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Henri-Nannen-Preis 2006: Die Nacht der Edelfedern

Es passiert nicht oft, dass Prominente Journalisten applaudieren. Eine dieser seltenen Gelegenheiten ist die Verleihung des Henri-Nannen-Preises, wo Journalisten für ihr Werk geehrt wurden. Und selbst Günther Jauch ins Plaudern kam.

Von Claudia Pientka

Es war schon eine ungewöhnliche Woche in Hamburg: Seit mehr als zehn Tagen schien die pralle Sonne auf die sonst so verregnete Hansestadt und just in dem Moment als Deutschlands Lieblingsmoderator Günther Jauch zu einem Auftrag auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses eilte, ergoss sich ein Regenschauer über seine breiten Schultern. Eine künstliche Regenwand über den Theaterbrettern hatte den Moderator nasskalt erwischt. So musste Jauch seinen Job mit triefendem Jackett erledigen: "Diese Nummer war heute so nicht geplant", erklärte er dem lachenden Publikum, "aber vermutlich ist das die Strafe dafür, dass ich als einziger heute Abend keinen Smoking trage."

Wofür sich der sonst immer korrekt gekleidete Moderator am Freitagabend so außer Reihe angezogen hatte, war die Verleihung des Henri-Nannen-Preises, einer Veranstaltung, auf der herausragende journalistische Leistungen geehrt werden. Denn statt Schauspielern, Musikern und Künstlern sollten hier diejenigen im Vordergrund stehen, die sonst hinter ihren Artikeln verschwinden. Verkehrte Welt für einen Abend: Autoren auf der Bühne, diesmal beklatscht von den Stars im Publikum. Der Journalistenpreis wurde erst zum zweiten Mal in dieser Form vergeben, er war erst im vergangenen Jahr aus dem alterwürdigen Egon-Erwin-Kisch-Reportagepreis hervorgegangen.

Über 870 Arbeiten eingereicht

So waren einige Prominente gekommen, um der schreibenden Zunft zu applaudieren: Gudrun Landgrebe stolzierte über den roten Teppich, Jette Joop und ebenso Dieter Wedel, der sich mit verspiegelter Pilotenbrille vor dem Blitzlichtgewitter schützte. Musikalisch wurde der Abend begleitet von den "Massiven Tönen" und der deutschen "Eurovision Song Contest"-Hoffnung "Texas Lightning". Doch vor allem war es ein Abend von Journalisten für Journalisten und so war schon die Jury der Auszeichnung hochkarätig besetzt: Elisabeth Biondi (Visuals Editor "The New Yorker"), der Fotograf Elliott Erwitt und die Chefredakteure Peter-Matthias Gaede ("Geo"), Hans Werner Kilz ("Süddeutsche Zeitung"), Roger Köppel ("Die Welt"), Giovanni di Lorenzo ("Die Zeit"), Helmut Markwort ("Focus"), Thomas Osterkorn ("Stern"), Frank Schirrmacher ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Cordt Schnibben (Ressortleiter "Der Spiegel") und Alice Schwarzer ("Emma").

Mehr als 870 Arbeiten waren für die unterschiedlichen Kategorien eingereicht worden und doch wurde der erste Preis ohne Bewerbung vergeben. Vorsichtig stakste die Laudatorin Ayaan Hirsi Ali die breite Bühnentreppe hinunter und warb für die Pressefreiheit, die ihrer Meinung nach auch das Recht beinhalten sollte, zu beleidigen. Doch ausgezeichnet für die Kategorie "Pressefreiheit" wurde Hrant Dink, Journalist und Herausgeber der zweisprachige Wochenzeitschrift "Agos". Seit Jahren verleiht er der unterdrückten armenischen Minderheit in der Türkei eine Stimme und wurde dafür mehrfach verklagt und inhaftiert. Seine Rede, in der an die dunkle Seite aller Nationen erinnerte, hielt er so flammend, dass er sogar seinen Preis vergaß: Später musste er sich zurück auf die Bühne schleichen um die Büste des stern-Gründers Henri Nannen zu holen.

Traumreise mit den "Massiven Tönen"

Auf eine Traumreise nahm die Stuttgarter Band "Massive Töne" das Publikum mit. "Ich mach mit dir 'ne Traumreise, in dem ich den Globus dreh' und mit dem Finger drauf zeige" sangen sie. Auf eine andere Reise hatten die nominierten Fotografen in der Kategorie "Beste fotografische Autorenleistung" ihre Betrachter mitgenommen: Ein wilder Motorradritt von Peking nach Berlin, eine mehrjährige Suche nach der Antwort auf die Frage "Warum glaubt der Mensch" und, die Gewinnerreportage, mit auf den Gesundungsweg der Soldatin Jessica Clements, die schwerstverletzt aus dem Irak zurückgekehrt war.

Die Welt mit Worten statt in Bildern erklärten die Journalisten der Kategorie "Beste investigative Leistung". Ob Ärztebestechung durch den Pharmakonzern Ratiopharm, Schleichwerbung bei den Öffentlich-Rechtlichen oder die VW-Affäre, diese Journalisten hatten im Dreck gewühlt und Unglaubliches zu Tage gefördert. Ausgezeichnet wurde Kayhan Özgenc, der die Selbstbereicherung einiger VW-Chefs und Betriebsräte aufgedeckt hatte.

Dokumentieren, reportieren, amüsieren

Für "besonders verständliche Berichterstattung" wurden die Journalisten Henning Sussebach und Stefan Willeke mit ihrem Stück "Operation Lohndrücken" geehrt. Ein Lehrstück zum Thema Arbeit und Globalisierung, das die Produktion eines deutschen Elektrorasierers in Schweden, Tschechien, Schweden, Marokko und Irland nachzeichnete. Ein ganz anderes Thema hatte der Gewinner-Beitrag "Beste Reportage": Ergreifend nah und doch ohne die eigenen Emotionen in der Vordergrund zu rücken hatte der Autor Bartholomäus Grill den Weg seines Bruders in ein Schweizer Sterbehospiz und in den Tod beschrieben. "Ich will nur fröhliche Musik", erschienen in der Wochenzeitung "Die Zeit", wurde mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet.

Günther Jauch blieb auch bei diesem emotionalen Thema ganz Profi, leitete souverän durch den Abend und schaffte es spielend, Übersetzungsprobleme mit englisch-sprachigen Gästen zu überbrücken, unterbrochenen Laudatorinnen zu ihrem Rederecht zu verhelfen - selbst die von ihm so verhassten Fragen zu seiner Hochzeit beantwortete er süffisant lächeln. Ob er denn auch die "Bild-Zeitung" zu seiner Hochzeit einlade, wollte der Preisträger für die "Herausragende humorvolle Berichterstattung" und stellvertretende Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" Kurt Kister wissen. "Die "Bild-Zeitung" lade ich ungefähr so gerne ein, wie …. Verstehen sie mich?" antwortet Jauch.

Besonderes publizistisches Lebenswerk von Joachim Fest

Für sein journalistisches Lebenswerk wurde der Publizist Joachim Fest ausgezeichnet. stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn begründete die Entscheidung: "Der Hitler-Biograf und ehemalige FAZ-Herausgeber Joachim Fest erhält den Henri-Nannen-Preis für sein publizistisches Lebenswerk, weil er wesentliche Anstöße zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit gegeben hat. Nur wer Geschichte begreift, kann Gegenwart gestalten, glaubt er. Und zum Begreifen gehört für Joachim Fest die Erkenntnis, 'dass der Mensch diese Anlage zum Bösen, zum Verderblichen, zum absolut Urwaldlich-Barbarischen immer wieder hat'."

Mit dieser Ehrung endete der offizielle Teil der Nacht der Edelfedern, die Party zog sich bis in die frühen Morgenstunden. Doch an diesem Abend hatte Günther Jauch noch Ruhe vor der Presse – und das obwohl er doch unter hunderten von Journalisten war.