Harry-Potter-Enthüllungen Die Flucht vor dem Ende


Ein echter Harry-Fan hat's schwer in diesen Tagen: Das Warten auf den letzten Band zerrt an den Nerven. Seit jedoch angeblich die komplette Potter'sche Apokalypse im Internet steht, befindet sich stern.de-Mitarbeiterin Angelika Dehmel regelrecht auf der Flucht. Ein Leidensbericht.

Mein Kollege hält mir dämlich grinsend die "Bild-Zeitung" vor die Nase und blökt wie ein Erstklässler: "Ich weiß, wie Harry Potter endet, ich weiß, wie Harry Potter endet!" Bei mir entsteht das dringende Bedürfnis, ihm trotz der frühen Stunde die Hände um die Kehle zu legen und zuzudrücken. "Naaaaa?! Soll ich es dir sagen?", feixt er und wedelt mit dem aufgeschlagenen Blatt vor meiner Nase rum. Ich haue ihm gerade die Zeitung aus der Hand, da erscheint schon der nächste und brüllt an der Bürotür: "Hey, Harry Potter geht nicht drauf, sondern..." Ich halte mir die Ohren zu, schreie laut: "Nein, nein, nein, ich höre nichts", und renne erst einmal auf die Toilette. Wie soll ich nur diese zwei Tage überstehen, ohne dass mir jemand, sei es aus purer Bosheit oder aus Unverständnis ("Du liest das Buch doch in jedem Fall, was regst du dich auf?") das Ende verrät?

Seit Tagen, nein, seit Jahren (wer es ganz genau wissen will: Seit ich den sechsten Band an einem Wochenende durchgelesen habe und in meinem Kopf die wildesten Verschwörungstheorien gegeneinander kämpfen) warte ich nun inbrünstig auf den letzten Teil aus Harrys Welt. Und nun hat so ein gemeiner mieser Obermuggel das Buch vermutlich ins Netz gestellt, und die Medienmaschine stürzt sich auf die Geschichte wie Hauselfen auf einen Schmutzfleck.

Kontaktaufnahme nur mit Gedankenlesen, bitte!

Wenn man das Pech hat, ein Teil dieser Maschine zu sein und im Redaktionsbüro eines tagesaktuellen Mediums zu sitzen, hat man ein ernstes Problem: Wie bleibe ich unwissend, wenn der Fernseher läuft, das Radio dudelt, Stapel von Zeitungen ausliegen und sich im Großraumbüro äußerst nette Kollegen die Neuigkeiten der Stunde zurufen? (Unter uns, ich habe den Verdacht, dass die alle unter dem Imperius-Fluch einer "Wir verderben Leuten den Lesespaß"-Terrorgruppe stehen, die von Konkurrenzverlagen des Harry-Potter-Herausgebers bezahlt wird.)

Gut, vor vermuggelten Mitarbeitern kann ich mich mit Ohrstöpseln oder Musik schützen. Wer etwas von mir will, kann mir ja mailen, oder er versucht sich in Legilimentik (für die Ignoranten unter uns: Gedankenlesen). Da wir gerade bei Mails und Internet sind: Auch hier lauern die Verräter, die einem alles verderben. Leider kann ich nicht blind durchs Netz fischen, und es gibt noch kein Tool, das meinen Server instruiert, alle Seiten mit dem Stichwort "Harry Potter" herauszufiltern. Obwohl ich unser Computerressort fragen könnte - vielleicht können mir die Nerds ja eins bauen?

Lesen und Klappe halten

Also keine Recherche heute. Wie wäre es mit stiller Ablagearbeit? Oder noch besser, ich melde mich krank wegen akuten Befalls von Schlickschlupf. Sie wissen nicht, was das ist? Dann brauche ich Ihnen das auch nicht zu erklären, denn dann gehören Sie sowieso zur Anti-Potter-Liga. Glauben Sie mir einfach, wenn ich sage, dass es sehr schmerzhaft und langwierig ist. Wenn ich wegen dieses Leidens nach Hause gehe (mit zusammengekniffenen Augen, Ohrstöpseln und Gehstock, versteht sich), muss ich nur noch heil durch die U-Bahn kommen. Dort starre ich verkrampft aus dem Fenster, um die Info-Screens nicht lesen zu müssen.

Ich bin versucht, mir ein Schild zu malen, auf dem steht: "Vorsicht, Potter-Fan: Wer verrät, wer sterben muss, ist tot." Dann muss ich nur noch bis Samstag durchhalten. Der einzige, dem ich die Tür öffnen werde, ist der Postbote. Er wird mir zwischen 7 und 18 Uhr mein bestelltes Buch an die Haustür bringen. Ich werde es mit zitternden Händen öffnen und den Duft frischer Druckerschwärze einatmen. Die Ohrstöpsel bleiben aber so lange drin, bis ich die letzte Seite umgeblättert habe und alle meine Fragen beantwortet sind. Meine Nachbarn hören so laut Fernsehen.

Also, im Namen der Millionen Fans, die das glückliche oder schreckliche Ende (aber eben definitiv das Ende!) selbst lesen wollen, starte ich hiermit einen Schweigeappell. Jeder möge sich informieren, wie es ihm beliebt. Aber er soll doch bitte die Klappe halten. Sonst zücke ich den Zauberstab, sage laut "Langlock", und dann werden Sie sehen, was Sie davon haben!


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