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Ellis Kaut: "Ich schreibe auf, was ich vor mir sehe"

Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut spricht im stern.de-Interview über den Urheber-Prozess, die ungebrochene Begeisterung an dem Rotschopf und dessen Abneigung gegen Franz Josef Strauß.

Das Oberlandesgericht München hat jetzt entschieden, dass Barbara von Johnson als Zeichnerin Urheberrechte an der Pumuckl-Figur hat. Demnach hätte Pumuckl also zwei Mütter.

Wie soll das gehen? Ein Kind wird doch nur einmal geboren. Ich hab den Pumuckl auf die Welt gebracht, wenn Sie so wollen. Frau von Johnson hat ihm zwei Jahre später – quasi nach Maß – ein hübsches Höschen und Jäckchen gestrickt. Das macht sie noch lange nicht zu seiner Mutter.

Sie sieht das anders.

Frau von Johnson wollte die gleichen Rechte wie ich; sie hat verlangt, dass ich die Vollmacht für alle Verhandlungen mit ihr teile. Das Gericht hat diese Forderung abgeschmettert. Ich habe den Prozess in acht von neun Punkten gewonnen.

Immerhin hat Frau von Johnson den kleinen Kobold zum Leben erweckt.

Sie hat nur das illustriert, was ich ihr vorgegeben habe. Der Pumuckl hat seit 1963 im Rundfunk seine Streiche gespielt – und 1965 hat sie ihn zum ersten Mal gezeichnet.

Haben Sie kein Verständnis dafür, dass Sie vom Ruhm was abhaben möchte?

Ihre Arbeit steht in keinem Verhältnis zu meiner. Sie hat in der Anfangszeit die Zeichnungen gemacht für die Bücher und die Schallplatten - das hat sie nicht viel Zeit gekostet. Ich habe das ganze Jahr über am Pumuckl gearbeitet, habe 90 Hörspiele geschrieben, 65 Fernseh-Drehbücher, vier Theaterstücke. Der Pumuckl ist mein Lebenswerk. Frau von Johnson hat seit 1978 keinen Finger krumm gemacht. Damals kam der Pumuckl ins Fernsehen, und ich bat sie, weiter mit mir zusammenzuarbeiten. Sie hat mit Abscheu gesagt: "Ich bin freie Künstlerin, ich will nicht auf ewig an diesen Pumuckl gebunden sein." Trotzdem bekommt sie seit Jahren zwölf Prozent von meinen Merchandising-Einnahmen: von jedem Bleistift, jedem Nachthemd, jedem Fahrrad, auf dem der Pumuckl drauf ist.

Am 16. Oktober kommt ein neuer Pumuckl-Film in die Kinos: "Pumuckl und sein Zirkusabenteuer". Wie gefällt er Ihnen?

Ich finde, er ist von allen Filmen der beste. Auch die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat ihn jetzt als wertvoll eingestuft. Ich habe übrigens das Drehbuch zusammen mit meiner Tochter Ursula Bagnall geschrieben, das war eine sehr gute Zusammenarbeit. Aber es gab durchaus Probleme. Hans Clarin kann den Pumuckl nicht mehr sprechen seit seiner Stimmband-Operation im vergangenen Jahr. Ich fand die neue Stimme, Kai Taschner, erst gar nicht gut – aber ich habe mich daran gewöhnt, schließlich kann man den Clarin nicht klonen. Die zweite Schwierigkeit: Gustl Bayrhammer, unser Franz Eder, lebt nicht mehr. Deswegen spielt Hans Clarin den Cousin vom alten Eder. Ich hab erst gedacht: Mein Gott, das kann nicht gut gehen. Das hab ich dem Clarin auch gesagt. Aber ich nehme alles zurück: Er ist ein ganz liebevoller Eder, mit sehr viel Herz.

Auch die Schreinerwerkstatt ist eine andere.

Ja, die alte wurde abgerissen, schon vor Jahren. Die war in einem Hinterhof in der Widenmayerstraße, bei der Maximilianstraße um die Ecke. Die Versicherungskammer hat dort ihren Neubau hingestellt. Dabei hat sich Franz Josef Strauß persönlich dafür eingesetzt, dass dort ein Pumuckl-Museum eingerichtet wird. Unser Ministerpräsident war nämlich ein großer Pumuckl-Fan. Aber ganz unter uns: Der Pumuckl war nie Strauß-Fan.

Arbeiten Sie an weiteren Folgen fürs Fernsehen?

Ich habe noch 30 Geschichten in der Schublade. Der Kinofilm war geplant als Auftakt für 13 neue Fernseh-Folgen. Doch dann ist unser Produzent gestorben, und passiert ist erst mal gar nix. Wie es weiter geht, kann ich nicht sagen.

Der Pumuckl muss sich gegen starke Konkurrenz durchsetzen. Gegen Teletubbies, Pokémons und Digimons.

Damit hat er kein Problem. Er ist gerade deswegen zeitgemäß, weil er sich nie bemüht hat, modern zu sein. Er spricht ein Deutsch, das frei ist von Modewörtern und Anglizismen. Wenn in seiner Umgebung jemand englisch redet, versteht er das nicht oder gibt dem Ganzen einen völlig verdrehten Sinn. Der Pumuckl schärft also auch den Sinn für die deutsche Sprache.

Der NDR hat die "Sesamstraße" aus dem Abendprogramm verbannt, die Augsburger Puppenkiste schreibt rote Zahlen - sollte man nicht vorsichtshalber den Pumuckl auf die Liste der bedrohten Arten setzen?

Warum? Ich habe neulich eine Umfrage in die Hand bekommen, welches die beliebtesten Kindersendungen sind. Da war der Pumuckl auf einem der vorderen Plätze. Ist das nicht enorm für ein Kerlchen, das schon 40 Jahre alt ist? Und nicht nur Kinder schauen zu. Ich krieg täglich Post von Leuten, die jetzt dreißig sind oder älter. Sie sind mit dem Pumuckl aufgewachsen und bedanken sich bei mir. Ich finde das rührend.

Sie sind fast 83. Fällt es Ihnen schwer, sich in die Kinder von heute hineinzuversetzen?

Darf ich Ihnen was verraten? Ich schreibe gar nicht für Kinder. Ich denke mir die Geschichten auch nicht aus. Ich schreibe auf, was ich vor mir sehe. Wenn der Pumuckl was Freches sagt, dann ist ganz klar, wie der Eder antwortet. Das entwickelt sich von selbst. Glauben Sie's mir. Ich kenn die beiden doch schon seit 40 Jahren.

Das Interview führte Alexander Kühn