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Frankfurter Buchmesse: Die Bildungsoffensive

Wissen ist die neue Macht auf dem Buchmarkt: Unterhaltung pur hat wenig Chancen, die Fiktion braucht fakten. Immer mehr Autoren treten als klassische Gelehrte auf.

Von Stephan Maus

Wer in unseren hektischen Zeiten den Hummeln in seinem Hintern ein paar Stunden Ausflug gewährt, sich hinsetzt, durchatmet und ein Buch zur Hand nimmt, sucht immer häufiger nicht nur unterhaltsame Geschichten, sondern vor allem bleibende Werte und Wissen. Es war "Der Name der Rose", der unseren Wissensdurst weckte. Seitdem ist kein Halten mehr: Mit Umberto Eco haben wir mittelalterliche Lesegläser gebastelt, um das Weltenrätsel zu entziffern; mit Ken Follett haben wir Statik gebüffelt, um im Geiste Kathedralen zu erbauen; und erst im letzten Sommerurlaub sind wir mit Frank Schätzing dem Wal hinterhergeschnorchelt, ihm forschend unter die Schwanzflosse zu schauen. Spätestens in diesem Herbst steht endgültig fest: Die Kernkompetenz der Belletristik besteht darin, Bildungsmehrwert zu liefern. Nur dank seiner hochkulturellen Aura kann das behäbige Medium Buch noch neben seinen zappeligen Konkurrenten wie Internet, Videospiel und Handy bestehen. Unsere unübersichtliche Epoche mit ihrer Flut von Internet-Text-Häppchen und ihrem halbgaren Wikipedia-Wissen verlangt nach Verbindlichem, das gut verankert zwischen zwei Buchdeckeln lagert. Wer liest, ist auf der Suche nach kanonischen Richtmarken im immer wilder gurgelnden Entertainment-Strudel.

Der Titel eines der größten deutschen Bucherfolge der vergangenen Jahre bringt diese Entwicklung auf den Punkt: "Die Vermessung der Welt" nannte Daniel Kehlmann seinen Roman über Gauß und Humboldt. Die Orientierungsversuche schrulliger Geistesheroen im Chaos der Moderne schlugen ein wie Umberto Ecos Fiktion von der Lesbarkeit des Welten-Codes im "Namen der Rose". Und mit amerikanischer Hemdsärmeligkeit machte sich Dan Brown in seinem "Sakrileg" gleich an die Entzifferung des gesamten christlichen Abendlandes. Die tröstliche Botschaft all dieser Bildungsbücher: Die Genies der Kulturgeschichte und eine verdaulich angerichtete Portion bewährter Hochkultur können uns Leuchtfeuer im Ozean der Gegenwart sein. Selbst die Unterhaltungsliteratur bietet sich als Navigationssystem in einer mit Trash zugerümpelten Ödnis an.

Auch in dieser Saison setzen wieder zahlreiche Autoren auf die Magie der Bildung. So hat Robert Harris mit "Imperium" eigentlich nur einen handwerklich sauber gebauten Anwaltsroman geschrieben. Aber da sein Anwalt der größte Redner aller Zeiten ist, nämlich der römische Konsul Marcus Tullius Cicero, fällt auf "Imperium" der Glanz des Meisterredners aus der Antike. Harris' Historienroman ist ein handelsüblicher Grisham, der majestätisch auf dem Fundament des großen Latinums thront. Interessiert verfolgt man den Aufstiegskampf eines einfachen römischen Anwalts gegen den Widerstand der Aristokratie, atmet den Geist der römischen Klassik und lernt nebenbei viel über römische Notizblöcke und die Sandalenmode um 50 v. Chr. Die besten Passagen sind Ciceros Reden. Das ist der Trick der Bildungsprotzer: Mögen ihre Texte noch so konventionell sein, immer schreiten sie im prächtigen Ornat der Klassiker einher und vermögen selbst noch den kritischen Lateinlehrer zu verführen. In Ciceros Abenteuern wird deutlich, dass es ein und derselbe Dreisatz der klassischen Rhetorik ist, der sowohl auf dem römischen Forum als auch auf dem aktuellen Buchmarkt den Erfolg garantiert: Belehre, unterhalte und rühre.

Eben dieser Devise folgt auch Claude Cueni. In seinem Roman "Das große Spiel" porträtiert er den Geldtheoretiker John Law, der im 18. Jahrhundert das Papiergeld erfand und Kreditwirtschaft wie Staatslotterie einführte. In Cuenis detailgenau ausgepinselter Historienfreske erfährt der Leser Wissenswertes über die Ursprünge der Spekulationswirtschaft, deren letzte Ausprägung die internationalen Investoren-Heuschrecken sind. Und er lernt, was Wissen erst so richtig sexy macht: Wenn es sorgfältig verpackt ist in süffige Geschichten von Geld, Macht und chronischem Lendenziehen.

Italien hat nicht nur das Universalgenie Da Vinci zu bieten, dessen Meisterwerk in Dan Browns "Sakrileg" den Schlüssel zur großen abendländischen Weltverschwörung lieferte. Auch Dante Alighieri steht seit mehr als sieben Jahrhunderten Modell für hochdekorative und Respekt einflößende Gipsbüsten. In Giulio Leonis Historienkrimi "Dante und das Mosaik des Todes" tritt der Dichter höchstpersönlich als leicht irrsinnig lodernde Leitfigur auf, die Orientierung und Aufklärung in der Unterwelt einer düsteren Epoche gewährt. Solche Romanhelden braucht das Land: Der weltgrößte und am meisten kommentierte Dichter kämpft gegen die Verkommenheit seiner Epoche und entschlüsselt ein Mosaik, das den Wirren der Zeit einen Sinn gibt. Detektiv Dante führt uns aus den Höllenkreisen des Unwissens. Kunstfrommer geht's nimmer. Die zahlreichen Klischees dieses konventionellen Kriminalromans lassen dem Poeta doctus allerdings ziemlich den Lorbeerkranz welken. Sei's drum, selbst im Schundroman schlummert erlösendes Kulturversprechen.

Auch die junge deutsche Literatur arbeitet an der Überwindung unserer Pisa-Krise, versorgt uns mit Hard Facts in den schönen Künsten und fährt auf dem ewig gültigen Kulturticket mit. Thorsten Becker erzählt in seinem neuen Roman "Fritz" das Leben von Friedrich II.: Preußens Glanz und Gloria als Gegengift zu unserer graugesichtigen Epoche. Seit sich hierzulande schamloser Patriotismus als liebenswürdiges Selbstbewusstsein tarnt, ist selbst der Alte Fritz wieder salonfähig in der jüngeren Literatur geworden. Und als verströmte der flötenspielende Preußenkönig nicht genug kanonische Autorität, wählt Becker gleich noch zwei Ikonen des deutschen Bildungsbürgertums als Erzähler: Die Brüder Thomas und Heinrich Mann erzählen sich in einem fiktiven Briefwechsel das Leben des sympathischen Diktators aus dem Spree-Athen.

Felicitas Hoppe gibt sich weniger altbacken. Mit "Johanna" schreibt sie die Heiligengeschichte der Johanna von Orléans und komponiert aus historischem Material und sehr gegenwärtiger lyrischer Rede einen originellen Roman.

Neben den Helden der Geistes- und Heiligengeschichte eignen sich natürlich auch die Heroen der Wissenschaft zur Nobilitierung der Belletristik. Im erwartbar intelligenten und überraschend schönen Roman "Dirac" unseres einzigen zeitgenössischen Universalgelehrten Dietmar Dath ist der Physiker Paul Dirac das heiligenhafte Leitgestirn, das die Hauptfigur aus den Lebenswirren eines Mittdreißigers führt.

Die radikalste Bildungsoffensive des literarischen Herbstmanövers startet der flämische Autor Paul Verhaeghen. Sein Roman "Omega Minor" leuchtet nicht nur eine kleine Nische des Kulturuniversums aus, sondern gibt ganz in der Tradition des enzyklopädischen Romans gleich ein Universalpanorama einer gesamten Epoche. In einem tausendseitigen wilden Mix aus Wissenschaftsgeschichte und deutscher Historie zwischen 1930 und 1990 wagt Verhaeghen noch einmal den ganz großen Prosa-Rundumschlag. "Omega Minor" ist sicher das ehrgeizigste und monströseste Buch der Saison. Besonders gelungen ist es leider nicht. Es bleibt eine sprachlich und dramaturgisch unbeholfene Kopie bedeutender enzyklopädischer Romane wie Melvilles "Moby Dick", Gaddis' "Fälschung der Welt" oder Pynchons "Enden der Parabel" und gleitet allzu oft in eine alberne Nazi-Horror-Picture-Show ab. Doch selbst in seinem Scheitern ist dieses größenwahnsinnige Werk lesenswerter als die vielen dünnblütigen Bücher dieser Saison.

Wer ein Original aus der Feder des größten zeitgenössischen Enzyklopädisten überhaupt lesen will, muss sich bis November gedulden. Dann erscheint in den USA neun Jahre nach der Veröffentlichung von "Mason & Dixon", dem Urbild aller Landvermesserromane, ein neues Werk von Thomas Pynchon. Laut Michael Naumann, dem ehemaligen Kulturstaatsminister und persönlichen Bekannten Pynchons, zeichnet es die Wirren an der Schwelle zum 20. Jahrhundert anhand der turbulenten Biografie der russischen Mathematikerin Sofja Kowalewskaja nach. "Es wirken mit: Anarchisten, Ballonfahrer, Spieler, Industriekapitäne, Drogenenthusiasten, Unschuldige und Dekadente, Mathematiker, verrückte Wissenschaftler, Schamanen, Psychotiker, Zauberkünstler, Spione, Detektive, Abenteuerinnen und Auftragskiller", schreibt Pynchon und verspricht damit einen enzyklopädischen Roman, wie er im Buche steht.

Der bildungsbeflissene Leser und inbrünstige Kunstfrömmler kann seinen Kulturhunger natürlich auch stillen, indem er sein Leseerlebnis vollkommen von Unterhaltung befreit und gleich eine ganze Enzyklopädie von A bis Z durchackert. Dieser mönchischen Aufgabe hat sich A. J. Jacobs gewidmet. In 15 Monaten hat er die gesamte "Encyclopædia Britannica" gelesen, den Inbegriff des kanonischen Lexikons. Davon berichtet er in seinem Buch "Britannica und ich. Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden". Sein Fazit nach 33-tausend Seiten, 44 Millionen Wörtern und 10 Milliarden Jahren verdauter Geschichte: "Ich weiß, dass Wissen und Intelligenz nicht unbedingt dasselbe sind - aber Nachbarn sind sie auf jeden Fall. Und ich weiß, dass ich mein Leben wiederhabe und mir mit meiner Frau gleich einen wunderschönen Abend machen werde."

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