HOME

Heinz-Rühmann-Biografie: Für Privilegien muss man auch bezahlen

Trotz seines steilen Aufstiegs während der Nazi-Zeit konnte Heinz Rühmann seine Karriere in der BRD ungebrochen fortsetzen. Eine Biografie beleuchtet das Leben des beliebten Schauspielers.

Heinz Rühmann ist neben Gustaf Gründgens das berühmteste Schauspieler-Beispiel für den Drahtseilakt von Künstlern im Dritten Reich. Beide erreichten in der NS-Zeit eine ungeheure Popularität, die sie unmittelbar nach dem Krieg zwar vorübergehend in ein Zwielicht rückte und auch in Schwierigkeiten brachte, aber ihrer weiterhin steil ansteigenden künstlerischen Karriere auch im Nachkriegsdeutschland nicht im Wege stand. Zum 100. Geburtstag Rühmanns nimmt dieses Thema in der Biografie von Torsten Kröner ("Ein guter Freund", Aufbau-Verlag) auch einen großen Raum ein.

Rühmann sei ein »durch und durch deutscher Schauspieler« mit »vielen Masken« gewesen, schreibt der Filmregisseur und Freund der Rühmann-Familie Michael Verhoeven in seinem Vorwort zu der Biografie. Rühmann sei ein unpolitischer Künstler gewesen, was ihm manchmal »den vernichtenden Vorwurf des Opportunismus« eingebracht habe. »Künstler, die das System nicht bekämpft haben, haben das System bestärkt. Auch mit harmlosesten Komödien. Und auch, wenn sie glaubten, mit Harmlosigkeiten dem System zu entgehen.« In Rühmann könne man sein Publikum wieder erkennen. Vor allem aber sei er der letzte große deutsche Star des 20. Jahrhunderts.

Rühmann "mogelte sich durch"

Es ist das Verdienst dieser Biografie, die ambivalente Haltung beider Seiten - Rühmanns und der Nazis - zueinander möglichst fakten- und quellenreich darzustellen. Sie zeigt Rühmanns Bemühungen, seine Filmkarriere zielstrebig fortzusetzen und sich dabei große Freiheiten herauszunehmen, ohne sich propagandistisch zu sehr aus dem Fenster zu hängen. "Er mogelte sich durch, er lavierte und war deshalb schwer einzuordnen", betont der Biograf.

Erwähnt werden aber auch die Grenzfälle, wie der Film »Quax, der Bruchpilot«, der 1945 von den Alliierten als Disziplinierungsfilm mit starkem militärischem Gestus zunächst verboten wurde. Oder Wochenschauszenen mit Rühmann in Uniform als Kurierflieger der Wehrmacht und ein Familienfilm zum Geburtstag von NS- Propagandaminister Joseph Goebbels 1940 mit den Goebbels-Kindern. Auch im Wehrmachts-Wunschkonzert trat Rühmann mit Kollegen auf (»Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern«). »Wer Privilegien im Dritten Reich genoss, musste sie auch bezahlen«, heißt es dazu in dem Buch.

Hoher "Ablenkungs-Stellenwert"

Die Biografie zeigt aber auch das Misstrauen der Nazis gegen den populären Schauspieler ebenso wie ihr Hofieren, weil sie wussten, welchen »Ablenkungs-Stellenwert« Unterhaltungsfilme für die breite Masse gerade in schweren Zeiten darstellen können. Diese Ambivalenz geben am besten die unterschiedlichen Tagebuch-Notizen des für den Film zuständigen Ministers Goebbels wieder: »Kein besonders guter Rühmann-Film. Aber für den Krieg schon zu gebrauchen.« (31. Oktober 1939 über »Hurra, ich bin Papa!«). Dann wieder: »Heinz Rühmann benimmt sich reichlich unverschämt. Ich lasse ihn warnen.«

Vom Kriegsdienst befreit

Letztendlich fand sich Rühmanns Name aber bis zum Schluss des Krieges auf jener legendären »Gottbegnadeten-Liste« der Nazis von Künstlern wieder, die vom Kriegsdienst befreit bleiben sollten. Und Rühmanns Verbindungen zu dem Fliegerheld Ernst Udet und Abwehrchef Wilhelm Canaris war es zu verdanken, dass der leidenschaftliche Flieger auch während des Krieges weiterhin fliegen durfte.

Der letzte Film mit Rühmann, den die Kinobesucher nach anfänglichen Widerständen im Funktionärsapparat, vor allem aus dem Erziehungsministerium, zu sehen bekamen, war die unsterbliche Pennäler-Komödie »Die Feuerzangenbowle«, uraufgeführt am 28. Januar 1944 in Berlin - auf dem Höhepunkt bzw. dem sich abzeichnenden Ende des Zweiten Weltkriegs. Einige der Darsteller der Oberprimaner erlebten die Premiere des Films schon nicht mehr.

Ein Film zum Lachen

Hitler persönlich soll die Freigabe des Films angeordnet haben, heißt es in der Biografie, nachdem Rühmann mit einer Filmrolle unter dem Arm in Hitlers Hauptquartier »Wolfsschanze« nach Ostpreußen geflogen war. Demnach fragte Hitler, der sich in jener Zeit keine Spielfilme mehr ansah, seinen Reichsmarschall Hermann Göring nur: »Ist der Film zum Lachen?« und meinte nach der bejahenden Antwort kurz: »Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben.« Diese Komödie, der vielleicht schizophrenste Film des Dritten Reiches, ist für den Biografen Rühmanns auch ein »überaus melancholischer« Film, »der die eigenen Erinnerungen zum rettenden Paradies verklärt, aus dem man nicht vertrieben werden kann«.

Rekordquoten für »Feuerzangenbowle«

Der wohl berühmteste Rühmann-Film erlangte im Nachkriegsdeutschland Kultstatus, der sich, wie es in der Biografie heißt, wie kaum ein anderer deutscher Film nachhaltig in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeprägt habe. An vielen deutschen Universitäten sind Vorführungen in der Vorweihnachtszeit nach wie vor Kult. Bei der Erstsendung am 26. Dezember 1969 im ZDF sahen 20 Millionen Zuschauer die »Feuerzangenbowle«, ähnlich gute Quoten verzeichnete der Klassiker regelmäßig auch im DDR-Fernsehen.

Torsten Körner: Ein guter Freund. Heinz Rühmann.
Aufbau-Verlag, Berlin, 479 Seiten, 25,51 Euro