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Buch über MP3: Die (il)legale Revolution

Der Journalist Stephen Witt hat ein Buch über die MP3-Datei geschrieben. Nein, keinen Technik-Band, sondern einen John-Grisham-mäßigen Gesellschaftssthriller. Mit einigen Geständnissen.

Von Jochen Siemens

Was für ein Buch! Schon nach den ersten 15 Seiten muss man es kurz beiseite legen, um nachzudenken. Stimmt es wirklich, dass unser Ohr Musik gar nicht so hören kann wie wir glauben? Dass wir bei Mozarts Klaviersonaten nicht jeden kleinen Tastenschlag mitbekommen und bei Pharrell Williams "Freedom" es die kleinen Achteltöne gar nicht bis ins Ohr schaffen? Tatsächlich. Das Ohr braucht und vermisst sie nicht. In den Jahrtausenden der Evolution hat es sich auf menschliche Stimmen und das Fauchen von Raubtieren fokussiert,und viele andere Töne nicht so wichtig genommen, fand der Psychoakustiker Eberhard Zwicker einst heraus. Anfang der 80er las der Elektrotechniker Karlheinz Brandenburg davon. Damals saß er in den Laboren des Fraunhofer-Instituts in Erlangen, wo sie aus Steuermitteln finanziert an der Zukunft forschten.

Die CD war gerade erfunden worden, zum ersten Mal hatte man Musik zu einer Datei gemacht und das war sagenhaft, denn Dateien konnte man speichern und auch verschicken, theoretisch jedenfalls. Vorher gab es nur Vinyl und Magnettonbänder. Blöd nur, dass die CD ein Datenmonstrum war, es hätte einen halben Tag gedauert auch nur ein Lied über eine Telefonleitung zu senden. So, bis hierhin ist das eine Geschichte von Laboren mit Kabeln und Menschen in weißen Kitteln mit grauen Bärten und Brillen, die Sachen sagen, die außer ihnen keiner versteht, "Subband-Transformation" zum Beispiel.

Wer denkt, ach, so ein Technik-Buch, irrt

Aber jetzt kommt's. Denn Karlheinz Brandenburg ließ das mit dem Ohr das nicht alles hört, nicht los. Die meisten Daten auf einer Musik-CD waren sinnlos, es reichten doch die, die man hören kann. Das Wort für die Erfindung seines Teams war klein: MP3. Aber die Wirkung und die Revolution, die um die Welt ging, waren unglaublich. Wie unglaublich und erschütternd und gesellschaftsverändernd hat nun der Journalist Stephen Witt in seinem Buch „How Music got free“ aufgeschrieben. Und wer nun denkt, ach, so ein Technik-Buch, irrt.

Stephen Witts "How Music go free" ist am 13. August im Eichborn-Verlag erschienen.

Stephen Witts "How Music go free" ist am 13. August im Eichborn-Verlag erschienen.

 Witt hat jahrelang in allen Winkeln recherchiert und daraus einen Gesellschaftsthriller gemacht, der in den Labors von Erlangen, Hochhäusern von Manhattan, den Straßen von Las Vegas und den aufgepimpten Autos von CD-Fabrikarbeitern in North Carolina spielt und sich so rasant liest wie ein Buch von John Grisham. Technisch braucht man nur das Verständnis ein Radio laut oder leise zu drehen, Witt erzählt das alles für Laien. Vielmehr allerdings ist seine Geschichte der "Befreiung" der Musik auch eine Geschichte darüber, wie selbstverständlich wir uns im Netz bedienen wenn es gratis ist und wie schnell wir das Urheberrecht zwei Mausklicks lang vergessen, wenn ein Song oder ein Film für "umme" zu streamen ist. Und Schuld ist, na ja, irgendwie schon der Forscher Brandenburg, obwohl er das nicht wollte.Brandenburg

Und zurück zu ihm und MP3. Kurz, sehr kurz geschildert war die Erfindung seines Teams simpel: Sie zerlegten die Daten eines Musikstückes in alle Einzelheiten, ähnlich den Pixeln eines Fotos. Und setzten dann nur die Daten wieder zusammen, die das menschliche Ohr hören konnte, die anderen vernachlässigten sie, ähnlich wie auf einem Foto wenn man am Bildrand die Farben etwas blasser macht. Oder, ein musiklisches Beispiel, die leisen Töne einer Geige vor einem Paukenschlag hört das Ohr kaum, weil der Paukenschlag die Schallwellen der leisen Geige auf dem Weg ins Ohr einfach überrennt. So ließen sich die Daten einer CD auf ein Zwölftel ihres Umfanges komprimieren ohne dass es nennenswerte Hörverluste gab. Der Clou war, dass sich Musik nun fast in Echtzeit über Leitungen verschicken ließ. Leitungen, welche Leitungen?

Eine Reise in die Chefetage der Musikkonzerne

Ja genau, Anfang der 90er Jahre war das Internet noch mehr eine Idee als Wirklichkeit, wie und wohin sollte man MP3-Musik verschicken? Und wer sollte sie worauf abspielen? Der iPod war noch weit weg. Und die Musikindustrie interessierte sich nur dafür, dass alle Vinyl-Plattenbesitzer auf CD umrüsteten was Millionen von Dollars einschaufelte. MP3? Nie gehört. Und hier wird Witts Buch nun zu einer Reise in die Chefbüros der Musikkonzerne, der Intrigen und Kämpfe um Künstler, Manager werden gefeuert, heuern woanders an, gründen neue Firmen, scheitern oder siegen, es ist der Kampf von Giganten um die Dollars von Menschen, die Musik hören und damit erwachsen werden, tanzen, sich verlieben, kurz, für Musik die zum Leben gehört.

Menschen wie Dell Glover, einem Schwarzen der als Hilfsarbeiter in einer Fabrik in North Carolina am Fließband steht und CDs verpackt. Dann wird in Las Vegas der Rapper Tupac Shakur in einem Auto erschossen und die CD-Verkäufe seiner Hits rasen in die Höhe. Auch Dell Glover mag Tupacs Musik und er hat einen Computer und hört über eine heimliche Datentauschbörse im Internet zum erstenmal Tupac-Songs auf seinem Computer. Gratis. Eine MP3-Datei. Irgendwo geklaut und im Netz verschickt. Glover schmuggelt die ersten CDs aus der Fabrik. CDs die noch gar nicht auf dem Markt sind und verkauft sie. Momente später sind sie im Netz. Und Filme auch. Und Spiele. Das Netz ist ein gigantischer Schwarzmarkt. Und alles was man hören kann hat die Endung mp3. Der Musikschwarzmarkt bekommt später einen Namen: Napster, die Tauschbörse mit Anfangs schon 20 Millionen "Kunden". Und so ging das weiter.

Gentleman-Illegalität

Natürlich war das alles illegal, aber es war ein gefühltes Gentleman-illegal. Stephen Witt gesteht selbst, Musik gekapert zu haben und der Autor dieser Zeilen auch. Denn die Folgen dieser Gratis-Kultur und des ständigen Urheberrechts-Diebstahls waren nicht sichtbar. Im Gegenteil, die Westcoast-Rapper fuhren noch dickere Autos, trugen noch dickere Uhren mit Brillis an den Armen. Und man hatte nicht den Eindruck, dass Mick Jagger bei Aldi einkaufen musste, weil Stones-Platten kostenlos im Netz kursierten. Es war ein ökonomisches Paradox in dem millionenfach geklaut und verschenkt wurde, auf der anderen Seite aber kein sichtbares Elend entstand. Das verschob den Wertgedanken der Netzgesellschaft die noch gar keinen funktionierenden Bezahlcode hatte. "Das echte Problem war die Bevölkerung. Die Verbraucher hielten sich nicht an die Gesetzte. Sie blätterten Hunderte von Dollars für ihre iPods hin, für die MP3s aber ließen sie keinen Cent springen", schreibt Stephen Witt.

Mit MP3 war es wie mit der Atombombe

Gratis wurde zu einer Selbstverständlichkeit und auch heute, Jahre später mit dem Bezahlmodellen iTunes oder Netflix oder "paid content", ist die Umsonst-Kultur noch verbreitet wie schlechtes Benehmen. Aber eben nur wie schlechtes Benehmen. Wirklichen Schaden hat die Plattenindustrie nicht genommen, wie die EU-Kommission 2013 feststellte. Es wäre zu weit ausgeholt zu sagen, dass der kluge Karlheinz Brandenburg, 61, an allem schuld ist. "Das Urherberecht ist das Maß aller Dinge", sagt er heute, aber auch, "mit MP3 war es wie mit der Atombombe, einmal erfunden konnte man sie nicht unerfunden machen." Immerhin hätten er und sein Team nach MP3 auch Techniken entwickelt, die Dateien im Netz zu schützen.

Irgendwie Schuld an der Gratiskultur (wenn auch nicht beabsichtigt): Karlheinz Brandenbrug, Miterfinder der MP3

Irgendwie Schuld an der Gratiskultur (wenn auch nicht beabsichtigt): Karlheinz Brandenbrug, Miterfinder der MP3

Und, nun hat man den MP3-Erfinder schon mal vor sich, was ist das nächste dolle Ding? Was kann man noch erfinden? Brandenburg ist ein kluger und sachlicher Mann, es wird sehr viel geforscht, sagt er. Auch von anderen. "Es wird am Hörerlebnis gearbeitet, im Raumklang ist noch sehr vieles zu erfinden", sagt er, "die psychoakustischen Bedingungen beim Hören sind noch gar nicht richtig erforscht." Wir hören ja nicht nur mit den Ohren sondern auch mit allen anderen Sinnen. Und dann erzählt er ein Beispiel aus der Steinzeit des Audiotechnik. "Wenn Menschen in einem Raum sitzen und Musik hören und dabei auf eine drehende schwarze Scheibe blicken, glauben sie, die Musikqualität sei besser. Auch wenn sie ein MP3-Datei hören."

Stephen Witt, „How Music got free“, Eichborn-Verlag, 19,99 Euro

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(