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ERSTLINGSWERK VON JESS JOCHIMSEN: »Tiefer gelegte Hosen«

Er witzelt über Gutmenschen, »Kevins« und Eierwerfer: Der 31-jährige Autor Jess Jochimsen pendelt erfolgreich zwischen Kabaret und Blödelei.

Kindergesicht, knallbuntes Hemd, Kai-Pflaume-Frisur. »Der Junge muss sich in der Sendung geirrt haben«, dachten graumelierte »Scheibenwischer«-Zuschauer, als Jess Jochimsen die Bühne betrat. Dann hatten sie keine Zeit mehr zum Nachdenken, sondern fingen an zu lachen: Der 31-Jährige witzelte über Gutmenschentum, antiautoritäres Getue und den Zwang des vermeintlich Zwanglosen. Nahm also die 68er auf die Schippe. Ganz schön frech. Und ganz schön anders als das, was man von gleichaltrigen Unterhaltungskünstlern kennt.

Doch Jess Jochimsen ist kein kleiner Dieter Hildebrandt. »Den Zeigefinger-Kabarettisten würde mir niemand abnehmen«, brummt er, »ich muss meine eigene Form finden.« Die liegt irgendwo zwischen Comedy und klassischem Kabarett, zwischen Blödeln und Finger-in-die-Wunde-Bohren. In diesen Tagen tritt Jochimsen, der schon etliche Preise abgeräumt hat, in Köln beim Comedy Festival auf. Dort werden die grau und rund gewordenen Straßenkämpfer wieder ihr Fett wegbekommen - wie seine Altersgenossen und die Jüngeren mit ihren »tiefer gelegten Hosen«, die »Kevins«.

Die schont er auch nicht in seinem Buch »Das Dosenmilch-Trauma. Bekenntnisse eines 68er-Kindes« (dtv, 224 Seiten, 17,50 Mark). In dem Bändchen beschreibt Jochimsen das Aufwachsen in den 70ern und 80ern. Es ist ein bisschen die eigene Kindheit, auch wenn seine Eltern gar keine »richtigen« 68er waren, höchstens »Sympathisanten«. Aber vieles hätte schließlich so sein können - die elterlichen Joints in der WG-Küche zum Beispiel oder die Osterausflüge mit Polizeibeteiligung (»Eierwerfen in Brokdorf statt Eiersuchen daheim«). Gleichzeitig geht es um die wirklich wichtigen Fragen der Schulzeit (»Geha oder Pelikan«), Erinnerungen ans Flaschendrehen und den Kuschelfilm »La Boum«, Erotik-Highlights einer Pubertät in den 80ern. Lustvoll werden auch Macken und Marken vorgeführt von Menschen, die heute um die 30 sind - und deren Gefühl, festzustecken zwischen Nicht-erwachsen-werden-Wollen und Schon-spießig-Sein.

Der gebürtige Münchner Jochimsen lebt mit Partnerin, Sohn und einer befreundeten Familie, »aber ohne lila Kasse«, in einer Wohngemeinschaft in Freiburg. Seine kleine Geschichtensammlung ist ein Erfolg, innerhalb eines Jahres verkaufte sie sich rund 25 000-mal. Das scheint wenig im Vergleich zu Florian Illies' »Generation Golf« - und viel für ein Erstlingswerk, das kaum beworben wurde.

Vielleicht könnte Jess Jochimsen längst bekannter sein. Doch als vor knapp drei Jahren ein großer Verlag bei ihm anfragte, ob er das Lebensgefühl seiner Generation in einen Roman verpacken wollte, lehnte der Germanist ab. Begründung: »Das habe ich mir nicht zugetraut - vor dem Kulturgut Buch habe ich einen Heidenrespekt.«

Fenja Mens