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Autobiografie des Supermodels Die Frau, die Cindy Crawford war


In ihrer Autobiografie "Becoming" beschreibt Cindy Crawford, wie sie zum Supermodel wurde. Das Buch liefert interessante Einblicke in die Model-Szene - ist allerdings bemerkenswert sparsam im Privaten.
Von Jochen Siemens

Neulich in London. Cindy Crawford, ja, die Cindy Crawford, das Gesicht, das Supermodel, dieses Denkmal der 90er Jahre, hält ein Buch hoch, das sie geschrieben hat. Es heißt "Becoming", also übersetzt "das Entstehen" der Cindy Crawford. Nun mag man sich fragen, was an einem Model groß entstehen soll, es wird geboren, wächst, ist schön, wird fotografiert, wird viel fotografiert und das war's, oder? Aber während man sich das fragt, schaut man den beiden zu, Cindy und ihrem Buch, blättert die Seiten durch, die ganzen Bilder von früher nochmal, Cindy bei MTV, Cindy und der Pepsi-Spot, Cindy auf dem "Playboy" und auf unzähligen "Vogue"-Covern, Cindy diese Lebenstapete der 90er und daneben die Cindy 2015. Hhhm. Da stimmt was nicht.

Oder stimmt doch, wie auch immer man diese Kultur in Hollywood bewerten will, ab einem bestimmten Altern genau dieses Alter aufzuhalten in Arztpraxen, die kein Schild am Eingang haben. Das ist unter Gesichtern, die von ihrem Gesicht leben, dort heute Alltag. Wer clever ist, fängt das schon mit 30 und zarten Maßnahmen und bleibt eben lange 30. Wer später damit anfängt, lässt sich ein paar Jahre und ein Teil seiner Geschichte aus dem Gesicht schrubben.

Die Falten sind  ausradiert und das Gesicht hat wieder Spannung. Aber eben nicht die Spannung, als sie 30 waren. Gezahlt wird mit sehr vielen Dollars und mit: Fremdheit. Cindy Crawford 2015 ist eine fremde Cindy Crawford. Im Ausweis ist sie 50. Und im Gesicht? Irgendwas. Kein Alter sichtbar. So gesehen stimmt der Titel ihres Buches, das "Entstehen" dieser Cindy Crawford. Ob und wie sie sich hat behandeln lassen, darüber hat C.C. nie gesprochen, und es wäre hier auch kein Thema, wenn sie in dem Buch nicht ganz genau das Gegenteil berichten würde.

Die Geschichte der Cindy-Werdung

Es ist dann doch die Geschichte der Cindy-Werdung, dieser ewigen Schizophrenie aller dieser Mädchen, die als Models zu Kunstfiguren wurden in die sie hineinschlüpften oder sich hineinzwängten und die Spielarten ihrer Erscheinung Fotografen überließen. Mädchen wie Rohstoffe. Vom Land in der Nähe von Chicago wie Cindy Crawford, Tochter einer Arbeiterfamilie, die früh einen Sohn verlor. Und die diesen Schmerz nie überwand. Die Eltern trennten sich, und Cindy blieb bei ihrer Mutter. Und wurde ein Model, kein Beruf natürlich, eigentlich wollte sie Chemie studieren. Und so kam es wie bei allen Models zu einer Enteignung einer Persönlichkeit, die noch gar nicht gewachsen war, es war die Enteignung einer Knospe sozusagen.

Viele der großen Models haben schon versucht, in Büchern oder Interviews ihr Leben zu rekapitulieren. Heidi Klum vor Jahren in einer Klum-typischen strengen "sei-immer-pünktlich-und-mach-was-der-Kunde-sagt"-Fibel, das frühere Model Paulina Porizkova in einem mild-zynischen Fashion&Sex-Roman und Kate Moss einmal in einem langen Interview darüber, wie die Fashion-Welt sich ihr Sorgerecht aneignete.

Das Material Crawford

Cindy Crawford schreibt anders. Abgeklärter und distanzierter. "Ich entwickelte großes Vertrauen in Cindy Crawford das Model, in das, was sie konnte und was nicht und was sie liefern konnte. Aber es brauchte eine lange Zeit bis ich dieses Vertrauen für mein eigenes Leben übersetzen konnte", schreibt sie einmal. Zur Arbeit, erzählt sie da, sei sie immer mit gewaschenem Gesicht und nassen Haaren gegangen und habe fasziniert zugesehen, wie vor dem Spiegel in zwei, drei Stunden diese andere Cindy Crawford entstanden sei. Und für diese andere Cindy Crawford war es kein Problem, sich der Formgebung von Fotografen wie Victor Skrebneski, Herb Ritts, Peter Lindbergh oder Helmut Newton zu unterwerfen, sie alle waren Bauherren, Architekten und Bildhauer am Material Crawford. Und genau das war es, was wir auf Plakaten, Zeitschriften-Covern oder in Georges Michaels Video "Freedom" sahen: nicht Cindy, sondern das Material Crawford. Folgerichtig gliedert Crawford ihr Buch nicht nach Lebensjahren sondern nach Fotografen.

Immerhin, anders als die Model-Domina Heidi Klum, rät Crawford dazu, sich bei dummen Ideen zu verweigern. So hat sie, gegen den Rat oder gar Befehl von Managern, "the Mole", die kleine Warze an ihrem Mund behalten. Und hat sich auch geweigert, sich für ein Foto das Gesicht mit einer Gummiband-Maske zu straffen, die Idee war blöd und das musste gesagt werden. Und sie wollte sich nicht von Bruce Weber nackt fotografieren lassen, weil der nur ihren Körper ohne Gesicht aufs Bild haben wollte. Das Model Crawford war gefürchtet. Wenn es hieß, man fange um 6.12 Uhr in der Früh an zu fotografieren, konnte C.C. sehr böse werden, wenn um 6.13 Uhr noch nichts passiert war. Sie war schließlich um 6.11 Uhr da. Und von einem Vorstand eines Kosmetikkonzerns ist der Satz überliefert, "wenn ich Ihnen eine Tüte über den Kopf stülpen würde, könnte ich glauben, ich spreche mit einem Bank-Vorstand."

Sparsam im Privaten

Crawfords Buch ist eine bemerkenswerte Inneneinsicht in das Profi-Leben eines Supermodels, es ist aber auch bemerkenswert sparsam im Privaten. Richard Gere, mit dem Crawford fünf Jahre verheiratet war, kommt nur am Rande vor. Und das obwohl das Paar eine hässliche Gerüchtekampagne über Homosexualität und Scheinehe mit einer großen Anzeige in Zeitungen beantwortete. Wie sehr sie damals und in den Jahren der Model-Skandale um Drogen und Sex im Auge des Orkans war, lässt Crawford außen vor. Nur manchmal, zwischen den Zeilen, lässt sich trüberes Wissen erahnen: "In manchen Teilen meines Lebens war ich nicht tapfer." Und auch: "Ich fühlte mich oft wie der nackte König in 'Des Kaisers neue Kleider' und fragte mich, wann merken die Menschen, dass ich nicht dazugehöre?"

Ja, und dann steht da irgendwann der Satz "ich kann meine Vergangenheit nicht ungeschehen machen." Können wir alle nicht. Und unsere Gesichter auch nicht. Wer war eigentlich die Frau, die neulich in London ein Buch von Cindy Crawford vorstellte?


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