutaten eine perfekte Story. Als da wären: eine einsame Insel mit einer Anstalt für gefährliche Geisteskranke, eine auf mysteriöse Weise verschwundene Patientin, undurchsichtige Ärzte, zwei sympathische Ermittler und ein Hurrikan, der alle für Tage auf "Shutter Island" festhält. Das Ganze liest sich weg wie nix und steckt auch noch voller überraschender Wendungen. Wenn Hitchcock noch am Leben wäre - er hätte sich diesen Stoff gesichert. Jetzt hat das Wolfgang Petersen getan. Den Film sieht man bei Lesen schon vor sich. Genial!

Dennis Lehane: "Shutter Island", Ullstein, 384 Seiten, 22 Euro

Spurensuche

Sie wollte nur was zu trinken holen

Rex und seine Freundin sind auf Urlaubsreise. Doch während eines kurzen Halts an der Tankstelle verschwindet sie spurlos. Jahre später fährt der junge Mann mit einer anderen dieselbe Strecke - und beschließt, eine letzte Suchaktion nach Saskia zu starten. Plötzlich meldet sich jemand, der sie gesehen hat. Tim Krabbés schlauer Psycho-Roman hat erstens einen - zugegeben - merkwürdigen Titel, ist zweitens ein Meisterwerk, drittens in den Niederlanden längst ein moderner Klassiker, und wurde, viertens, gleich zweimal unter dem Titel "Spurlos" (in einer Version mit Kiefer Sutherland und Jeff Bridges) verfilmt.

Tim Krabbé: "Das goldene Ei", Reclam Leipzig, 142 Seiten, 14,90 Euro

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