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Genitalverstümmelung: "Eine unbeschnittene Frau gilt als leichtes Mädchen"

Sie ist selbst ein Opfer, doch ihr gelang die Flucht und eine Traumkarriere als Model. Nun kämpft die Somalierin Waris Dirie gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen. Im stern.de-Interview spricht sie über ihr neues Buch und das, was junge Frauen auch in Europa erleiden müssen.

stern.de: Die Beschneidung von Mädchen und Frauen ist nicht nur ein Problem in Ländern mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung, sondern auch in Europa. Nach Schätzungen leben allein in Deutschland 24.000 beschnittene Frauen. Warum hat die Problematik hier bislang kaum jemanden interessiert?

Waris Dirie:Das Thema wurde schon aufgebracht. Es gibt eine Reihe von Organisationen, die dazu in Deutschland arbeiten, etwa "Terre des Femmes". Aber die Öffentlichkeit scheint sich nur für die grausamen Fälle zu interessieren, jene, die die Sensationslust befriedigen. Außerdem denken alle sofort, es handele sich bei der Beschneidung ausschließlich um ein afrikanisches Problem. Dabei ist diese Tortur weltweit verbreitet. Deshalb habe ich das Buch "Schmerzenzkinder" auch geschrieben: Es ist höchste Zeit, dass die Gesellschaft hier die Augen öffnet.

Was wird einem Mädchen mit der Verstümmelung der Genitalien angetan?

Es ist ein schweres Verbrechen, die zynischste Form von Kindesmissbrauch. Stellen Sie sich ein Opfer von schwerem, Kindermissbrauch vor, verbunden mit einer schweren Körperverletzung - und das alles geschieht in der Familie. Dazu kommt, dass man nicht darüber sprechen darf - es ist einfach eine Tradition, die man zu ertragen hat, um eine Frau zu werden. Sich zu beklagen wäre undenkbar. Besonders schwierig ist es für Mädchen, die hier in Europa aufgewachsen sind: Sie gehen ganz normal in die Schule und mit ihren Freundinnen ins Kino - aber sie tragen dieses Geheimnis mit sich herum. Selbst wenn sie die Unsicherheit und die Scham überwinden könnten, hätten sie immer noch große Schwierigkeiten, darüber zu sprechen, weil sie das Gefühl haben ihre Leute zu verraten. Eines ist mir allerdings wichtig zu sagen: Genitalverstümmelung ist zwar ein schweres Verbrechen, das unbedingt bestraft werden muss. Aber man muss auch sehen, dass die Mütter aus Liebe dafür sorgen, dass ihre Töchter beschnitten werden. Sie haben das alles selbst mitgemacht und ertragen, und sie sind überzeugt, dass sie das Beste tun für ihr Kind. Deshalb ist es so wichtig, die Opfer zu betreuen, liebevoll und mit Respekt: Sie sind die Mütter von morgen.

Worin besteht der "kulturelle" Sinn dieser Verstümmelung?

In meiner Heimat heißt es, eine unbeschnittene Frau sei ein leichtes Mädchen und würde nie einen Mann finden. Das zeigt schon, worum es geht: Frauen sollen ihre eigenen Wünsche verlieren, und ganz für die Befriedigung der Wünsche des Mannes da sein. In meiner Heimat werden die Mädchen außerdem noch zugenäht - das garantiert dem zukünftigen Ehemann die Jungfräulichkeit der Braut. Frauen werden eben in vielen Kulturen immer noch als Eigentum des Mannes gesehen. Dank langer Kämpfe ändert sich das jetzt langsam.

Wer sorgt denn dafür, dass die Mädchen beschnitten werden? Die Mütter oder die Väter?

Die Mütter sorgen dafür, dass es gemacht wird. Die Väter verlangen, dass es gemacht wird, um den Brautpreis zu sichern. Und die Ehemänner haben ihren Anteil, weil sie keine unbeschnittenen Frauen heiraten wollen. Verteidigt wird es von allen - noch. Denn ich habe bei meinen vielen Gesprächen bemerkt, dass keine Frau, die nur einmal darüber nachdenkt und sich an die Qualen erinnert, das ihrer eigenen Tochter noch einmal antun wird. Und Männer haben sowieso keine Ahnung, was dieses Ritual für die Frauen bedeutet: Wenn man es ihnen erklärt, sind sie völlig entsetzt und wollen, dass es nie mehr geschieht. Das Unwissen ist enorm: Ich habe sogar mit Männern gesprochen, die davon überzeugt waren, dass unbeschnittene Frauen keine Kinder bekommen können.

Wie kann diese Praxis verhindert werden

Wir brauchen klare Gesetze, die auch durchgesetzt werden. Bisher gibt es nur in einem einzigen europäischen Land Verurteilungen wegen Genitalverstümmelung: In Frankreich. Und das nicht, weil es dort häufiger vorkommt, sondern weil es einfach das einzige Land ist, in dem kontrolliert und angeklagt wird. Das ist immens wichtig, weil eine Strafe hundert Mal abschreckender wirkt als jede Aufklärungsarbeit. Das Strafverfahren muss nur Hand in Hand gehen mit der Hilfe für die Opfer, die ja dann als Müter oft zu Täterinnen werden, und mit weiterer Präventionsarbeit.

Wie ist die rechtliche Situation in Deutschland

In Deutschland ist die Gesetzeslage unklar. Es gibt keine eigenen Gesetze gegen Genitalverstümmelung, es gibt keine Meldepflicht für Ärzte und Lehrer und keine Kontrollen. Es es ist völlig unklar was es rechtlich heißt, wenn ein hier lebendes Mädchen ohne deutsche Staatsbürgerschaft im Heimatland der Eltern verstümmelt wird. Da muss also dringend etwas getan werden. Außerdem fehlt es völlig an Betreuungsangeboten für die Opfer: In ganz Deutschland gibt es nur eine einzige Beratungsstelle, in Frankfurt. Die zweite, in Berlin, musste nach einem Jahr zusperren weil die Fördermittel gestrichen wurden. Ist das nicht unglaublich?

Was können die Behörden unternehmen?

Die Behörden müssen alles tun, was in ihrer Macht steht, um diese Verbrechen zu verhindern. Stellen Sie sich nur einmal vor, was für einen Aufschrei es geben würde, wenn ein weißes Mädchen so eine Tortur mitmachen müsste: Das wäre ein riesiger Skandal! Dass man bei einem schwarzen Mädchen eher bereit ist wegzusehen, das halte ich ohnehin für die härteste Form von Rassismus überhaupt. Wenn da noch mit Respekt vor anderen Kulturen argumentiert wird, wird mir schlecht. Dieser sogenannte Respekt kann doch nur aus einer Weigerung entstehen, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, die hierherkommen. Sonst könnte man nicht so die Augen verschließen.

Was soll Ihr neues Buch bewirken?

Ich will damit erreichen, dass die Deutschen sich mit dem Thema auseinandersetzen und aktiv werden gegen Genitalverstümmelung. Es ist nicht nur mein Problem, sondern genauso sehr Ihres. Es ist nicht nur die Aufgabe der Afrikanerinnen, dagegen zu kämpfen, sondern genauso sehr die Aufgabe der Europäer. Ich will Augen öffnen.

Die Fragen stellte Florian Güßgen