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Schauspieler und Autor: Bestsellerautor Joachim Meyerhoff über große Erfolge und noch größere Selbstzweifel

Seine Bücher erreichen eine Millionenauflage, seine Theaterauftritte sind umjubelt: Joachim Meyerhoff über die Dämonen des Lebens.

Bestsellerautor Joachim Meyerhoff über große Erfolge und noch größere Selbstzweifel

Im Ein-Personen-Stück "Die Welt im Rücken" spielt Meyerhoff einen manisch-depressiven Mann. Und das erschreckend überzeugend

Herr Meyerhoff, an einer Stelle Ihres neuen Buches stellt Ihnen eine junge Frau diese Frage: "Joachim, wovor hast du Angst?" Und Sie antworten: "Vor Kuchen!"

Ja, er hat diese Frau gerade erst kennengelernt …

Sie sprechen von sich in der dritten Person?

Ja, auch das vierte Buch ist ja ein Roman.

Doch der Held heißt Joachim Meyerhoff, es ist ein autobiografischer Roman.

Nur zum Teil. Einiges habe ich mir ja wieder ausgedacht. Aber wenn ich hier gleich ins Erzählen komme, sage ich bestimmt auch oft "ich". Das geht bei mir quer durcheinander. Besonders bei peinlichen Stellen sage ich gern "er".

Also er, Joachim Meyerhoff, lernt eine Frau kennen und gesteht ihr seine Kuchenangst.

Genau. Er will originell sein, sie beeindrucken, diese sehr intelligente, sprunghafte Frau namens Hanna. Und er verfügt über ein reichhaltiges Reservoir von skurrilen Geschichten. Und eine davon ist die eines mörderisch verunglückten Versuchs, einen Kuchen zu backen.

Joachim Meyerhoff ist zu dieser Zeit Anfang 20, an einem Provinztheater engagiert und unglücklich.

Vor allem ist er einsam. Weg von zu Hause. Ein tot, der Vater und die Großeltern auch. Die Mutter hat einen neuen Partner. Und dann sitzt er da in Bielefeld mit seinen teils seltsamen Kollegen. Da ist er natürlich empfänglich für eine Beziehung.

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, ist seit 2005 Ensemblemitglied des Burgtheaters in Wien. 2007 wurde er zum "Schauspieler des Jahres" gewählt. Er wuchs mit zwei älteren Brüdern in Schleswig auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik Hesterberg auf, die sein Vater Hermann Meyerhoff leitete. 1984 starb sein mittlerer Bruder bei einem Autounfall, als Meyerhoff gerade für ein Jahr in den USA war. Der Tod des Bruders und später auch des Vaters und der geliebten Großeltern waren entscheidende Einschnitte in Meyerhoffs Leben. In bisher drei Büchern erzählt er von seinem Aufwachsen auf dem Anstaltsgelände, seiner für ihn trostlosen Ausbildung zum Schauspieler und seinem Austauschjahr in Amerika. Im neuen Buch "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" geht es vor allem um Meyerhoff und die Frauen. Seine Bücher verkauften sich bisher 1,1 Millionen Mal. Der Autor nennt sie ausdrücklich Romane, obwohl sie wie eine mehrteilige Autobiografie wirken. Was wahr und was ausgedacht ist – darüber schweigt er.

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, ist seit 2005 Ensemblemitglied des Burgtheaters in Wien. 2007 wurde er zum "Schauspieler des Jahres" gewählt. Er wuchs mit zwei älteren Brüdern in Schleswig auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik Hesterberg auf, die sein Vater Hermann Meyerhoff leitete. 1984 starb sein mittlerer Bruder bei einem Autounfall, als Meyerhoff gerade für ein Jahr in den USA war. Der Tod des Bruders und später auch des Vaters und der geliebten Großeltern waren entscheidende Einschnitte in Meyerhoffs Leben. In bisher drei Büchern erzählt er von seinem Aufwachsen auf dem Anstaltsgelände, seiner für ihn trostlosen Ausbildung zum Schauspieler und seinem Austauschjahr in Amerika. Im neuen Buch "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" geht es vor allem um Meyerhoff und die Frauen. Seine Bücher verkauften sich bisher 1,1 Millionen Mal. Der Autor nennt sie ausdrücklich Romane, obwohl sie wie eine mehrteilige Autobiografie wirken. Was wahr und was ausgedacht ist – darüber schweigt er.

Ja, für eine. Aber doch nicht gleich für drei! Wir treffen verwundert auf einen Don-Juan-haften Meyerhoff, der Hanna, Franka und Ilse beinahe zeitgleich verfällt. Wie kam es zu diesem Sündenpfuhl?

Joachim hat in dieser Phase das existenzielle Bedürfnis, irgendwie am Leben teilzunehmen und sich nicht in seiner Trauer und Erfolglosigkeit zu verlieren. Und dann "passieren" ihm diese drei Frauen. Er hat sich bis dahin ja nicht gerade als Lebemann oder geschickter Liebeslogistiker präsentiert, aber irgendwie geht es wie von selbst. Er weiß auch, dass es nicht okay ist. Aber er entdeckt verwundert eine bis dahin unbekannte moralische Skrupellosigkeit in sich und lässt willig alles geschehen.

Drei Frauen, drei Welten – aber keine der Welten durfte in die andere hineinragen.

Absolut nicht. Es war ja auch in jeder Welt ein anderer Joachim am Werk. Das war ja das Schöne. Das hat auch mit meinem nicht sehr stabilen Charakter zu tun. Ich habe Stabilität immer mehr über andere erfahren als durch mich selbst. Ich konnte immer prima an andere andocken und dann denken, das wäre ich.

Schon die ersten drei Bände geben ja erste Einblicke in Ihr Liebesleben. Die Körperlichkeit in der Schauspielschule hat Sie anfangs sehr irritiert …

Irritiert nur einen Tag, die restlichen drei Jahre hat sie mich angewidert. Dieses Geknuddel, Gewuddel, Geknutsche und Gemutschel. Das Zermörsern der Privatsphäre als Berufsbestandteil fand ich schrecklich. Das hat mich längere Zeit zum Asketen gemacht.

Es gibt ja auch im neuen Buch wieder Ausflüge in Ihre Kindheit. Ein Stier-Hodensack wird zu einem sexuellen Schlüsselerlebnis für den kleinen Joachim.

Schlüsselerlebnis, das klingt, als ob die Tür zugefallen ist und gleich der Schlüsseldienst kommt. Mein Vater und ich waren zu einer landwirtschaftlichen Messe gefahren, und da stand ich dann vor einem Gatter und sah dieses riesige Tier. Und ich dachte: Wow, der hat einen Hoden so groß wie meine Tennistasche. Irgendwas machte das mit mir. Später ging es mir dann auch so mit den Mädchen. Man sieht auf einmal etwas Neues in ihnen und fühlt etwas, obwohl der Echoraum noch gar nicht da ist. Etwas ruft in einen hinein. Man kann aber noch nicht antworten.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Pubertät?

Nein, allein deshalb nicht, weil ich das Wort schon so scheußlich finde. Ich will mich nicht an etwas erinnern, das so heißt.

Das ist doch eine wichtige Lebensphase. Da geht es doch richtig los.

Jetzt erinnere ich mich doch. Diese Phase des Erwachens dauerte bei mir vom neunten bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. 16 Jahre. Zum Teil pubertiere ich heute noch. Mit 50!

Und vor der Pubertät war es auch nicht leicht. Als Sie in die Schule kamen, sagte Ihre Lehrerin nach drei Monaten: "Du musst noch reifen", und schickte Sie nach Hause.

Ja, ich hockte monatelang bei uns im Haus und reifte vor mich hin. Das war schlimm. Ich dachte: Jetzt, nach dem Kindergarten, kommt der Aufbruch. Eine neue Zeit beginnt. Endlich Schule, wo ja auch meine Brüder schon waren. Und nach drei Monaten saß ich dann zu Hause verloren wie ein alter Kriegsheimkehrer herum, bis sie mich wieder nahmen.

Rasender, plötzlich ausbrechender Zorn hatte Ihnen in Ihrer Kindheit den Beinamen "die blonde Bombe" verschafft. "Zorn", schreiben Sie "war mein Magma, meine Ursuppe, mein Glutkern." Woher stammt diese Wut, diese Raserei?

Weil es nicht passte. Weil ich nicht passte. In die Welt. Zu den anderen. Ich wollte aber passen, doch es ging nicht. Und das machte mich in bestimmten Situationen irrsinnig wütend. Es war wie eine Entladung, um ein Ungleichgewicht zu beseitigen.

Und Ihre Brüder nutzten diese Situationen oft genüsslich aus.

Ja! Sie kannten die Triggerpunkte. Ein falsches Wort, und es kam zum nuklearen Inferno – die blonde Bombe ging hoch.

Sie waren zudem hyperaktiv. ADHS wäre wohl heute die Diagnose. Aber Sie haben keine Medikamente bekommen.

Und trotzdem überlebt. Hätte es die jetzt üblichen Tabletten schon gegeben, wäre ich wohl dennoch von ihnen verschont geblieben. Aber wer weiß: Vielleicht hätte mich auch mein eigener Vater sediert. In bestimmten Situationen hätte ich es ihm nicht verdenken können.

Kommt es zu den Zornesausbrüchen heute noch?

Nein. Oder besser: eher selten. Wenn etwas gar nicht passen will, spüre ich es aber schon noch wallen in mir.

Ich habe Sie kürzlich im Theaterstück "Die Welt im Rücken" gesehen. Da spielen Sie – ganz allein auf der Bühne – einen manisch-depressiven Mann. Erschreckend überzeugend. Wie viel von dieser Figur steckt in Ihnen?

Da ich diese Figur spiele, steckt natürlich etwas von mir in ihr. Rein formal. Aber erst seit ich das großartige Buch von kenne, das dem Stück zugrunde liegt, weiß ich, wie normal ich bin, wie gesund, trotz aller Befindlichkeits-Irritationen. Durch diesen Wahn, diese tiefen Täler wie Melle möchte ich nie schreiten. Und ich kenne sie zum Glück auch nicht.

Haben Sie Ängste?

Na klar, wie jeder habe ich , die ich in Schach halten muss. In meinem Beruf sind sie allerdings oft herzlich willkommen, weil man beim Spielen gern alle Zugbrücken runterlässt und sie einlädt.

Und? Gehen die Dämonen auch wieder?

Das ist die Frage. Meist erst, wenn man dreimal gesagt hat: Wir machen Schluss für heute.

Sie taten sich etliche Jahre sehr schwer mit der Schauspielerei. Sie waren vor Ihrer Ausbildung fast nie im Theater, und Lesen machte Sie nervös. Wie um Himmels willen sind Sie überhaupt auf den Gedanken gekommen, Schauspieler zu werden?

Vielleicht wollte ich einfach das tun, was überhaupt nicht infrage kam. Genau das Gegenteil von dem tun, was richtig für mich erschien. Aber vielleicht ahnte ich auch etwas in mir. Etwas, das schon diffus am Entstehen war.

Ihre geliebte Großmutter war ja auch Schauspielerin.

Ja, natürlich hat auch meine Großmutter, diese faszinierende Diva, ihre Spuren in mir hinterlassen. Ich war ja kein Bauernkind von der Hallig. Aber ein richtiger Schauspieler zu werden – das war wirklich ein sehr langer und sehr mühsamer Weg. Oft dachte ich, ich schaffe es nie.

"Auf der Bühne glaubte ich mir kein Wort", schreiben Sie. Und jetzt sind Sie ein gefeierter Burg-Schauspieler.

Ja, irre, nicht?

Wann wurde es besser?

Als ich von Dortmund nach Köln ging. Die Kollegen dort waren besser. Und dadurch wurde auch ich besser. Besser, aber noch lange nicht richtig gut.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie damals nicht auf die Schauspielschule gegangen wären?

Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Vielleicht habe ich auch deshalb all die Jahre durchgehalten, weil ich einfach nicht wusste, was ich sonst hätten machen sollen.

"Ich konnte nichts, außer begeistert sein", schreiben Sie über die Zeit in der Ausbildung. Heute können Sie viel, aber sind Sie noch begeistert?

Ich übe meinen Beruf ja nun schon lange Zeit aus. Und es gab und gibt auch mal Phasen der Ernüchterung. Aber ich weiß mich schon noch zu begeistern. Ohne Begeisterung macht dieser Beruf keinen Sinn. Das ist die Voraussetzung, dass auf der Bühne überhaupt was passieren kann. Und gerade vom Stück "Die Welt im Rücken" bin ich zurzeit hellauf begeistert. Ein schönes Wort, merke ich gerade: "hellauf". Das ist das Gegenteil von "dunkelzu".

Man spürt Ihre Freude am Formulieren. Wie schreiben Sie? Wie im Rausch – oder quälen Sie sich?

Es gibt beides. Manchmal brüte ich zwei Stunden über einer Stelle, mal fliegt mir was zu. Manchmal habe ich nachts Eingebungen. Dann springe ich aus dem Bett und schreibe sie sofort auf.

Wer inspiriert Sie?

Neulich trug ich zu Hause eines meiner Lieblings-T-Shirts. Es hat schon einige Löcher. Mein dreijähriger Sohn sah mich an und sagte: "Papa, du siehst aus wie meine Blockflöte." Das ist Weltliteratur. Besser geht es nicht. Von Kindern kann man viel lernen.

Immer wieder hört man, wie komisch Ihre Bücher sind. Das stimmt ja auch, aber ist Ihr Schreiben nicht vor allem auch Trauerarbeit, um mit dem Tod Ihrer Familienmitglieder fertig zu werden?

Ich mag das Wort Trauerarbeit nicht. Das klingt so, als würde man da was wegarbeiten, und dann ist Feierabend. Bei mir ist das nicht so. Aber ja, die Trauer spielt in meinen Büchern eine wichtige Rolle. Sie ist der Urgrund, in dem das Erzählte wurzelt. Klar sind die Bücher komisch. Aber die Komik ist wie ein kleines Boot, das oben auf dem Meer unter einem blauen Himmel schunkelt. Doch es hat einen Anker. Und dieser Anker steckt weit unten auf dem dunklen Meeresboden tief in der Trauer und hält die Position, damit die Komik nicht abtreibt.

Ihre Bücher scheinen durchzogen zu sein von einem permanenten Gefühl der Verwunderung über sich selbst und einer tiefen Sehnsucht nach Ruhe und Frieden.

Die Verwunderung unterschreibe ich sofort. Ich wundere mich ununterbrochen über das, was um mich herum geschieht.

Auch über sich selbst?

Das besonders. Manchmal beobachte ich mich und denke: Warum tut Joachim das! Das war schon im meiner Kindheit so. Einmal waren wir mit der Familie auf Elba am Strand, und ich zog mich plötzlich aus, ging rüber zum FKK-Bereich und legte mich in den Sand zu den anderen Nackten. Warum, weiß ich nicht. Aber ich habe mich zumindest sehr über mich gewundert. Und meine Familie ebenso. Was war noch mal das andere, was Sie aus meinen Büchern herausdestilliert haben?

Die tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden.

Da muss ich widersprechen. Würde mir heute einer sagen: Du musst kein Schauspieler mehr sein. Du musst gar nichts mehr tun. Für alles ist gesorgt. Sieh: Dort ist ein Ort der Ruhe und des Friedens. Setz dich! Also nach drei Sekunden an diesem Ort hätte ich Suizidgedanken.

Wird es noch ein weiteres Buch geben?

Ich weiß es nicht. Das neue endet ja anders als die anderen. Da wird mit etwas abgeschlossen. Joachim ist erwachsen geworden. Er lässt seine Toten ruhen. Ich glaube, sonst wären sie irgendwann zu mir gekommen und hätten gesagt: Ist gut jetzt, Joachim. Mit all den Büchern über uns. Du musst uns ziehen lassen. Und das habe ich getan.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo