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Erotische Literatur: "Heftige Stöße"

Erotische Literatur sorgt in diesem Jahr für einen heißen Herbst. In den neuen Romanen werden ausgiebig erotische Vorlieben und Praktiken geschildert. Vor allem Frauen schreiben immer häufiger über Sex.

"Zuerst klirrten die Gläser,/dann zweistimmig wir,/doch nichts ging in Scherben". Dieses mit "Heftige Stöße" betitelte Poem aus Günter Grass’ neuem Gedichtband "Letzte Tänze" ist nicht das einzige, bei dem es heftig zur Sache geht. Zudem ist das Buch reichlich bestückt mit Zeichnungen des Dichters, in denen Paare in den absonderlichsten Stellungen kopulieren.

Erotische Vorlieben früherer Geliebter

Doch nicht nur beim deutschen Nobelpreisträger spielt in diesem Herbst der Sex die erste Geige. Auch Michael Lentz ("Liebeserklärung"), Maxim Biller ("Esra") und Alban Nikolai Herbst ("Meere") beschreiben in ihren neuen Romanen ausgiebig erotische Vorlieben und Praktiken. So detailliert, dass "Meere" wie "Esra" derzeit von früheren Lebensgefährtinnen der beiden Autoren vor Gericht angefochten werden - weil sich die Frauen in den Romanen wiedererkannten und die Veröffentlichung der intimen Details verhindern wollen.

Von einem Novum in diesem Herbst, was das Thema Sex in der deutschsprachigen Literatur betrifft, möchte die Verlegerin Claudia Gehrke nicht sprechen. Die Eigentümerin des 25 Jahre alten Tübinger Konkursbuch Verlages, einer der aufregendsten Adressen in Sachen anspruchsvoller erotischer Literatur, sieht vielmehr eine Wellenbewegung. "Wenn es in der letzten Zeit einen Trend in der erotischen Literatur gegeben hat, dann den, dass inzwischen extrem viele Frauen über ihre sexuellen Erlebnisse und Fantasien schreiben", meint Gehrke.

Leichtigkeit mit dem Thema Sex

Vor einem Vierteljahrhundert sei es, so Gehrke, noch schwer gewesen, weibliche Autoren zu finden, die über Sex geschrieben haben. Die Frauen hätten sich selbst blockiert, weil sie ständig danach gefragt hätten, was feministisch oder lesbisch korrekt sei. "Inzwischen versuchen sich die Autorinnen nicht mehr von ihren männlichen Kollegen abzusetzen. Es ist vielmehr generell eine Leichtigkeit im Umgang mit dem Thema Sex eingekehrt."

Davon zeugen nicht nur die vielen Autorinnen des Verlags wie Dagmar Fedderke, deren erotischer Roman "Die Geschichte mit A." inzwischen in der achten Auflage vorliegt, und Karin Rick, von der in diesem Herbst der Roman "Hingabe" erschienen ist. Auch das von Claudia Gehrke zusammen mit Uve Schmidt herausgegebene Jahrbuch der Erotik "Mein heimliches Auge", in dem heute bekannte Autoren - darunter der bereits erwähnte Alban Nikolai Herbst und Alissa Walser - ihre ersten literarischen Gehversuche publiziert haben, spiegelt diese Entwicklung wider.

Liebe und Lust im Alltag

Die inzwischen 18. Ausgabe dieser Reihe ist zur Frankfurter Buchmesse erschienen und widmet sich der Liebe und Lust im Alltag. Viel ist deshalb von den berühmten kleinen Katastrophen bei ersten Begegnungen die Rede. Oft sind die zumeist kurzen Texte ironisch gebrochen, so dass sich auch über die problematischen Themen wie Eifersucht lachen lässt. Aber stets ist in den Geschichten der Sex in all seinen Spielarten und geschlechtlichen Konstellationen der Fluchtpunkt. Direkt und tabulos wird dieser beschrieben, ohne ins vulgär Pornografische abzugleiten. Auch den vielen Fotografien und Zeichnungen gelingt diese schwierige Gratwanderung.

Wer das Thema Sex philosophisch behandelt wissen will, für den ist die aktuelle Ausgabe des Journals "Der blaue Reiter" genau richtig. Die Autoren des philosophischen Halbjahresheftes widmen sich in gut verständlichen Aufsätzen nicht nur den modernen Theoretikern von Ludwig Feuerbach bis Michel Foucault, sondern auch dem französischen Autor Michel Houellebecq, dessen Romane aus den 1990er Jahren, "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen", von einigen Kritikern der Pornografie bezichtigt wurden.

"Was ist schöner als Sex?"

Nicht ohne Amüsement liest man in dem Magazin eine Umfrage unter Abiturienten auf die Frage "Was ist schöner als Sex?": Darunter finden sich als Antworten wie "Schöner als die Stimulation körperlicher Reize ist die Stimulation des Geistes" oder "die Freude, einen Schmetterling in der U-Bahn zu sehen".

Thomas Oser / DPA