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ERINNERUNGEN: Sehnsucht nach Kartoffelpuffern

Auf den ersten Blick merkt man's nicht, aber tief im Herzen ist der Mann Berliner: Han Sen schrieb über seine Kindheit in Deutschland und sein Leben als Fremder in China.

Es waren selige Jahre, als der kleine Han Sen mit seinen Freunden im Friedrichshainer Volkspark saß und alle gemeinsam sangen: »Drei Chinesen mit dem Kontrabass saßen auf der Straße und erzählten sich was«. Dazu grinsten die Berliner Jungs und machten Schlitzaugen. Han Sen nicht, er hatte schon welche. Das Kind mit dem zarten Näschen, geboren 1925 in Berlin als Sohn chinesischer Studenteneltern, ist ohne Zweifel die Attraktion im Arbeiterviertel Friedrichshain. Und in Oma Sarahs Küche ist er der King. Denn die jüdische Oma ist Kommunistin wie sein Vater und macht die besten Kartoffelpuffer der Welt.

Zum glücklichen Kinderleben im Berlin der 20er Jahre fehlt nach der Scheidung nur die Mutter. Der Vater, ständig in Geldnöten und immer konspirativ unterwegs in Sachen Weltrevolution, bringt bedeutenden Besuch in Oma Sarahs Wohnung. Han Sen knickst artig vor Tschu En-lai, dem späteren chinesischen Ministerpräsidenten und Vertrauten Maos. Die Erwachsenen gucken stolz, wenn der Bub in einer Zeitschrift auf einen Spitzbart deutet und zwitschert: »Onkel Lenin!« 1933 sind die seligen Jahre vorbei. Die Nazis machen Jagd auf Kommunisten, der Vater flieht mit Han Sen in die Schweiz, 1940 nimmt er den Jungen mit nach Hause. Nach China.

Han Sen vergräbt sein Heimweh und trainiert Bescheidenheit. Man kann nicht unbeschädigt in einer fensterlosen Höhle im chinesischen Yanan leben, wenn man Oma Sarahs Kartoffelpuffer im Kopf hat. Die Familie des Vaters bleibt dem 16-Jährigen fremd. Bei Besuchen an Opiumpfeifen gemeinsam zu nuckeln ekelt ihn. »Du musst China lieben«, sagt der Vater ärgerlich. Aber Han Sen liebt Berlin. »Der kleine Nazi« nennen ihn die Chinesen verächtlich.

So hält Han Sen, obwohl inzwischen Sekretär von Tschu En-lai, Abstand zu den Kommunisten. Er landet 1957 in der Ukraine, immerhin schon näher an Berlin. Aber der Chinese, der Russisch mit deutschem Akzent spricht, fühlt sich auch hier fremd. Erst 1979 betritt Han Sen wieder seine Sehnsuchtsstadt. Mit Herzklopfen sucht er die alten Straßen auf. Und plötzlich schnurrt sein Leben in China, Sibirien, Russland zusammen auf die glücklichen deutschen Kinderjahre. »Berlin«, sagt Han Sen verwundert auf die Frage nach seiner Heimat, und es blitzt Heimweh und Wärme im Gesicht des sonst so spröden Mannes auf.

Han Sen ist kein Schriftsteller. Er ist Ingenieur. So sind seine Erinnerungen kühl gehalten, nur manchmal hadert er mit dem Vater, der aus dem Berliner Jungen einen guten Revolutionär machen wollte und ihn dann unter lauter Fremden aussetzte. Denn fremd gefühlt hat sich der Chinese mit den perfekten Deutschkenntnissen immer. »Nur nicht unter Deutschen. Da bin ich daheim.« So wie auf einem Fest in München, wo ihn die Gastgeberin einem Berliner mit den Worten vorstellt: »Und hier haben wir noch einen Gast aus Berlin.« »Na, det seh ick doch jleich«, antwortet der, und Han Sen ist selig über die vertraute kesse Berliner Schnauze.

Gerda-Marie Schönfeld

»Ein Chinese mit dem Kontrabass«, Claassen, 333 Seiten, 39,12 Mark

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