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Georg-Büchner-Preis: Reinhard Jirgl betrachtet Sprache als Material zur Kunst

Entsetzlich schwer zu lesender Autor oder großer Sprachkünstler? An dem Schriftsteller Reinhard Jirgl scheiden sich die Geister. Das große Lesepublikum konnte er noch nicht gewinnen, dafür einen Preis nach dem anderen. Vorläufiger Höhepunkt ist der Georg-Büchner-Preis.

Reinhard Jirgl gilt als Sprach-Avantgardist und krasser literarischer Einzelgänger. Wegen der oft lautmalerischen, an Arno Schmidt erinnernden Rechtschreibung erreichte der Georg-Büchner- Preisträger 2010 bisher kein großes Lesepublikum. "Mir geht es darum, dass die Sprache selbst ein Material ist, mit dem man Kunst machen kann, die also ein Kunstträger in sich ist, so wie für manche Maler die Leinwand", erklärte der Autor seine Schreibmethode jüngst im Interview mit der "Frankfurter Rundschau". Am Samstag sollte der 1953 in Ost-Berlin geborene Jirgl die renommierteste deutsche Literatur- Auszeichnung im Staatstheater Darmstadt entgegennehmen.

"Er hat den Ruf als schwieriger Autor. Aber wenn man sich einmal auf die Zeichensetzung einlässt, ist sie überhaupt nicht schwer zu verstehen", meint sein langjähriger Lektor Wolfgang Matz vom Münchner Carl Hanser Verlag. In seinem jüngsten Werk "Die Stille", 2009 nominiert für den Deutschen Buchpreis, finden sich Sätze wie: "?Hättest du=Anihrerstelle? nicht weinen müssen. Denn son Hochzeit's Tag gilt doch für 1 Frau als Der-Schönste-Tag=im-Le -" Matz betont: "Unter Kritikern, Kollegen und literarischen Lesern gilt er schon viele Jahre als einer der besten." So hat Jirgl auch schon viele Literatur-Auszeichnungen abgeräumt - darunter den Alfred-Döblin-Preis (1993) und den Joseph-Breitbach-Preis (1999).

Dabei wurde der Sohn von Dolmetschern erst über Umwege Autor. Aufgewachsen bei den Großeltern in der Altmark (Sachsen-Anhalt), lernte er Elektromechaniker. Er studierte anschließend Elektronik an der Berliner Humboldt-Universität. Von 1975 an schrieb Jirgl, der zunächst als Ingenieur arbeitete, Prosa - anfangs allerdings bloß für die Schublade. "Zu genau war Reinhard Jirgls Blick auf die Verhältnisse im Staat, zu drastisch waren seine historischen Vergleiche, als dass er in der DDR hätte publizieren können", heißt es im "Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" (2003).

Er verfasste in der DDR sechs unveröffentlichte Bücher, darunter "Mutter Vater Roman". Der Aufbau-Verlag lehnte dieses Werk wegen "nichtmarxistischer Geschichtsauffassung" ab. Seinen Unterhalt verdiente sich Jirgl ab 1978 als Beleuchtungs- und Servicetechniker an der Berliner Volksbühne. Entschiedener Förderer Jirgls war der Dramatiker Heiner Müller. In der Nachwende-Zeit 1990 konnte Jirgls erstes Buch "Mutter Vater Roman" in einem von Gerhard Wolf edierten Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag erscheinen. Der Durchbruch gelang ihm 1993, als er für "Abschied von den Feinden" den Alfred- Döblin-Preis erhielt, mit Kritiker-Lob überschüttet und Autor des Hanser Verlags wurde. Dort erscheinen seine Bücher seither.

Seit 1996 ist der 57-Jährige freier Schriftsteller, oft wird er in der Tradition des Expressionismus gesehen. Neben seinem 533 Seiten langen Familienepos "Die Stille" hob die den Büchner-Preis vergebende Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Roman "Die Unvollendeten" (2003) hervor.

Und sie schrieb: Jirgl habe in "einem Romanwerk von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet". Mit "großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft - geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus" erzähle Jirgl von den Aufbrüchen und Katastrophen, den Kriegen und Vertreibungen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung. Hanser-Geschäftsführer Michael Krüger meint: "Reinhard Jirgl ist der krasse Außenseiter der deutschen Literatur - und damit der ideale Büchner-Preisträger."

Inga Radel, DPA / DPA