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Interview Mirjam Müntefering: "Fernsehen war mir zu viel Lügerei"

Sie ist die Tochter von Franz Müntefering, betreibt eine Hundeschule und schreibt Bücher, die oft von Liebe unter Lesben handeln. Mit stern.de spricht Mirjam Müntefering darüber, wie sie sich für lesbische Normalität einsetzt, und über das Verhältnis zu ihrem Vater.

Frau Müntefering, eigentlich sind Sie auf lesbische Liebesliteratur spezialisiert. Jetzt wollen Sie mit dem Roman "Liebesgaben" raus aus der Nische. Haben Sie deshalb versucht, die lesbischen Anteile bewusst gering zu halten?

Ich wünsche mir für alle Bücher, dass es irgendwann möglich ist, lesbische und schwule Protagonisten zu haben, ohne dass Homosexualität problematisiert wird.

Die Heldin Kim fragt sich, wie offen eine Lesbe mit dem Lesbischsein umgehen soll, gerade wenn sie neue Leute kennen lernt. Wie präsent ist das bei Ihnen?

Man sagt natürlich nicht: "Hallo, ich bin Sylvia Schmidt und ich stehe auf Frauen." Meine Lebensgefährtin spricht bei ihrer neuen Arbeit beispielsweise möglichst selbstverständlich von ihrer Lebensgefährtin und sich selbst. Nach kürzester Zeit wissen die Leute natürlich Bescheid.

Sind lesbische Beziehungen trotzdem komplizierter, weil immer noch die Außenwirkung eine Rolle spielt - gerade bei prominenteren lesbischen Beziehungen?

Mein nationales Coming-Out hatte ich 1998, als mein erstes Buch "Ada sucht Eva" herauskam. Da haben sich plötzlich alle auf mich gestürzt, weil mein Vater damals Minister war und seine Tochter ein Buch mit eindeutig lesbischem Inhalt veröffentlicht hatte. Mein Vater mir geraten, eine Home-Story zu machen. Dann habe ich die "Bild am Sonntag" eingeladen.

Sie befassen sich diesmal in Ihrem Roman mit Hunden. Sind Ihre Hunde Lotte und Maggie für Sie ein Kinderersatz?

Sie sind ein Teil unserer kleinen Familie. Wenn man sich Hunden gegenüber richtig verhält, ist das, als hätte man mit Kindern zu tun.

Sie wurden einmal beim Fernsehen ausgebildet. Haben Sie sich ähnlich angewidert abgewendet wie die Romanheldin Kim in "Liebesgaben"?

Es war nicht so extrem, aber auch keine schöne Zeit, ich habe nicht gerne fürs Fernsehen gearbeitet - für den Kinderkanal von ARD und ZDF schon. Bei manchen anderen Sachen war mir zu viel Lügerei.

Sie treten selbst in Talkshows auf. Wie ist das für Sie?

Manchmal ist es eine Lachnummer, wenn ich merke, dass die Moderatoren nur Marionetten sind und Journalisten spielen. Die machen nur, was ihr Sender will. Ich warte immer noch auf den Journalisten, der mir keine Frage zu meinem Vater stellt.

Warum nervt Sie das so sehr?

Ich schreibe produktiv Bücher, habe einen eigenen erfolgreichen Betrieb und werde trotzdem immer darauf reduziert, ein Kind von jemandem zu sein.

Im Augenblick läuft der Wahlkampf an. Verfolgen Sie die TV-Politik?

Ich habe mich eine Zeit lang politisch engagiert und in Sachen Lebenspartnerschaften haben wir tatsächlich etwas erreicht. Bei anderen Sachen dachte ich, dass es hinterher doch alles nicht bringt. Da kann ich Politikmüdigkeit schon verstehen.

Gerade erst wurde über Adoption für lesbische oder schwule Paare diskutiert. Ist das etwas, worüber sie nachgedacht haben?

Nein. Ich wüsste gar nicht, wo ich ein Kind in meinem Alltag unterbringen sollte. Ich stürze mich lieber auf die Kinder von Freunden, betüttel' die richtig, und bin froh, wenn ich sie wieder abgeben kann.

Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat gerade ein Schattenkabinett benannt mit einem deutlichen Frauen-Überhang - sind Frauen bessere Politiker?

Auf der Homepage der Landesarbeitsgemeinschaft NRW steht: Lesben sind nicht die besseren Menschen. Ich denke, Frauen sind auch nicht die besseren Menschen.

Wäre Klaus Wowereit ein besserer Kanzlerkandidat? Es würde für mehr Akzeptanz gegenüber Schwulen und Lesben sorgen.

Ich weiß es nicht, aber das fände ich schön. Noch besser wäre eine lesbische Bundeskanzlerin.

Sie selbst haben keine Ambitionen?

Um Gottes Willen.

Nerven die Leute bei Lesungen eigentlich auch immer mit diesen Vater-Fragen?

Das passiert ganz selten. Die Zuhörer in meinen Lesungen kommen wegen der Romane. Die Leser von stern.de oder der "Bild am Sonntag" dagegen würden einen Artikel von mir grundsätzlich wahrscheinlich eher überblättern.

Die bleiben hängen, wenn Sie noch mehr zur Freundin Ihres Vaters sagen. Ein bisschen was Spektakuläres. Vielleicht: "Mir wäre Sie ein wenig zu jung."

(lacht) Ach, wieso. Erst mal kennen lernen und mal gucken...

Interview: Johannes Gernert
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