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Vatikan: Ist der Papst noch katholisch?

Seit Monaten sieht sich Franziskus heftigen Angriffen aus dem Kollegium der Kardinäle ausgesetzt. Vor allem beim Thema Ehe ist der Kurs umkämpft: Gilt Barmherzigkeit oder die reine Lehre?

Von Frank Ochmann

Papst Franziskus in der Menge

Papst Franziskus ist offener als die Päpste vor ihm

"Sein Pontifikat war ein Krieg", lässt Thrillerautor Robert Harris einen Kardinal im eben erschienenen Roman "Konklave" sagen. "Und der begann am ersten Tag, als er sich weigerte, das volle päpstliche Ornat zu tragen, und darauf bestand, lieber hier als im Apostolischen Palast zu wohnen." Hier, das ist das Gästehaus "Casa Santa Marta" neben der vatikanischen Basilika. Derzeit dient es als bescheidene Schwester des prächtigen Palastes auf der anderen Seite des Petersplatzes. An keiner Stelle nennt Harris den Namen von Papst Franziskus. Doch die Hinweise sind überdeutlich: Franziskus liefert die Vorlage für den toten Papst des Romans, dessen Nachfolger im anstehenden Konklave der Kardinäle gewählt werden soll.

Ein Pontifex im Krieg? Nicht zuletzt die von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen, wie richtig der Bestsellerautor mit seiner Beschreibung liegt. Tatsächlich tobt in der katholischen Kirche zurzeit eine Art Glaubenskrieg auf oberster Führungsebene. Dabei wird von den Gegnern des Papstes nicht weniger infrage gestellt als dessen Rechtgläubigkeit. Die Angriffe gehen inzwischen so weit, dass in einem viel gelesenen Blog der rechtskatholischen Szene die geistige Gesundheit des Pontifex bezweifelt wird.

Krieg um den Kurs des Katholizismus

Die Kirche würde mit dem Bergoglio-Papst eine andere, hatten seine Anhänger gehofft. Vier Jahre würde er brauchen. Vier Jahre nur. Mit offenen Armen wie eine Mutter wünschten sich zu Beginn des neuen Pontifikats viele Menschen ihre Kirche, nicht mit dem drohend erhobenen Zeigefinger des Richters. Nicht länger in sich gekehrt sollte sie sein, nicht länger ungerührt von der "Welt". Es war ein mit Franziskus befreundeter Kardinal aus Lateinamerika, der diesen Wandel mit hoffnungsfrohem Lächeln auf dem Gesicht bald nach der Wahl des neuen Pontifex aus Argentinien im März 2013 so vorhersagte.

Papst Franziskus


Dass sich zumindest im Auftreten etwas grundlegend ändern würde, zeigte sich schon bei der Vorstellung des Neuen auf der Loggia von Sankt Peter. Der zurückgenommene Pomp und die ungewöhnliche Bitte um den Segen und das Gebet des Volkes weckten unter katholischen Gläubigen wie auch bei vielen Distanzierten die Erwartung, es könnte sich nach den lähmenden Jahren unter Benedikt XVI. tatsächlich etwas tun. Endlich. Doch mit den Worten von Robert Harris: An diesem Tag brach ein Krieg um den Kurs des Katholizismus aus, der bis heute nicht entschieden ist.

Welches Ringen sich in diesen Wochen und Monaten in der katholischen Kirche abspielt, wird an den Kämpfen deutlich, die von vier ehemals ranghohen Kardinälen angezettelt wurden: Walter Brandmüller, Raymond Burke, Carlo Caffarra und Joachim Meisner. Der war bis 2014 Erzbischof von Köln, einem der reichsten Bistümer weltweit. Walter Brandmüller diente dem Vatikan bis 2009 als Chefhistoriker, Raymond Burke leitete bis zu seiner Absetzung 2014 durch Franziskus das höchste Gericht der römischen Kurie, und Carlo Caffarra, ein international angesehener italienischer Moraltheologe, stand bis zum vergangenen Jahr dem Erzbistum Bologna vor. Obwohl sie alle ihre bedeutenden Funktionen heute nicht mehr haben, gelten die vier weiterhin als Schwergewichte im Kardinalskollegium. Und es ist keine Lappalie, wenn eine so hochkarätige Gruppe dem Papst öffentlich die Stirn bietet. So etwas kommt nicht allzu oft vor in einem absolutistisch geführten Gemeinwesen wie der katholischen Kirche. Ein Brief, den die Kardinäle verfassten, scheint eine Ungeheuerlichkeit zu sein.

Papst Franziskus billigt auch die nichtkirchliche Ehe

Burke, Meisner und Co. stören sich vor allem am Bild der katholischen Ehe, das Franziskus vertritt. Konkreter Grund des Ärgernisses ist ein vom Papst verfasstes Lehrschreiben mit dem schönen Namen Amoris laetitia. Es handelt also von der "Freude der Liebe". Das Dokument fasst aus der Sicht des Papstes zusammen, was zwei Synoden im Vatikan erbracht haben, bei denen vor allem Bischöfe, aber auch nichtgeweihte "Laien" 2014 und 2015 über die Ehe und das Familienleben im 21. Jahrhundert diskutiert haben. Da der Papst von ihnen ausdrücklich ein ehrliches und kein geschöntes Bild der Lage gefordert hatte, drehte sich die Debatte intensiv um die Frage, wie Priester, Bischöfe und auch der Papst mit eheähnlichen Verhältnissen und wieder verheirateten Geschiedenen umgehen sollen. Für westliche Länder sind Verbindungen jenseits kirchlicher Normen längst ein Normalfall. Das Kirchenrecht hat dafür bislang aber nur einen alten Begriff: schwere Sünde. Und auf die steht der Ausschluss von den Sakramenten, die Exkommunikation. So war das, so ist das, und so hat es zu bleiben – glauben jedenfalls die vier prominenten Kardinäle.

Franziskus aber schreibt, ein "Hirte" dürfe sich nicht damit zufriedengeben, auf Gläubige in solchen Beziehungen "moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft" . Der "kalten Schreibtisch-Moral" sei eine pastorale Haltung gegenüberzustellen, "die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern". Heißt das aber nicht, dass es nun in der katholischen Kirche möglich ist, in einem Zustand der "Todsünde" zu leben, und dennoch bei der Messe zur Kommunion zu gehen wie die weitgehend seelenreinen Schäflein? In der Tat wäre das ein erstaunlicher Wandel.

Doch Franziskus ist ein kluger Jesuit. Und darum findet er auch einen Weg, die Verhältnisse zu ändern, ohne die Lehre der Kirche anzufassen. Franziskus bestätigt sogar die geltende Lehre von der unauflöslichen Ehe bis zum Tod. Zugleich aber ermutigt er seine Priester und Bischöfe, immer das Leben der Einzelnen zu betrachten und nicht gleich zu urteilen. Zeichen guten Willens sollen sie suchen und einen Weg in eine versöhnte Zukunft.

Dem Papst widerspricht man nicht einfach

Für die Betroffenen ist das nach Jahrzehnten der Ausgrenzung endlich ein Signal der Hoffnung. Für Hardliner ist es ein ungeheuerlicher Skandal. Denn "göttliches Recht" werde aufgeweicht, so glauben sie. Wie könnte denn eine zweite Ehe zu etwas Gutem führen, wo sie doch in schwerer Sünde wurzelte? Was als Dogma eben noch absolut und ohne Ausnahme galt, stellt Franziskus angeblich ins Ermessen der Priester und macht es damit beliebig. Für Vertreter der reinen Lehre ist das keine Interpretationsfrage mehr. Das ist klare Häresie – ein zu verdammender Irrglaube also.

Aber wie sagt man das einem Papst, in dem sich alle Macht der katholischen Kirche vereint? Kurie und Kardinalskollegium haben sich über Jahrhunderte einen Ton angewöhnt, der es ihnen erlaubt, selbst Unverschämtheiten geschmeidig und voll vorgetäuschter Demut ausdrücken. Man widerspricht nicht einfach, sondern zweifelt. Man stellt keine provozierenden Gegenthesen auf, sondern stellt Fragen, die nur bejaht oder verneint werden können. Fünf solche Fragen oder Zweifel – lateinisch "Dubia" – formulierten die besorgten Kardinäle in dem Brief, den sie dem Papst bereits im September im Tonfall unterwürfiger Höflinge zustellten. Sie baten "mit tiefem Respekt, Sie, Heiliger Vater, als obersten Lehrer des Glaubens, der vom Auferstandenen dazu berufen ist, seine Brüder im Glauben zu stärken … die Ungewissheiten zu beseitigen und Klarheit zu schaffen, indem Sie gütig Antwort geben …"

Und Franziskus? Schwieg. Woche um Woche verging. Der Papst zeigte sich von den fünf "Dubia" der vier Kardinäle zumindest nach außen so ungerührt wie vom Flattern eines Taubenschwarms auf dem Petersplatz. Einer der Besorgten, Kardinal Burke, bekam Mitte November sogar eine Privataudienz – aber offenbar keine Antwort von Franziskus, die ihn zufriedenstellte. Danach platzte ihm und den anderen drei Mitstreitern wohl der purpurrote Kragen. Und so ging der gemeinsam verfasste Brief an die Presse. Sie wollten nur die Verunsicherung der vielen Gläubigen aus der Welt schaffen, beteuerten sie in einem Vorwort. Das aber konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie lange man in der jüngeren Kirchengeschichte suchen muss, um einen vergleichbaren Affront zu finden. Seither geht es hin und her. Werfen die einen den Kardinälen einen Bruch der für ihren Stand besonders geforderten Treue zum Papst vor, springen ihnen andere bei und fordern eine unzweideutige Interpretation des vermeintlich nebulösen päpstlichen Willens.

Benedikt noch immer in den Köpfen der Zweifler

Natürlich stehen die vier Kardinäle nicht allein in einer Weltkirche, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor über 50 Jahren damit ringt, in welchem Verhältnis sie zur "Welt von heute" stehen will. Aufbrüche bis in die späten 1970er Jahre wurden unter dem konservativen polnischen Papst Johannes Paul II. schnell beendet oder zumindest begrenzt. Seine rechte Hand dabei: Joseph Ratzinger, der gelehrte deutsche Theologe, der erst als Kardinal und ab 2005 selbst als Papst das Ruder des Kirchenschiffs starr auf altem Kurs hielt. Als Benedikt XVI. hatte Ratzinger zwar nach knapp acht Jahren nicht mehr die Kraft, im Amt zu bleiben. Seine Anhängerschaft – und damit auch die von Johannes Paul II. – ist nach der Wahl von Jorge Mario Bergoglio aber weiter mächtig. Vor allem dieser Fraktion ging der neue Stil im Vatikan – Ford Focus statt S-Klasse, Gästehaus statt Palast, dazu der Wunsch, die "Hirten" möchten "nach Schaf riechen", nicht nach teurem Parfüm – bald mächtig auf den Geist. Was diesen Kirchenfürsten und ihrem Gefolge zusätzlichen Auftrieb gibt, ist ein Greis in den Gärten des Vatikans, der dort nach der Historie der vergangenen paar Jahrhunderte gar nicht sein sollte: der frühere Papst Benedikt, Joseph Ratzinger.

Papst Franziskus

Fast vier Jahre nach seinem spektakulären Rücktritt ist Benedikt noch immer da, im Vatikan und auch in den Köpfen jener, die mit dem neuen Papst ihre Probleme haben. Dass Joseph Ratzinger weiter eine weiße Soutane trägt wie damals im Amt und wie sein Nachfolger heute, scheint beim einen oder anderen den heiklen Eindruck zu wecken, das Ratzinger-Pontifikat sei doch noch nicht ganz vorbei. Benedikts Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein, zum Beispiel verstieg sich bei einem Vortrag an der Päpstlichen Universität Gregoriana im vergangenen Mai zu der Aussage, das Papstamt sei derzeit „erweitert“. Neben dem aktiven Papst gebe es einen kontemplativen, also einen, der vornehmlich betet und meditiert, während der andere gewissermaßen das operative Geschäft führt.
Gänswein, der "Präfekt des päpstlichen Hauses" und für Franziskus mit der Organisation der Audienzen betraut, hat sich beeilt, seine Aussage zu korrigieren. Doch manchem spukt das Gespenst eines zweiten Papstes im Kopf herum. Kenner des vatikanischen Treibens hören durch die Worte des Privatsekretärs sogar die leise gewordene Stimme Joseph Ratzingers. Der Eindruck entsteht etwa, wenn Gänswein sagt, Benedikt habe zwar "seinen Stuhl geräumt, doch diesen Dienst"– den des Papstes – "eben nicht verlassen". Deshalb herrsche "eine Art göttlicher Ausnahmezustand". Der Krieg, der in Harris’ Roman am ersten Tag des Pontifikats begann, dauert offenbar auch in der realen Welt bis zum letzten Atemzug des Papstes, der Hoffnungen auf eine Reform der Kirche weckte.