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stern-Gespräch

"In der Tabuzone": "Eine Frau ohne Cellulite gibt es nicht" - Autorin Yael Adler über Sex, Juckreiz und Körpersäfte

Die Hautärztin und Bestsellerautorin Yael Adler redet offen über alles, was den meisten Menschen peinlich ist: Sex, Juckreiz, Körpersäfte. Denn Tabus können krank machen.

Yael Adler im Interview mit dem stern

Frau Adler, Charlotte Roche hat sich literarisch in Feuchtgebiete gewagt, körperliche Säfte und Gebrechen im Detail beschrieben. Jetzt beschäftigen Sie sich aus medizinischer Sicht mit Dingen, über die man angeblich nicht spricht. Muss das denn sein?

Das muss sein, ja. Es gibt immer noch zu viele Tabus, körperliche Probleme, die Menschen peinlich sind. Wenn ein Betroffener aber nicht über diese Beschwerden spricht, wird er vielleicht nie gesund oder gefährdet sogar andere. Manche schämen sich, über Geschlechtskrankheiten zusprechen, andere reden nicht über ihre Läuse. Schamgefühle haben etwas mit Moral zu tun, mit gesellschaftlichen Erwartungen. Medizinisch sind die nicht immer empfehlenswert.

Wenn's um Moral geht, geht es meistens um den Lendenbereich.

Der Intimbereich, Sex, ist natürlich schambehaftet, ein Klassiker. Aber heikel sind auch Pofalte, Darm oder die Menstruation – und alles, was mit Alter und Tod zu tun hat, was uns daran erinnert, dass wir krank sein können oder siechen. Wenn Männer schnarchen oder Erektionsstörungen haben, wenn bei Frauen die Brüste hängen oder die Haare ausfallen, dann sind das in unserer narzisstischen Gesellschaft Kränkungen, das ist peinlich. Denn wir wollen jung und schön bleiben. Gefotoshopt, aufgespritzt oder irgendwie anders repariert. Das ist dann egal. Hauptsache, wir vertuschen unseren Verfall.

Ist das ein Altersphänomen?

Nö, überhaupt nicht. In meine Praxis kommen auch Jugendliche. Die leiden darunter, dass sie nicht aussehen wie Barbiepuppen, dass es auf ihren Körpern Flecken gibt, Knubbel, Dehnungsstreifen. Das ist so ganz anders als in Zeitschriften oder in Youtube-Videos. Brüste sind asymmetrisch, der ganze Körper ist asymmetrisch. Das ist ihnen alles peinlich.

Adler fordert ihre Patienten und ihr Publikum heraus. Vielen, so ihr Befund, sei die Sinnlichkeit abhandengekommen

Adler fordert ihre Patienten und ihr Publikum heraus. Vielen, so ihr Befund, sei die Sinnlichkeit abhandengekommen

Das nennt man Pubertät.

Die ist es nicht allein. Nehmen Sie doch ein anderes Beispiel, die Cellulite. Weibliche Östrogene sorgen dafür, dass unser Bindegewebe dellig wird, damit eine Frau während der Schwangerschaft schnell Fett einlagern kann. Das ist etwas Urweibliches. Eine Frau ohne Cellulite gibt es nicht. Und trotzdem werden diese Dellen als Makel empfunden. Die Frauen schämen sich.

Aber die Schamzone ist doch eine Fiktion. Wenn ich ins Internet gehe, dann wird dort alles, wirklich alles gezeigt und diskutiert.

Ich gehe von dem aus, was ich mit Patienten erlebe. Und da ist die Scham echt, wirklich, die Fiktion finde ich oft eher im Internet. Dort wird Perfektion gezeigt: die Superperformance beim Sex in Pornos, diese perfekten, rasierten, makellosen Körper. Normale Menschen sind anders. Und die messen sich an so etwas und geraten unter Druck, besonders Jugendliche.

Wissen die Menschen zu wenig über ihren eigenen Körper?

Es ist ein Grundrecht, den eigenen Körper zu verstehen. Aber zu wenige nehmen dieses Grundrecht wahr. Viele wissen nicht, wie das oder jenes genau funktioniert, wissen nicht, was ihrem Körper guttut. Das Gespür für die eigene Körperlichkeit kann so erst gar nicht entstehen, bei anderen ist es abhandengekommen.

Und jetzt leisten Sie quasi ganzheitliche Aufklärungsarbeit, wie einst Dr. Sommer in der "Bravo".

Nicht ganz. Dr. Sommer redet nur über Sex. Ich rede auch über Sex, aber eben auch über viele andere Themen – und ich richte mich nicht nur an Jugendliche.

"Wir müssen raus ins Leben", hat der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel seine Genossen aufgefordert, dahin, "wo es laut ist, wo es brodelt, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt." Sie sind schon da, klären auf über Probleme mit Magen, Mundgeruch oder Menstruationstassen. Macht das Spaß?

Es gehört zur Medizin und zum Menschen. Ich habe als Hautärztin eine sinnliche Wahrnehmung, betrachte, fasse an, rieche. Mein Großvater war auch Hautarzt. Ich habe ihn nicht mehr erlebt, aber seine Bücher gelesen. Damals wurden Hautkrankheiten abgemalt. Bunt. Sehr detailliert. Mich hat das fasziniert. Jeder Mensch, jeder Körper, ist für mich ein Bild mit besonderen Eigenschaften, das man interpretieren muss, um zu helfen.

Yael Adler: "Darüber spricht man nicht", Droemer Knaur, 16,99 Euro

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Sie haben eine ganze Palette an Tabus ausgemacht, mit denen fast jeder etwas anfangen kann. Sollen wir mal darüber sprechen?

Klar.

Dann vervollständigen Sie bitte folgenden Satz. Mundgeruch ist ein besonderes Tabu ...

... weil es meist andere braucht, um ihn überhaupt zu bemerken. Und dann ist es für die anderen heikel, den Betroffenen darauf hinzuweisen. Unterlässt man es, geht die Umwelt bisweilen auf Abstand, und die Betroffenen geraten womöglich in die soziale Isolation. Man kann sie einfach nicht riechen. Auch kann eine Erkrankung dahinterstecken.

Was kann man denn gegen Mundgeruch tun?

In 90 Prozent der Fälle liegt die Ursache im Mund selbst, ansonsten können Probleme im Magen, mit Medikamenten oder im Stoffwechsel die Ursache sein. Aber zunächst ist es wichtig, zum Zahnarzt zu gehen. Der macht eine Prophylaxe und prüft, ob es etwa Zahnfleischtaschen gibt, in denen sich etwas ansammelt. Bakterien. Parodontitis. Neben Zahnseide hilft auch eine Zungenbürste und das Ausmelken zerklüfteter Mandeln mit dem Finger.

Wie geht das denn?

Es gibt Menschen, die haben sehr große Mandeln und öfter Mundgeruch, weil in den Mandeln tiefe Taschen sind, Krypten, und da kann Schmodder drinstecken. Wenn man krass ist, kann man mit dem Finger über die Mandeln gehen. Dann kommen manchmal sogar kleine Mandelsteine raus.

Und die Zungenbürste?

Ja, die Zunge ist wie ein Hochflorteppich. Und da sitzen Bakterien, die riechen können. Da hilft Schrubben mit einer knackig harten Bürste.

Ergänzen Sie bitte auch diesen Satz: Erektionsstörungen lassen sich oft dadurch beheben, dass ...

... man für Entspannung sorgt, zur Ruhe kommt, damit der Parasympathikus aktiv werden kann, jener Teil des vegetativen Nervensystems, der für die gute Penisdurchblutung sorgt. Und wenn eine Partnerin dabei ist, sollte sie sich möglichst gelassen geben, über Brokkolisuppe reden oder das Wetter. Und dann wird das oft wieder.

Andere helfen sich nicht mit reden, sondern mit Medikamenten, etwa mit Viagra.

Das ist auch nicht schlecht, weil die Durchblutung dem Penis hilft, mit Sauerstoff versorgt zu werden, was wiederum dem Gewebe guttut. Regelmäßiges Training, also entweder Sex oder selber Hand anlegen, ist ohnehin nötig, damit da Sauerstoff hinkommt. Use it or lose it, nutz es oder verlier es, der Spruch stimmt.

Ich habe bei Ihnen von dem Phänomen "Yoni Cucumber Cleanse" gelesen. Frisch geschälte Gurken eignen sich also zur Reinigung des weiblichen Intimbereichs ...

... gar nicht. Ich kann da nur dringend von abraten. In die Vagina darf man keine Gurken einführen, weder geschält noch ungeschält, weil da sehr viele Erreger drauf sind. Die können eine Infektion hervorrufen. Finger weg davon.

Ein Thema scheint Ihnen besonders am Herzen zu liegen: Haarausfall bei Frauen. Warum?

Haare sind ein Symbol für Weiblichkeit, Fruchtbarkeit und Gesundheit. Wenn Haare glänzen, wenn sie voll sind, wenn die Kopfhaut nicht schuppt, dann ist das wie ein Ausruf: 'Guckt mal! Ich bin gesund, die Hormonlage ist gut, ich bin eine potenzielle Partnerin.' Das sind Urreflexe. Krankes, ausfallendes Haar signalisiert das Gegenteil.

Sie versprechen Rettung.

Versprechen kann ich das nicht. Aber ich bemühe mich darum. Sehr oft ist ein irgendwie gestörtes Gleichgewicht die Ursache. Und das gilt es, wiederherzustellen. Im menschlichen Körper gibt es immer ein Für und ein Wider, eine Entzündung und ein Anti-Entzündung, stimulierende und hemmende Hormone, liebe und böse Bakterien. Vor allem die Mikroorganismen sind wichtig, unsere Mitbewohner. Wir ahnen ja gar nicht, dass wir nicht allein sind. Wir bestehen aus unzähligen Helfern, sind eigentlich eher ein multiples Ich.

?. Das ist mir zu hoch, können Sie das erklären?

Diese Mikroorganismen sind ein so wichtiger Teil des Körpers, dass sich Wissenschaftler fragen, ob sie auch Teil der Persönlichkeit sind. Ich bin nicht nur ein Ich-ich, sondern ich bin auch diese Mitbewohner.

Eine Wohngemeinschaft in meinem Körper?

Ich brauche die Bakterien in meinem Darm und auf meiner Haut und auf meinen Schleimhäuten, um gesund zu sein und zu leben. Und wenn die aus der Balance sind, dann werde ich krank. Dass eine Frau nach dem Geschlechtsverkehr nicht eine schreckliche Infektion bekommt, liegt an Milchsäurebakterien. Die ätzen alle Feinde weg, pH-Wert 3,8 bis 4,2, wie ein guter Wein. Die Haut, der Magen. Überall, wo Abwehr betrieben werden muss, sind wir sauer. Wenn das aus dem Lot gerät, werden wir krank.

Und wie hängt das mit den Haaren zusammen?

Ich hatte eine Patientin, die seit vielen Jahren nur noch mit Perücke nach draußen ging, weil sie sich als Frau für ihr schütteres Haar schämte. Ich habe ihr Blut und ihre Darmflora untersucht und dann saniert.

?. Womit?

Das Blut mit Mikronährstoffen, die der Frau gefehlt haben: Zink, Biotin, Eisen, Silicium, und den Darm mit Ballaststoffen, ein paar Milchsäurebakterien und Bifido-Bakterien. Nichts Spektakuläres. Das ist es eben. Sie war nicht krank, sie war nur komplett aus der Balance. Vier Monate später kam sie wieder in meine Praxis, mit Perücke. Dann hat sie die Perücke abgenommen, darunter wuchs kurzes, volles Haar. Ich krieg jetzt noch eine Gänsehaut.

?. Auf dem Kopf wollen alle Haare haben, unter den Achseln und untenrum nicht. Was ist da medizinisch richtig?

Beides hat Vor- und Nachteile. Man muss die jeweils nur kennen. Achsel- und Schamhaare sind Platzhalter. Sie verhindern, dass Haut auf Haut liegt. Dass eine feuchte Kammer entsteht und sich Bakterien dort vermehren können. Die Haare funktionieren wie eine Klimaanlage, trocknen, belüften, auch im Schritt. Sie verringern damit Infektionen. Außerdem sind Schamhaare ein Duftverstäuber und für die sexuelle Kommunikation wichtig, um eine zentrale Frage bei der Partnerwahl schnell zu klären: Kannst du mich riechen?

Also, stehen lassen?

Nicht zwingend. Der Nachteil ist, dass Haare auch Anklebfläche für Bakterien bieten. Für manche Typen ist es deshalb angenehmer, sie zu entfernen. Im Kern ist das nicht nur eine medizinische Frage, sondern auch eine Geschmacksfrage. Ich fahre oft mit einem Taxifahrer. Der hält mit gar nichts hinterm Berg. Der findet Haare an Frauen mega. Überall! Der hat halt eher einen ursprünglichen Geschmack.

Aber mit dem Archaischen haben Sie's doch auch. Sie führen viele unserer Gebrechen darauf zurück, dass wir uns zu zivilisiert verhalten.

Unser Körper befindet sich noch in der Steinzeit. Er ist eingestellt auf die Bedingungen von damals und hat sich in den vergangenen Jahrhunderten evolutionär kaum verändert. Deswegen überfordern ihn viele moderne Zivilisationsdinge, bringen ihn aus dem Gleichgewicht – und machen uns krank.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie den Darm. Viele Leute kommen in meine Praxis und glauben, sie haben eine Nahrungsmittelallergie. Das ist ja auch irgendwie schick. Aber tatsächlich haben so etwas nur zwei, drei Prozent der Patienten. Die anderen leiden meist unter einem Reizdarm, eine Zivilisationskrankheit. Wir essen zu viel verarbeitete Lebensmittel, mit Pestiziden gezüchtet, kaum Ballaststoffe, dafür reichlich Konservierungsstoffe und zu viel Salz. Wir nehmen Antibiotika. Das schadet alles der Darmflora und führt zu Reizdarm, Bauchschmerzen, Blähungen, Entzündungen an der Haut.

Was folgt daraus? Mehl, Brot, Nudeln, Zucker – alles Teufelszeug?

Weizen ist ein Zivilisationsprodukt, total hochgezüchtet, es enthält Gluten. Viele Menschen profitieren davon, wenn sie verzichten, selbst wenn sie keine nachgewiesene immunologische Unverträglichkeit haben. Zucker, Kuhmilch, das alles gab es in dieser Form in der Steinzeit nicht. Die Mengen, die wir davon zu uns nehmen, verändern den Körper, ärgern das Immunsystem. Wenn man das alles weglässt, ist viel geholfen. Der Darm heilt ab, die Haut heilt ab.

Was essen Sie denn?

Das, was ich predige, mach ich auch. Ich liebe Salate, Gemüse, Nüsse und Saaten, auch mal Fisch, ganz selten Fleisch. Ich reduziere Milch, mag allerdings gerne fermentierte Milchprodukte wie Joghurt, Quark, Käse.

Sie haben Ihre Privatpraxis in Berlin-Grunewald. Hier gibt's schöne Villen, Porsche parkt an Porsche. Warum behandeln Sie denn nur die Reichen?

Ich betrachte und berate Patienten ganzheitlich, nicht alle sind privat versichert, auch gesetzlich Versicherte nutzen mich als medizinischen Lotsen. Das kostet Zeit. Die gesetzlichen Krankenversicherungen bezahlen aber nur nach ihrem Wirtschaftlichkeitsgebot: Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein und dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Das ist für viele gesundheitliche Probleme und Leiden aber eben nicht genug.

Yael Adler: "Darüber spricht man nicht", Droemer Knaur, 16,99 Euro

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Ihre Begeisterung für die Natürlichkeit der Steinzeit hält Sie nicht davon ab, in Ihrer Praxis auch munter Botox zu spritzen. Wie passt das zusammen?

Ich bin nicht nur Öko-Ärztin, sondern mache eben auch ästhetische Medizin. Botox ist seit den 70er Jahren ein sehr sicheres, erprobtes Medikament gegen viele Leiden mit sehr wenigen Nebenwirkungen. Nach gründlicher Aufklärung habe ich damit überhaupt kein Problem, empfehle aber allenfalls einen dezenten Einsatz, da maskenhafte, lahmgelegte Gesichter das Gegenteil von schön sind.

Wir haben über Ihren Großvater gesprochen, den Hautarzt. Was haben Sie von ihm über den Umgang mit Tabus gelernt?

Meine Mutter hat mir erzählt, dass oft, wenn sie mit ihm durch die Stadt lief, irgendwelche Frauen anhielten, ihre Röcke hochhoben und trällerten: Schauen Sie doch, Herr Doktor, ist alles wieder gut! Für meine Mutter war das immer ein bisschen peinlich. Ich finde das toll.

Und was sagen Ihre Söhne dazu, wenn Sie mitkriegen, dass Sie über Intimpiercings dozieren?

Manchmal ist ihnen das peinlich, klar. Auf Youtube gibt's ein Video über Peniswarzen. Das hat ein Schulkamerad gefunden, und dann hat das natürlich die ganze Klasse geguckt. Aber ich glaube auch, dass die ein bisschen stolz sind. Die kriegen mit, dass die Jugendlichen in ihrem Alter über diese Themen sprechen und Probleme haben –und manchmal können meine Söhne sogar weiterhelfen. Ich habe auch schon den Spruch gehört: Was für eine coole Mutter.

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