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Berühmte Hypochonder: Von der Lust am Leiden

Was haben Charlie Chaplin, Harald Schmidt und Thomas Mann gemeinsam? Sie alle waren oder sind Hypochonder. Die Sammlung "Schöner leiden" versammelt höchst amüsante Texte von prominenten Betroffenen.

Charlie Chaplin und Friedrich der Große, Woody Allen, Harald Schmidt, Franz Grillparzer und Thomas Mann - sie alle zählen zu den Heerscharen der Hypochonder dieser Welt. Eingebildete Kranke zelebrieren voller Lust ihre täglich neuen Leiden, lassen sich ihren Tageablauf von der aktuellen Befindlichkeit diktieren und führen akribisch Protokoll. Über "Die schönsten Krankheiten und die größten Hypochonder des Universums" haben Ulf Geyersbach und Rainer Wieland nun die Sammlung "Schöner leiden" herausgegeben, in der höchst amüsante Texte von prominenten Betroffenen gesammelt sind.

Die "Grillenkrankheit", vermerkte einst der stramme Preuße Immanuel Kant, sei "eine Art von Wahnsinn", gegen die vernünftige Menschen gefeit sind. Dass dem offensichtlich nicht so ist, beweisen Zeugnisse begnadeter Künstler und Wissenschaftler über ihre eigenen Zipperlein. Auf hohem Niveau zu leiden, verstand vor allem einer der bekanntesten Hypochonder der Literaturgeschichte: Thomas Mann.

"Ächzend wie Zweige im Herbstwind"

Am 27. Dezember 1951 etwa hat es ihn wieder mal besonders getroffen: "Caviar zum Frühstück", schreibt er selbstmitleidig in sein Tagebuch. "Ernähre mich hauptsächlich mit dieser Mahlzeit, da bei den weiteren ohne Eßlust." Am Weihnachtstag zuvor quälte er sich noch mehr: "Morgens fieberfrei. Schwarze Zunge zum Zeichen der Infektion. Im Bett gefrühstückt. Leichte Schädelschmerzen. Sehr matt." Und sein Berufs- und Leidenskollege Marcel Proust steht ihm da nicht nach: "Wenn man Kummer hat, tut es so wohl, in die Wärme seines Bettes zu sinken, ja, selbst den Kopf unter die Decke zu strecken, um sich dort bar jeder Anstrengung und jeden Widerstands ganz dem Klagen hinzugeben, ächzend wie Zweige im Herbstwind."

Narzisstische Neurose als Ursache

Es gibt wohl kaum eine Krankheit - vom leisesten Kopfweh bis hin zum Zehenkrebs -, die nicht von Hypochondern bemüht würde. Dahinter steckt aus der Sicht der Psychoanalyse nicht selten eine narzisstische Neurose. Jeder Zehnte legt nach Untersuchungen hypochondrisches Verhalten an den Tag. Kein Wunder, meinen die Autoren, wenn die Gesundheitsindustrie sich ständig neue Leiden ausdenkt - sei es das Joggerknie oder Burn-out-Syndrom, Calciummangel, Elektrosmog und saisonale Depression. Da hätten alle "die Qual der Wahl", für den Hypochonder aber ist es "das wahre Paradies."

Ulf Geyersbach/Rainer Wieland: Schöner Leiden - Die schönsten Krankheiten und die größten Hypochonder des Universums
Argon Verlag, Berlin
355 Seiten, Euro 21,90


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Susanna Gilbert-Sättele/DPA / DPA