HOME
Buchrezension

"Drei Uhr morgens": Vater und Sohn müssen 48 Stunden wach bleiben – eine Zeit, die ihr Leben verändert

Für einen neurologischen Befund muss Teenager Antonio mit seinem Vater zu seinem Arzt nach Marseille. Vor Ort erfahren die beiden, dass sie 48 Stunden nicht schlafen dürfen. In dieser Zeit entdecken sie sich und was sie nie voneinander wussten.

Ein Mann auf einer Kreuzfahrt vor Marseille

Durch eine Bootsfahrt vor Marseille lernen Vater und Sohn Französinnen kennen, die sie auf eine Party einladen – die beiden sagen zu, Zeit haben sie ja genug

Getty Images

Es muss wohl so mit sieben Jahren das erste Mal passiert sein, dass Antonio ein merkwürdiges Phänomen bei sich feststellte. Etwa einmal im Monat verfiel er in einen Zustand, der anders war als sonst. Überdeutlich nahm der junge Italiener wahr, was um ihn herum passierte – und zwar alles davon. Gleichzeitig setzte eine Unfähigkeit ein, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Als dieser Zustand einmal eintrat, während Antonio bei einem Freund zu Hause Fußball spielte und er zudem noch in Ohnmacht fiel, wurde dessen Mutter darauf aufmerksam. Die wiederum telefonierte mit Antonios Mutter und erzählte von dem Vorfall. Der erste Besuch bei einem freundlichen, alten Arzt ergab: "Das verwächst sich." Später, als Teenager, jedoch war ein weiterer Anfall Antonios so heftig, dass seine Eltern ihn ins Krankenhaus brachten. Die Diagnose: Idiopathische Epilepsie. Therapie: laute Orte meiden, kein Sport, früh ins Bett und zahlreiche Medikamente. Begleiterscheinung dieses hyperstrukturierten Lebens: Depressionen.

Nur gut zehn Seiten braucht der italienische Autor Gianrico Carofiglio, um das Setting für seinen Roman zu umreißen. Ich-Erzähler Antonio blickt mit 50 Jahren auf sein Leben zurück, beziehungsweise auf ein einschneidendes Erlebnis, für das seine Erkrankung den Anlass gab. Sie war der Grund, dass seine Eltern mit ihm eines Tages einen Spezialisten in Marseille aufsuchten. Die heimische Diagnose hatte sie nicht überzeugt und obwohl die beiden sich inzwischen getrennt hatten, fühlten sie sich gemeinsam für die Gesundheit ihres Sohnes verantwortlich.

Cover mit einer Brücke, die ins Meer ragt

"Drei Uhr morgens" von Gianrico Carofiglio, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Folio Verlag, gebunden, 20 Euro, hier bestellbar

Ein neuer Arzt, ein neues Leben

In Marseille begegnet Antonio einem Experten für Epilepsie, der es schafft, die Krankheit nicht wie ein Stigma für Minderwertigkeitskomplexe aussehen zu lassen. Er forsche zu dem Zusammenhang zwischen Epilepsie und künstlerischer Begabung, erklärt der coole Doktor, der auch noch wie ein Schauspieler aussieht, und listet Antonio eine Reihe beeindruckender Namen von Menschen auf, die ebenfalls diese Krankheit hatten – von Aristoteles bis Leonardo da Vinci. Als er ihm anschließend erlaubt, all das wieder zu tun, was ihm früher Spaß gemacht hat, fühlt Antonio sich endlich wieder wie ein normaler Mensch. In drei Jahren müsse er wiederkommen, sagte der Arzt. Und ein einziges Medikament reiche aus.

Antonio stieg wieder ein, ins normale Leben. Er genoss es. Er war glücklich. Er vergaß seine Erkrankung. Deshalb war er nicht begeistert, als sein Vater ihm drei Jahre später sagte, es sei nun die Zeit gekommen, noch einmal nach Marseille zu reisen. Diesmal fuhren sie zu zweit, weil seine Mutter eine berufliche Verpflichtung hatte, an der ihr Herz hing – worüber Antonio ganz froh war, der sich in Anwesenheit beider Elternteile seit der Trennung eher unwohl fühlte. Als Vater und Sohn losfuhren, glaubten sie, es sei für eine Nacht. Doch da irrten sie sich.

Gianrico Carofiglio

Gianrico Carofiglio, geb. 1961 in Bari, arbeitete seit 2007 als Antimafia-Staatsanwalt und Berater des italienischen Parlaments, von 2008 bis 2013 war er Mitglied des Senats. Von seinen Büchern wurden allein in Italien mehr als 4 Millionen Stück verkauft, sie wurden in 27 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen geehrt.

48 Stunden, die alles verändern

Um es kurz zu machen und nicht zu spoilern: Der französische Arzt eröffnet den beiden, dass sie eine Art Test bestehen müssten, um sicherzugehen, dass Antonio geheilt ist: 48 Stunden ohne Medikamente und ohne Schlaf bei ganz normaler Belastung. Es dürfe also ruhig zwischendurch auch mal ein Glas Alkohol geben. Und hier beginnt Carofiglio mit seinem eigentlichen Abenteuer, zu dem er den Leser mitnimmt. Der Autor schafft es, die Stadt Marseille einzufangen, die Begleiterscheinungen des Schlafentzugs und die die Gedanken eines vom Vater entfremdeten Jungen, der bei seiner Mutter aufwächst. Das plötzliche Gefühl, zu erkennen und zu begreifen. Während der Vater parallel sein eigenes Ich wiederfindet und lernt, seinen Teenager-Sohn als ernstzunehmenden Erwachsenen zu betrachten.

Dieses Buch hätte dreimal so lang sein dürfen, ohne dass es eine Sekunde langweilig geworden wäre. Beim Zuklappen von "Drei Uhr morgens" verlässt der Leser zwei Freunde, die er gern behalten hätte – allein um sicherzustellen, dass es ihnen in Zukunft gut geht.

Dieser Artikel enthält sogenannte Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Themen in diesem Artikel